Tabakwirtschaft
Geht deutschen Tabakzüchtern die Puste aus?
EU-Gelder gibt es seit 2009 nicht mehr. Auch Landesrechnungshof gegen staatliche Züchtung. Tabakbauern im Südwesten vom Aus bedroht.
Forchheim/Rheinstetten. Die dunkelgrünen Pflanzen sind hüfthoch, die Ernte hat begonnen. Die Tabakpflanzer erwarten eine gute Qualität und stabile Mengen, aber richtig glücklich sind sie trotzdem nicht. Denn nicht nur wird das Rauchen allerorts gegeißelt, nicht nur gibt es seit 2009 keine Zahlungen der EU mehr an die Tabakbauern, sondern jetzt wird auch noch an der Basis für die wenigen verbliebenen Pflanzer im Südwesten gerüttelt. Der staatlichen Tabakzüchtung am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) droht das Aus.
"Das würde für uns hier das Ende bedeuten", sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Tabakpflanzer, Wolfgang Moritz. "Wir brauchen die Forschung und die Züchtungen, wir brauchen Pflanzen mit bestimmten Resistenzen, die für unsere Böden und klimatischen Bedingungen geeignet sind." Wenn von dort kein geeignetes Saatgut mehr kommt, könnten die Tabakbauern einpacken.
+++ Rauchen in Hamburgs Restaurants bald erlaubt +++
+++ Rauchen schadet Frauen mehr als Männern +++
Den Ball ins Rollen gebracht hatte der Landesrechnungshof Anfang Juli: In die dem Landwirtschaftsministerium unterstellte Landesanstalt fließe zu viel Geld für Tabakforschung, monierte er. "Darauf müssen wir natürlich reagieren", sagt Thomas Berrer vom Landwirtschaftsministerium. Die Kritik des Rechnungshofes nehme man ernst: Der Tabakanbau sei ein Nischenprodukt geworden, außerdem spielten auch die Gesundheitsgefahren eine große Rolle in der gesellschaftlichen Debatte.
"Unsere Züchtungen genießen Weltrang", hält Klaus Mastel von der betroffenen LTZ-Außenstelle Forchheim dagegen. Außerdem habe der Tabakanbau in Baden-Württemberg eine lange Tradition und werde von ausgewiesenen Fachleuten schon seit Generationen betrieben – es wäre ein Jammer, würden die letzten Tabakpflanzer auch noch von der Bildfläche verschwinden, sagt er. "Und es raucht deswegen doch niemand mehr oder weniger!"
Am Tabakanbau hängen auch Arbeitsplätze", sagt Moritz. Neben den rund 1000 Saisonarbeitern seien etwa zwei bis drei Arbeitsplätze pro Betrieb mit dem Tabakanbau verknüpft. Und am LTZ selbst müsste sich zum Beispiel Norbert Billenkamp, "Leiter Sachgebiet Tabak", und seine zwei Mitarbeiter einen neuen Job oder eine andere Aufgabe suchen. Dennoch: Macht Tabakanbau in Baden-Württemberg wirklich noch Sinn?
Die reinen Fakten sprechen dagegen. Die Zahl der Tabak anpflanzenden Betriebe ist in Baden-Württemberg dramatisch geschrumpft. Verdienten vor zehn Jahren noch etwa 300 Betriebe damit ihr Geld, sind inzwischen nur noch 60 übrig. Sie kümmern sich auf rund 900 Hektar Fläche um die Pflanzen, die jährlich etwa 2700 Tonnen Tabakblätter abwerfen. Bundesweit gibt es noch etwa 120 Betriebe, die insgesamt 2100 Hektar bewirtschaften. Baden-Württemberg trägt 40 Prozent, Rheinland-Pfalz gut 20 Prozent zum in Deutschland erzeugten Tabak bei. Ihr Anteil am insgesamt von der Zigarettenindustrie in Deutschland benötigen Tabak ist aber marginal und im einstelligen Prozentbereich.
Alternativen zur Rettung der Tabakforschung am LTZ werden derzeit diskutiert, spruchreif ist noch nichts. "Wir sind überall in Gesprächen", sagt Berrer. Denkbar etwa wäre, dass der Tabakpflanzer-Verband seinen Beitrag für die Forschung drastisch erhöht: Bislang bezahlte er rund 100 000 Euro der insgesamt 500 000 Euro, die dafür jährlich am LTZ ausgegeben werden müssen.
Und dann ist da noch die Genbank der Tabakpflanzen am LTZ: Das Saatgut von rund 800 verschiedenen Tabakpflanzensorten liegt dort. "Das sind alte Sorten, Ziertabaksorten – eine einzigartige und außerdem die größte Genbank für Tabak in Deutschland", sagt Billenkamp. Wenn die Tabakzüchtung in Forchheim endet, braucht der Bestand einen neuen Platz. "Oder die Sammlung wird aufgegeben."

















