07.08.12Solarbranche
Die Aussichten sind düster – Milliardengrab droht
Die Pleitewellle rollt über die deutsche Solarbranche hinweg. Asien-Konkurrenz und Subventionsabbau machen die Situation nicht besser.
Von Rochus Görgen
Foto: dpa/DPA
Die deutsche Solarbranche leidet unter der Billigkonkurrenz aus Asien und dem Abbau der Subventionen
Magdeburg. Düstere Aussichten für die angeschlagene deutsche Solarbranche: Die milliardenschweren Subventionen des Staates drohen zu versanden. Monat für Monat kommen neue Pleiten und Werksschließungen hinzu. An vielen Orten wird nach Investoren gesucht. Aber Geldgeber sind kaum in Sicht.
Beispiel
Q-Cells
. Auch vier Monate nach dem Insolvenzantrag des früheren Weltmarktführers ist noch kein neuer Investor gefunden. "Die Investorensuche läuft", sagt Insolvenzverwalter-Sprecher Christoph Möller. Die Produktion laufe weiter, es habe unter den einst 1300 Mitarbeitern auch noch keine Entlassungen gegeben. Wie lange das Geld noch reicht? Niemand weiß es. "Bis auf weiteres", sagt der Sprecher.
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Im benachbarten Unternehmen
Sovello
scheint die Lage nicht besser. Das Management hatte zwar einen asiatischen Interessenten gefunden. Doch das Land Sachsen-Anhalt lehnte dankend ab, als die Pläne konkreter wurden. Der neue Geldgeber verlangte Millionenhilfen vom Land – wollte die Produktion aber weitgehend ins Ausland verlagern. Das Angebot wurde ausgeschlagen. Jetzt ist nicht mal mehr Geld für eine Transfergesellschaft für 500 entlassene Mitarbeiter da.
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Andere Firmen verschwinden ohne Pleite aus Deutschland. So machte der US-Hersteller
First Solar
sein Werk in Frankfurt (Oder) mit 1200 Arbeitsplätzen dicht, obwohl er zuletzt kräftig beim Umsatz zulegte und in die Gewinnzone zurückkehrte. Und auch namhafte Firmen wie der Fensterhersteller Schüco oder der Glasexperte Schott geben Solarwerke auf.
Das Konzept, mit Milliardensummen des Steuerzahlers eine breit aufgestellte und schlagkräftige Solarbranche in Deutschland entstehen zu lassen, ist nicht aufgegangen. Allein Sachsen-Anhalt hat in den letzten zwölf Jahren 134,6 Millionen Euro staatliche Subventionen in die Branche gesteckt, darunter viel Geld von Bund und EU, wie aus Zahlen des Wirtschaftsministeriums hervorgeht. Obendrauf kamen vergünstigte Kredite und nicht zuletzt Milliarden an Umlagen über das
Erneuerbare-Energien-Gesetz
(EEG).
Tatsächlich entstanden im Osten Deutschlands eine Reihe von Firmen - und sogar ein ganzes "Solar Valley" im Dreiländereck von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. 18 000 Jobs biete die Branche in den drei Ländern, davon 4000 im Maschinenbau, sagt der Chef der Branchenvereinigung Solar Valley Mitteldeutschland, Peter Frey. Aber jeder fünfte Job ist akut gefährdet. Die Kernfrage sei, ob die Firmen die Kraft hätten, statt einfacher Module künftig ganze Systeme anzubieten. "Dort liegen die Chancen", sagt Frey. "Mit den Standardprodukten können wir in der Regel nicht mithalten."
Vor allem im Osten Deutschlands ist die Verzweiflung groß – denn schlagkräftige andere Industrien sind kaum zu finden. Von manch einem Experten kommen da ungewöhnliche Vorschläge – etwa vom früheren Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Ulrich Blum. Der Staat müsse eine staatliche Solar-Holding gründen, fordert er. Das würde zwar nochmals gut eine Milliarde kosten, sagte Blum zuletzt der "Mitteldeutschen Zeitung". "Doch dies ist immer noch billiger, als die zig Milliarden, die schon ausgegeben wurden, jetzt abzuschreiben."
Deutsche Solarunternehmen in der Krise
In der deutschen Solarindustrie herrscht Krisenstimmung. Pleiten, Pech und Pannen sorgen beinahe täglich für Negativ-Schlagzeilen. Es folgt eine Übersicht über die angeschlagene Branche.
Dem Solartechnikkonzern machen Finanzierungsprobleme zu schaffen. Der im Dezember 2011 den Gläubigern vorgelegte Restrukturierungsplan müsse wegen der massiven Einschnitte bei der Solarförderung überarbeitet werden, teilte das Unternehmen am Montag mit. Die Aktie brach am Dienstag zeitweise um rund 28 Prozent ein.
