09.08.12Libor-Zinsskandal
US-Ermittler umwirbt UBS-Mitarbeiter mit Straffreiheit
Bei den Untersuchungen um manipulierte Zinssätze bietet die Justiz Strafferlass für Informationen. Angebot ging an Mitarbeiter der Schweizer Bank.
Von abendblatt.de
Foto: dapd/DAPD
Die US-Justiz soll nach einem Medienbericht mehreren früheren Mitarbeitern der Schweizer Großbank UBS Straffreiheit im Gegenzug für deren Mitarbeit bei den Ermittlungen zum Libor-Skandal zugesagt
New York.
Bei den US-Ermittlungen gegen die Schweizer Bank UBS zum
Libor-Skandal
hat die Staatsanwaltschaft einem Zeitungsbericht zufolge einigen ehemaligen sowie aktuellen Mitarbeitern Straffreiheit angeboten. Im Gegenzug müssten die Betroffenen mit den Ermittlern zusammenarbeiten, berichtete das "Wall Street Journal" ("WSJ"). Eine Sprecherin des US-Justizministeriums wollte zu den Angaben keine Stellung nehmen.
Das Blatt berief sich dabei auf zwei mit den Ermittlungen vertraute Personen. Ein Teil des betroffenen UBS-Personal arbeite noch bei der Bank. Das Angebot sei laut "WSJ" ehemaligen Händlern und anderen Mitarbeitern auf untergeordneter Ebene gemacht worden. UBS hat während der seit vier Jahren anhaltenden Untersuchungen in diesem Zusammenhang etwa 20 Händler und Manager entlassen oder suspendiert. Aus dem Bericht ging nicht hervor, um welche UBS-Manager es geht.
+++ Barclays-Chef Bob Diamond stolpert über die
Manipulation +++
+++ Zinsskandal erschüttert Libor – Ersatz nicht in
Sicht +++
Weltweit stehen zahlreiche Banken – darunter
auch die Deutsche Bank – im Verdacht
, wichtige Referenz-Zinssätze wie den Libor und den Euribor zu ihren Gunsten manipuliert zu haben. Die Zinsen beruhen auf den Refinanzierungskosten der Banken, die diese einmal täglich melden. Die Ermittler gehen Hinweisen nach, dass die Institute von 2005 bis 2009 die Sätze nach unten verzerrt haben, um ihre wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern und Handelsgewinne einzustreichen.
Der Libor allein dient als Maßstab für Finanztransaktionen von mehr als 500 Billionen Dollar.
Barclays ist bislang als einziges Geldhaus in dem Skandal zu einer Strafe verurteilt worden
und zwar in Höhe von fast einer halben Milliarde Dollar. Im Mittelpunkt des Libor-Skandals um die Manipulation des wichtigen Interbankzinssatzes stehen mehrere internationale Banken, darunter auch die Deutsche Bank.
+++ Finanzaufsicht Bafin: Ermittlungen werden dauern +++
+++ Finanzaufsicht BaFin überprüft die Deutsche Bank +++
Auch die
deutsche Finanzaufsicht Bafin hat eine Sonderprüfung eingeleitet.
Allerdings erwartet die Behörde keine schnellen Resultate.
Mit Material von dpa/Reuters/dapd
Libor-Zinssatz– Was ist das?
Der Libor (London Interbank Offered Rate) wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt.
Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für ungesicherte Verleihgeschäfte untereinander verlangen.
Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten wichtigsten Banken weltweit die Zinsen, die sie aktuell für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssten.
Die höchsten und tiefsten Werte werden gestrichen, aus den übrigen Daten wird ein Mittelwert gebildet.
Dies ist dann der Satz, an dem sich weltweit die kurzfristigen Zinsen für eine ganze Reihe von Finanzmarktgeschäften bis hin zu Immobilienkrediten orientieren.
Der Libor wird für verschiedene Währungen berechnet. Eine Alternative ist der Euribor für den Euroraum. (dpa)
Libor, Euribor, Interbankenhandel: Zinssätze für Billionengeschäfte
Die Manipulationsskandale um die Referenz-Zinssätze Libor und Euribor haben das Vertrauen in die Bankenbranche weiter erschüttert. Die Bedeutung der beiden Richtzahlen ist immens: Von ihnen hängen Finanzprodukte im Umfang von mehr als 500 Billionen Euro ab. Eine Begriffsklärung:
Libor (London Interbank Offered Rate):
Der Libor soll den durchschnittlichen Zinssatz angeben, den die Banken für Geldverleih-Geschäfte untereinander verlangen. Er beruht wie sein Gegenstück im Euroraum, der Euribor, aber nicht auf echten Transaktionen. Er wird berechnet aus Schätzungen der 18 weltweit wichtigsten Banken, zu welchen Sätzen sie Geld am Interbankenmarkt aufnehmen können.
Grundlage sind also nicht tatsächliche Zinsen, sondern die Einschätzung der Banken über ihre Finanzierungsbedingungen.
Der Libor wird täglich durch den britischen Bankenverband BBA festgestellt. Die höchsten und niedrigsten Werte werden gestrichen. Das sollte Manipulationen eigentlich ausschließen. Den Libor gibt es seit den 80er Jahren.
Der Referenz-Zinssatz ist ausschlaggebend für die Zinsen von zahlreichen Finanzierungen in Dollar. Darunter Hypotheken, variabel verzinste Immobilien-Kredite oder die Zinsen für Kreditkarten.
