06.08.12

Ex-Porsche-Chef Wiedeking

Einstellung, Strafbefehl, Anklage – noch ist alles offen

Ob auf Wiedeking nach dem gescheiterten Übernahme von VW eine Anklage wegen Marktmanipulation zukommt, steht wohl erst November fest.

Foto: picture alliance //pa
POIRSCHE Bilanz PK
Drei Jahre hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen Marktmanipulation ermittelt. Ob auch Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking mit einer Anklage rechnen muss, wird aber erst frühestens im November entschieden

Stuttgart. Nach rund dreijährigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen Marktmanipulation bei der letztlich gescheiterten Übernahme von VW durch Porsche haben nun die Anwälte der beschuldigten Ex-Manager Wendelin Wiedeking und Holger Härter das Wort. "Die polizeilichen Ermittlungen sind abgeschlossen", sagte ein Sprecher der Strafverfolgungsbehörde am Montag und bestätigte damit teilweise einen Bericht des Magazins "Der Spiegel" vom Wochenende.

Bis Ende Oktober hätten die Anwälte Zeit, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Danach werde die Behörde über ihr weiteres Vorgehen entscheiden. Ob Anklage erhoben werde, sei derzeit noch offen. "Wenn ein Ermittlungsverfahren noch läuft, kann alles passieren: Einstellung, Strafbefehl, Anklage", sagte der Behördensprecher.

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Das Magazin hatte berichtet, der frühere Porsche-Chef Wiedeking und der ehemalige Porsche-Finanzchef Härter müssten "derzeit mit einer Anklage rechnen", da sie durch falsche Informationen sowie das Verschweigen von Informationen den Finanzmarkt über Porsches Pläne beim VW-Einstieg getäuscht hätten. In zwölf Fällen sollen falsche Mitteilungen herausgegeben worden sein, einige davon könnten den Aktienkurs beeinflusst haben, schreibt das Magazin.

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Bei einer Verurteilung drohen den beiden Managern bis zu fünf Jahre Gefängnis. Die Strafverfolger gehen seit 2009 dem Verdacht nach, dass Porsche mit Hilfe falscher Angaben zum Umfang seiner Optionsgeschäfte auf VW-Stammaktien einen Kurssprung bei den Aktien herbeigeführt habe, durch den sich VW-Investoren um mehrere Milliarden Euro gebracht sehen. Einige von ihnen haben Schadenersatzklagen gegen Porsche eingereicht – zum Teil auch gegen VW, denn VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech ist zugleich Porsche-Aufseher sowie -Anteilseigner.

Das Oberlandesgericht Stuttgart hatte Piech Ende Februar eine "schwerwiegende Pflichtverletzung" als Mitglied von Porsches Aufsichtsrats attestiert: Er habe sich keine Klarheit über die Risiken der komplexen und riskanten VW-Optionsgeschäfte verschafft und sei gegen die milliardenschweren Transaktionen auch nicht eingeschritten. Damit habe er gegen "Kardinalpflichten" als Aufseher verstoßen.

Porsche und VW weisen die Vorwürfe falscher oder unterdrückter Kapitalmarktinformationen zurück, ebenso Wiedekings Anwalt Hanns Feigen. Härters Anwältin Anne Wehnert war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Der Manager muss sich demnächst zusammen mit zwei seiner früheren Mitarbeiter wegen Kreditbetrugs vor Gericht verantworten.

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Porsche hatte im Herbst 2005 mit dem Ankauf von VW-Stammaktien begonnen, die Beteiligung in Trippelschritten immer weiter aufgestockt und entsprechende Stimmrechtsmitteilungen veröffentlicht. Der mit komplexen Finanzwetten und dem hochrentablen Autogeschäft reich gewordene Stuttgarter Konzern hatte anfänglich dementiert, mehr als 30 Prozent erwerben zu wollen. Nach dem Überschreiten dieser Schwelle stellte das Management auch die Absicht zur Übernahme von mehr als 50 Prozent des Stammkapitals von VW in Abrede, später ebenso die Absicht zum Abschluss eines Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrages. Letztlich strebten Wiedeking und Härter dies jedoch an, sicherten sich über Optionen den Zugriff auf weitere Aktien und veröffentlichten im Herbst 2008 eine entsprechende Absichtserklärung an die Kapitalmärkte.

Volkswagen-Großaktionäre, die in dem jahrelangen Machtpoker auf einen fallenden Kurs der VW-Stämme gesetzt hatten, wurden damit auf dem falschen Fuß erwischt. Denn der Aktienkurs vervielfachte sich binnen kurzer Zeit, VW avancierte zum teuersten Unternehmen der Welt. Der waghalsige Übernahmeversuch der Porsche Holding ging jedoch im Zuge der im Herbst 2008 eskalierenden Finanzkrise schief, da den Stuttgartern das Geld für ihre riskanten Optionsgeschäfte auf VW-Stammaktien und die angehäuften Milliardenschulden ausging.