Der einst größte deutsche Solarkonzern mit rund 2300 Mitarbeitern und einem einstigen Börsenwert von acht Milliarden Euro wollte noch am Dienstag Insolvenz beantragen. Das Unternehmen aus dem "Solar Valley" im ostdeutschen Bitterfeld-Wolfen hatte Ende vergangener Woche seine Sanierungspläne aufgegeben. Q-Cells wollte sich unter anderem dadurch sanieren, dass Anleihe-Gläubiger einen Zahlungsaufschub gewähren und auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.
Der Solarmodulbauer hatte Mitte Dezember Insolvenz angemeldet, war jedoch vor wenigen Wochen durch einen Verkauf gerettet worden. Der Solarzellen-Produzent Microsol aus den Vereinigten Arabischen Emiraten erhielt den Zuschlag. Dieser will 433 der 471 Arbeitsplätze erhalten. Die Solon-Aktionäre gehen allerdings leer aus. Der nicht genannte Kaufpreis geht an die Gläubiger des mit 400 Millionen Euro verschuldeten Berliner Unternehmens.
Der Kraftwerksentwickler hatte am 21. März Insolvenzantrag gestellt. Anfang März hatte der Vorstand das Geschäftsmodell in Frage gestellt, nachdem die Bundesregierung angekündigt hatte, die Förderung von Solar-Großkraftwerken zu streichen. Zudem drohe der Verlust von bereits getätigten Investitionen von über zehn Millionen Euro für Projekte, die nun nicht mehr oder nur teilweise realisiert werden könnten.
Bereits im Dezember hatte die Pleitewelle den Kraftwerksentwickler Solar Millenium erreicht. Das Unternehmen meldete Insolvenz an. Zwei Transaktionen seien nicht zustande gekommen, die für dringend benötigtes Kapital sorgen sollten, hieß es. Im Sommer 2011 hatte das auf Parabolrinnen-Kraftwerke spezialisierte Unternehmen ein Milliardenprojekt in den USA aufgegeben.
Der Konzern steht zudem im Dauerclinch mit seinem 74-Tage-Chef Utz Claassen. Dieser hatte dem Konzern zufolge Solar Millenium in den USA wegen Rufschädigung auf Schadenersatz in Höhe von 265 Millionen Dollar verklagt.
Der Weltmarktführer für Wechselrichter, dem Herzstück einer Solaranlage, gehört zu den wenigen, die noch schwarze Zahlen schreiben. Der Preisverfall hat aber auch bei SMA im vergangenen Jahr für einen Gewinneinbruch gesorgt. Firmchef Pierre-Pascal Urbon erwartet auch im laufenden Jahr weitere Einbußen.
Auch der einstige Star am Solar-Himmel ist 2011 tief in die roten Zahlen geraten. Konzernchef Frank Asbeck ist sich aber sicher, mit seinem Unternehmen zu denen zu gehören, die die Krise und Konsolidierung der Branche überleben werden. Er kündigte zuletzt für 2012 die Rückkehr in die Gewinnzone an, zumindest vor Zinsen und Steuern (Ebit). Gegen die Billigkonkurrenz aus China ist Asbeck in den USA mit sechs weiteren Firmen zu Felde gezogen und plant dies auch in Europa.
Er fordert Strafzölle auf Billig-Importe aus dem Land der Mitte. Eine erste vorläufigen Entscheidung des US-Handelsministeriums über Anti-Subventionszölle enttäuschte aber. Sie fielen mit 2,9 bis 4,73 Prozent niedriger aus als erwartet. Asbeck hofft indes, dass das Ministerium im Laufe seiner Untersuchungen höhere Anti-Dumpingzölle verhängen wird.
Der Hamburger Solarkonzern ringt seit längerem ums Überleben, nachdem er durch Missmanagement bereits 2007 ins Wanken geraten war. Nach einem Kapitalschnitt und anschließender Sachkapitalerhöhung gehört Conergy zu einem großen Teil Hedgefonds.
Zudem hat sich die defizitäre Firma vom größten Teil ihrer Produktion getrennt und Personal abgebaut. Conergy ist als Systemanbieter und Projektentwickler unterwegs und hofft 2012 erstmals wieder – zumindest vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) – auf einen kleinen Gewinn. 2013 sollen dann auch unter dem Strich schwarze Zahlen stehen – erstmals seit 2005.
Auch bei dem lange erfolgsverwöhnten Solar-Anlagenbauer Centrotherm sieht es mau aus. Der schwäbische Konzern rutschte 2011 nach Wertberichtigungen in die roten Zahlen. Das Management steuert nun mit Entlassungen und Kurzarbeit gegen. Lange hatte Centrotherm von der hohen Nachfrage in Asien nach effizienten Anlagen zur Produktion von Solarzellen und -modulen profitiert.
Mit den weltweiten Überkapazitäten in der Solarbranche und dem Preisverfall sowie den Auswirkungen der Bankenkrise ebbten die Geschäfte indes ab.