Euribor (Euro Interbank Offered Rate):
So wird der durchschnittliche Zinssatz bezeichnet, zu dem 57 europäische Banken einander Anleihen in Euro gewähren. Der Euribor ist die Grundlage für zahlreiche Zinsprodukte, die in Euro laufen. Täglich um 11.00 Uhr werden die Euribor-Werte – 15 verschiedene Euribor-Zinssätze mit unterschiedlichen Laufzeiten – festgesetzt.
43 Institute melden dafür ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs berechnet wird. Die im Vergleich zum Libor höhere Zahl der beteiligten Banken soll die Betrugsgefahr senken.
Den Euribor gibt es seit der Einführung des Euro im Jahr 1999. In Deutschland ersetzte er den Fibor (Frankfurt Interbank Offered Rate). Die Höhe der Euribor-Zinssätze wird in erster Linie durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Dazu kommen Faktoren wie etwa das Wirtschaftswachstum, die Höhe der Inflation, die Kreditwürdigkeit und das gegenseitige Vertrauen der Banken sowie das Vertrauen der Verbraucher.
Auf dem Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Institute, die kurzfristig Geld überhaben, verleihen es an Banken mit kurzfristigem Finanzbedarf. Dabei wechseln sich Geber- und Nehmerbanken ab. Der Markt funktioniert nur, wenn sich die Banken gegenseitig vertrauen, denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten.
Das Vertrauen ist seit der Lehman-Pleite im Jahr 2008 immer wieder gestört. Deswegen sind die Notenbanken immer wieder eingesprungen, um die Geschäftsbanken mit billigem Geld zu versorgen. Zur Jahreswende 2011/2012 pumpte die Europäische Zentralbank rund 1.000 Milliarden Euro in die Geschäftsbanken. (dapd)
Libor-Skandal: Folgen für Verbraucher und Anleger?
Der Skandal um manipulierte Zinssätze hält die Bankenbranche in Atem: Topmanager mussten gehen, Aufsichtsbehörden ermitteln. Was bedeuten die mutmaßlichen Tricksereien für Sparer und Häuslebauer?
Ein Ring aus Händlern soll jahrelang Referenzzinsen wie Euribor und Libor manipuliert haben. Was auf den ersten Blick wie ein Spezialthema für Finanzprofis wirkt, könnte auch Folgen für Spareinlagen oder Dispokredite haben. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Was sind Libor und Euribor?
Der Libor gibt an, zu welchen Konditionen sich Banken gegenseitig Geld leihen. Ermittelt wird die "London Interbank Offered Rate" (Libor) aus einem Durchschnitt der gemeldeten Sätze von 18 Banken. Der Libor wird für verschiedene Währungen berechnet. Eine Alternative ist der Euribor für den Euroraum. Auf den Referenzzinsen basieren Finanzprodukte im Wert von mehr als 500 Billionen US-Dollar.
Welche Nachteile könnten Sparern entstanden sein?
Nach ersten Erkenntnissen haben Händler zwischen 2005 und 2011 zu niedrige Zinssätze gemeldet. Tagesgeld, Festgeld, Termingelder aber auch Sparguthaben orientieren sich Verbraucherschützern zufolge an Libor oder Euribor. Rein theoretisch könnte Sparern also ein Schaden entstanden sein.
"Die Frage ist allerdings, ob die Bank im Einzelfall höhere Zinsen geboten hätte, wenn der Referenzzins höher gewesen wäre. Letztlich hängt die Höhe des Zinses von der Geschäftspolitik des Instituts ab", sagt Finanzexpertin Pamela Bässler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.
Was ist mit Anlageprodukten wie Investmentfonds?
Einige klassische Investmentfonds beziehen sich auf die Referenzzinssätze Libor und Euribor. Welche Folgen eine mögliche Manipulation für Anleger hat und ob sie überhaupt geschädigt wurden, lässt sich derzeit allerdings kaum abschätzen.
Bei der größten deutschen Fondsgesellschaft, der Deutsche-Bank-Tochter DWS, heißt es: "Aufgrund des derzeit noch unklaren Sachverhalts und der nach wie vor laufenden Untersuchungen sehen wir uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in der Lage, eine Einschätzung zu möglichen Auswirkungen auf die Produkte der DWS abzugeben".
Wie groß könnte der Schaden sein?
Im Moment prüft die deutsche Finanzaufsicht Bafin Millionen von Datensätzen, E-Mails und Dokumenten. Schnelle Resultate sind der Behörde zufolge nicht zu erwarten. "Es ist schwierig, den Schaden zu beziffern, weil man nicht weiß, wie hoch Libor oder Euribor ohne mögliche Manipulationen gewesen wären", sagt der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Jürgen Kurz. "Es gibt keinen Referenzzinssatz, um den Schaden zu berechnen."
Könnten Verbraucher von Tricksereien profitiert haben?
Kredite mit variablen Zinsen sind an Libor oder Euribor gekoppelt. So hängen die Zinsen für einen Dispokredit in der Regel vom Drei-Monats-Euribor ab. "Mögliche Manipulationen nach unten wären für die Verbraucher im Kreditbereich theoretisch nicht von Nachteil gewesen", sagt Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.
Allerdings kritisieren Verbraucherschützer seit längerem, dass die Banken selbst reguläre Zinssenkungen nicht immer vollständig an die Kunden weitergeben. Auch bei den Zinsen für Raten- und Immobilienkredite können Euribor oder Libor eine Rolle spielen. Größere Bedeutung haben hier allerdings die Bonität des Kunden, die allgemeine Nachfrage und die Höhe der allgemeinen Zinssätze. (dpa)