VW drehte den Spieß um und bewahrte den Angreifer vor dem finanziellen Ruin, der dafür Mitte 2009 eine knapp 50-prozentige Beteiligung am Porsche-Fahrzeuggeschäft an die Wolfsburger abgeben musste. Am Mittwoch vergangener Woche verleibte sich VW die restlichen Anteile für knapp 4,5 Milliarden Euro und eine VW-Stammaktie ein. Die von den Familien Porsche und Piech sowie dem Emirat Katar kontrollierte Porsche Holding bleibt mit gut der Hälfte der VW-Stimmrechte jedoch der bestimmende VW-Aktionär. (Reuters/abendblatt.de)

Der schwierige Weg von Porsche und VW
Es war ein langer, schmutziger und harter Kampf: Porsche wollte VW einst übernehmen, verhob sich daran und blickt nun als Folge der verlorenen Schlacht auf eine Flutwelle an Klagen. Wichtige Daten:
25. September 2005: Porsche gibt Pläne für einen Einstieg bei VW bekannt. Die Schwaben sichern sich zunächst 20 Prozent der VW-Stammaktien.
26. Juni 2007: Der Sportwagenhersteller bündelt die Porsche AG und die damals knapp 31 Prozent der VW-Stammaktien in der Europäischen Aktiengesellschaft Porsche Automobil Holding SE.
26. Oktober 2008: Porsche-Chef Wendelin Wiedeking verkündet, den Anteil an VW nicht nur auf 50 Prozent, sondern sogar auf 75 Prozent der Stammaktien ausbauen zu wollen. Gleichzeitig gibt er bekannt, dass Porsche seinen Anteil auf 42,6 Prozent aufgestockt hat und zusätzlich 31,5 Prozent in Form von Optionen zur Kurssicherung hält. Die Nachricht löst einen Kursanstieg der VW-Aktie bis auf über 1000 Euro aus. Leerverkäufer haben sich mit geliehenen Aktien verspekuliert.
05. Januar 2009: Porsche sichert sich die Mehrheit an Volkswagen. Die Beteiligung ist auf 50,76 Prozent der Stammaktien gestiegen.
06. Mai 2009: Porsche begräbt seine waghalsigen Pläne zur Übernahme von VW. Die beiden Autobauer sollen nun einen integrierten Autokonzern bilden.
23. Juli 2009: Volkswagen triumphiert endgültig über Porsche. Porsche-Chef Wiedeking und Finanzvorstand Holger Härter müssen gehen. Porsche soll unter das VW-Dach schlüpfen. Das Hauptproblem: Die Stuttgarter haben bei dem waghalsigen Versuch, den viel größeren VW-Konzern zu übernehmen, 11,4 Milliarden Euro Schulden angehäuft.
13. August 2009: VW und Porsche ebnen den Weg für ein neues Autoimperium. Die Aufsichtsräte beider Unternehmen stimmen einer Vereinbarung zu, die das Zusammengehen regelt. Die Wunschlösung ist eine Verschmelzung der Porsche SE mit der VW AG 2011.
20. August 2009: Es wird bekannt, dass Wiedeking nach dem Übernahmedrama ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten ist. Auch gegen Ex-Finanzchef Holger Härter wird ermittelt.
7. Dezember 2009: Volkswagen übernimmt knapp die Hälfte des Porsche-Sportwagengeschäfts. Die Wolfsburger beteiligen sich mit 49,9 Prozent an der Porsche AG und zahlen dafür 3,9 Milliarden Euro.
Ende Januar 2010: Die Übernahmeschlacht um Volkswagen holt Porsche in den USA ein. Eine Gruppe von US-Investmentfonds verklagt die Porsche SE und deren ehemalige Vorstände wegen undurchsichtiger Aktiengeschäfte auf Schadenersatz in Milliardenhöhe. Später kommen weitere Klagen hinzu. Der Ausgang ist offen.
8. September 2011: Die beiden Autobauer verkünden, dass eine Fusion 2011 nicht mehr gelingt. Plan B könnte dagegen verwirklicht werden. Demnach kann VW frühestens ab 15. November 2012 das Porsche-Sportwagengeschäft komplett übernehmen. Beide Unternehmen kündigen aber an, weitere Möglichkeiten zu prüfen.
29. September 2012: Das Oberlandesgericht Stuttgart entscheidet, dass VW-Patriarch Piëch seine Pflichten als Aufsichtsrat der Porsche SE verletzt hat. Im Mai 2009 habe er sinngemäß gesagt, er habe sich keine Klarheit über die Risiken der Optionsgeschäfte von Porsche verschaffen können und wisse nicht, wie hoch die Risiken seien. Das Gericht erklärte die Entlastung des gesamten Aufsichtsrates für das Geschäftsjahr 2008/09 für nichtig.
6. März 2012: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart erhebt wegen Kreditbetrugs Anklage gegen drei Manager aus dem Finanzbereich der Porsche SE. Eine richtet sich gegen Ex-Finanzchef Härter.
27. Juni 2012: Vor dem Braunschweiger Landgericht werden die ersten zwei von fünf Investorenklagen verhandelt. Dabei geht es um die Folgen der Übernahmeschlacht zwischen den beiden Unternehmen – nach Darstellung der Kläger verheimlichte die damalige Porsche-Spitze ihre später gescheiterte Absicht, VW zu schlucken. Dadurch sollen den Anlegern beträchtliche Gewinne entgangen sein. (dpa)