Der weltgrößte Autozulieferer Bosch hatte sich mit der Übernahme der Solarunternehmen Ersol, Aleo Solar und Voltwerk ein neues Standbein aufgebaut. Doch der Stuttgarter Technologiekonzern hat bislang nicht viel Freude an seinen Töchtern gehabt. Allein im vergangenen Jahr schrieb er rund eine halbe Milliarde Euro auf die kleine Sparte ab. Den Baubeginn einer geplanten Solar-Fabrik in Malaysia verschob er zuletzt.
Auch der Solar-Maschinenbauer Roth & Rau belastet seinen Mutterkonzern, den Schweizer Solar-Konzern Meyer Burger. Hohe Abschreibungen belasteten mit 91 Millionen Euro. Die Solarkrise sorgte bei Roth & Rau für einen Jahresverlust von 123 Millionen Euro. Der Auftrageingang brach um 70 Prozent ein. Meyer Burger verzichtete dehalb auf einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag. Andernfalls hätten die Schweizer die Verluste bei Roth & Rau ausgleichen müssen.
Der chinesische Solarriese LDK griff jüngst nach der Konstanzer Sunways, die 2011 in die Verlustzone geraten war. Nach einer Kapitalerhöhung ist LDK inzwischen zu knapp einem Drittel an der Firma mit ihren rund 340 Mitarbeitern beteiligt. (Stand: April 2012, Reuters)
Um die Solarförderung ist fast wie früher um die Atomkraft eine Art Glaubenskrieg entbrannt. Eine Übersicht über die wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente:
Im Sommer, aber auch jetzt im Winter senkt Solarstrom gerade bei hohen Verbrauchsspitzen in den Mittagsstunden den Börsenstrompreis.
Die Photovoltaik hat laut Bundesnetzagentur mitgeholfen, die Stilllegung von acht Atomkraftwerken aufzufangen.
Die kurzfristige Mehrbelastung durch die Förderung macht sich langfristig durch stabilere Strompreise bezahlt, denn es werden schon jetzt Importkosten für immer teurer werdende Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle in Milliardenhöhe vermieden.
Es gibt bereits 150.000 Jobs in dem Bereich, laut Solarwirtschaft wurden 2010 Steuermehreinnahmen von 1,45 Milliarden erzielt.
Es werden bereits rund 12,5 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2 eingespart, betont die Solarwirtschaft.
Die meisten Förderkosten sind Altlasten, durch enorme Kosten- und Fördersenkungen werde die über den Strompreis zu zahlende Solarumlage von knapp zwei Cent bis 2016 nur noch um 1,8 Prozent steigen, der Strommixanteil aber um bis zu 70 Prozent auf 6,8 Prozent zulegen.
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme betont, umweltschädliche Subventionen kosteten den Steuerzahler 48 Milliarden Euro pro Jahr, während die kumulierten Solarförderkosten von 2000 bis 2011 nur 22 Milliarden Euro ausmachten.
Die Energieform steht bei den Kosten kurz vor dem weltweiten Durchbruch, mit riesigen Exportchancen für Deutschland.
Sonnenstrom hatte 2011 erst einen Anteil von rund drei Prozent am Strommix. In Deutschland gibt es je nach Region im Schnitt meist nur 1000 Sonnenstunden im Jahr. Für Konzerne wie RWE ist Solarenergie in Deutschland daher so sinnvoll wie Ananas züchten in Alaska.
Die Vergütungszahlungen belaufen sich auf fast acht Milliarden Euro pro Jahr. Daher ist Solarenergie für die Bürger, die die Förderung über den Strompreis zahlen, die mit Abstand teuerste Ökoenergie-Art.
Das Stromnetz ist bisher noch nicht fit für immer mehr Solarstrom, der Chef der Deutschen Energie-Agentur, Stephan Kohler fordert, dass der Ausbau mit dem Netzausbau Hand in Hand gehen müsse.
Der in einer Mietwohnung lebende Billiglöhner aus Berlin-Marzahn finanziert durch die im Strompreis eingepreiste Solarumlage dem Zahnarzt am Starnberger See die Rendite für seine Solar-Dachanlage.
Die auf 20 Jahre garantierten Förderkosten können sich am Ende auf mehr als 100 Milliarden Euro summieren. Statt Hilfe zur Markteinführung habe sich die Förderung in eine gewaltige Dauersubvention verwandelt.
Der nur wenige Stunden am Tag verfügbare Solarstrom ist mangels Stromspeichern die mit Abstand ineffizienteste Stromgewinnungsform.
70 bis 80 Prozent der Module kommen inzwischen aus China. Angesichts des Preisdrucks müssen unabhängig von der Förderhöhe viele deutsche Unternehmen ums Überleben kämpfen, während die Verbraucher mit Milliardenzahlungen Chinas Solarindustrie aufpäppeln. (dpa)