10.08.12Inflation
Lebenshaltung verteuert sich um 1,7 Prozent
Die Teuerungsrate in Deutschland verharrt weiter auf niedrigem Niveau. Größte Preistreiber sind Nahrungsmittel und Energiekosten.
Von Markus Henrichs
Foto: dapd
Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im Juli mit einem Plus von 3,0 Prozent spürbar
Wiesbaden. Die Inflationsrate in Deutschland bleibt deutlich unter zwei Prozent. Wie das Statistische Bundesamt am Freitag auf Basis endgültiger Zahlen in Wiesbaden mitteilte, lagen die Verbraucherpreise im Juli 1,7 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Damit blieb der Preisauftrieb so hoch wie im Vormonat. Die Teuerungsrate in Deutschland verharrt somit weiter auf dem niedrigsten Stand seit Ende 2010.
Die Preissteigerung gegenüber dem Vorjahr wäre laut den Statistikern sogar noch deutlich niedriger ausgefallen, hätten die Preise für Verbrauchsgüter, zu denen unter anderem Lebensmittel und Kraftstoff gezählt werden, nicht überdurchschnittlich angezogen. Den Angaben zufolge lagen im Juli 2012 vor allem die Energiepreise mit einem Plus von 4,4 Prozent deutlich über dem Vorjahresniveau. Größter Preistreiber war hierbei der Posten Haushaltsenergie, der sich binnen Jahresfrist um 5,3 Prozent verteuerte.
+++ Inflation auf niedrigstem Stand seit Ende 2010 +++
+++ Teuerungsrate sinkt erstmals seit 2010 unter 2,0
Prozent +++
Für die Autofahrer gab es im Hauptferienmonat Juli wenig Grund zur Freude: Auch die Kraftstoffpreise zogen mit einem Plus von 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau überdurchschnittlich stark an.
Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im gleichen Zeitraum mit einem Plus von 3,0 Prozent ebenfalls spürbar. Am stärksten fiel die Preissteigerung bei Mehl aus, das gegenüber Juli 2011 um 30 Prozent teurer wurde. Auch beim Zucker gab es mit einem Plus von 22,3 Prozent einen massiven Preisanstieg. Deutlich günstiger wurden dagegen Molkereiprodukte und Eier.
Hätte es den Preissprung bei Haushaltsenergie und Kraftstoff nicht gegeben, die laut den Statistikern rund ein Fünftel der Kosten privater Haushalte ausmachen, hätte die Inflationsrate im Juli 2012 den Angaben zufolge nur 1,1 Prozent betragen.
Die vier größten Inflationsrisiken für Deutschland
Fallende Kraftstoffpreise haben die deutsche Inflationsrate im Mai 2012 erstmals seit rund anderthalb Jahren unter die Marke von zwei Prozent gedrückt. Experten befürchten aber, dass die Entspannung nicht von Dauer sein wird und die Preise in Deutschland künftig schneller steigen werden als in der Euro-Zone. Das sind die größten Inflationsrisiken für Deutschland:
Wegen der guten Konjunktur haben die Arbeitnehmer kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt: Die Chemie-Beschäftigten bekommen 4,5 Prozent mehr, die Metaller 4,3 Prozent mehr Geld. Die Beschäftigten bei Bund und Kommunen handelten ein Plus von 6,3 Prozent für zwei Jahre aus.
Unternehmen und Staat werden versuchen, die höheren Kosten aufzufangen, in dem sie ihre Preise beziehungsweise Gebühren und Abgaben anheben.
Verteuert sich die Lebenshaltung dadurch merklich, werden die Gewerkschaften in der nächsten Lohnrunde einen Ausgleich verlangen. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln.
Bei ersten Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale müsste die EZB ihre Zinsen anheben. Mit teurerem Geld kann sie Konsum und Investitionen drosseln, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen könnte.
Aus Rücksicht auf die schwere Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird sie ihren Leitzins aber wohl noch längere Zeit auf dem Rekordtief von einem Prozent lassen. Die extrem niedrigen Zinsen aber können den Konsum im prosperierenden Deutschland weiter befeuern und die Preise anheizen.
Wegen der eskalierenden Schuldenkrise steht der Euro unter Abwertungsdruck. Mit rund 1,25 Dollar war er vorige Woche so billig wie seit Sommer 2010 nicht mehr.
Das Problem: Deutschland als rohstoffarmes Land muss Öl, Metalle und andere Materialien im Ausland kaufen. Auf dem Weltmärkten werden die Rohstoffe überwiegend in Dollar abgerechnet. Ein schwächerer Euro macht damit deutsche Importe teurer.
Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der Europäischen Zentralbank aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen.
Allein Ende 2011 und Anfang 2012 hat sie mehr als eine Billionen Euro zum Zins von aktuell einem Prozent für drei Jahre in den Finanzsektor gepumpt. Zieht die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal an, kann das viele Geld schnell in Inflation münden. (Reuters)