Porsche-Muttergesellschaft Porsche SE
Porsche-Muttergesellschaft Porsche SE
Die Porsche-Muttergesellschaft Porsche SE (PSE) hortet zwei Schätze unter ihrem Dach.
Erstens halten die Schwaben gut 50 Prozent der Volkswagen-Stammaktien, also der stimmberechtigten Anteilsscheine des Wolfsburger Konzerns.
Zweitens gehört der PSE gut die Hälfte am Porsche-Sportwagengeschäft.
Diese Konstellation ist das Ergebnis eines Burgfriedens, den die Stuttgarter und die Wolfsburger nach einer Übernahmeschlacht vor rund drei Jahren schlossen.
Die PSE hatte sich beim Versuch, mit riskanten Finanzgeschäften die Macht bei VW an sich zu reißen, derart verschuldet, dass am Ende ausgerechnet VW die letzte Rettung war.
In einem ersten Schritt der Hilfe kauften die Wolfsburger 2009 knapp die Hälfte am reinen Sportwagengeschäft aus der Porsche AG.
Es flossen knapp 4 Milliarden Euro in den Süden, die den gut 11 Milliarden Euro großen Schuldenberg der PSE ein Stück weit abtrugen.
So schnell wie möglich soll nun die zweite Hälfte der Porsche AG auch an VW gehen. Unter dem Dach der PSE blieben dann die VW-Anteile.
Doch das ist ihren Besitzern – allen voran die Familien Porsche und Piëch, gefolgt vom Emirat Katar – offenbar zu wenig. Im Juni 2012 beschloss die Hauptversammlung eine Satzungsänderung.
Kern der neuen Basis für die PSE: Sie kann künftig beispielsweise auch mit Rohstoffen handeln, Wind- oder Solarenergie erzeugen und damit handeln oder im großen Stil ins Immobiliengeschäft einsteigen.
Die Mittel dafür kämen auch aus dem Dividendenanspruch der VW-Aktien. Automobilexperten vermuten, dass die PSE strategische Positionen in der Welt der Autobauer besetzen soll und VW als Kunden einbindet. (dpa)
Satzungsänderungen der Porsche-Muttergesellschaft
Satzungsänderungen der Porsche-Muttergesellschaft
Die Porsche-Muttergesellschaft Porsche SE (kurz PSE) hortet zwei Schätze unter ihrem Dach. Erstens halten die Schwaben gut 50 Prozent der Volkswagen-Stammaktien, also der stimmberechtigten Anteilsscheine des Wolfsburger Konzerns. Zweitens gehört der Dachgesellschaft gut die Hälfte am Porsche-Sportwagengeschäft.
Diese Konstellation ist das Ergebnis eines Burgfriedens, den die Stuttgarter und die Wolfsburger nach einer Übernahmeschlacht vor rund drei Jahren schlossen. Die PSE hatte sich beim Versuch, mit riskanten Finanzgeschäften die Macht bei VW an sich zu reißen, kräftig verhoben und derart viele Schulden angehäuft, dass am Ende ausgerechnet VW die letzte Rettung war.
In einem ersten Schritt der Hilfe kauften die Wolfsburger 2009 knapp die Hälfte am reinen Sportwagengeschäft aus der Porsche AG. Es flossen knapp 4 Milliarden Euro in den Süden, die den gut 11 Milliarden Euro großen Schuldenberg der PSE ein Stück weit abtrugen.
So schnell wie möglich soll nun die zweite Hälfte der Porsche AG auch an VW gehen. Unter dem Dach der PSE blieben dann noch die VW-Anteile. Doch das ist ihren Besitzern – allen voran die Familien Porsche und Piëch, gefolgt vom Emirat Katar – offenbar zu wenig. Daher sollten die Aktionäre am Montag eine umfassende Satzungsänderung beschließen.
Kern der neuen Basis für die PSE: Sie kann künftig beispielsweise auch mit Rohstoffen handeln, Wind- oder Solarenergie erzeugen und damit handeln oder im großen Stil ins Immobiliengeschäft einsteigen. Die Mittel dafür kämen auch aus dem Dividendenanspruch der VW-Aktien. Winterkorn erklärte am Montag, dass das Geld in der PSE in Zukunft "für weitere strategische Beteiligungen" genutzt werden solle.
Automobilexperten sehen darin ein Indiz dafür, dass die PSE strategische Positionen in der Welt der Autobauer besetzen soll - etwa bei Energie oder Materialeinkauf – und diese Stellung mit einem Geschäftsmodell in Richtung VW verknüpft. Deren Chef sagte am Montag: "Volkswagen bleibt auch in Zukunft das Kerninvestment der Porsche SE. Die Porsche SE ist und bleibt untrennbar mit der Automobilindustrie verbunden."
Alle denkbaren neuen Geschäftsfelder bewegten sich "entlang der automobilen Wertschöpfungskette" – die PSE bleibe also der Autowelt treu. Details nannte Winterkorn am Montag nicht. (dpa)
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