25.07.12Insolventer Versandhändler
Post liefert wieder Neckermann-Pakete aus
Nur eine Woche nach der Insolvenzverkündung drückt die Post Neckermann noch tiefer in die Krise. Versand soll ab Mittwoch regulär weitergehen.
Von abendblatt.de
Foto: dpa/DPA
Ohne Zustellung der Pakete kann der insolvente Versandhändler Neckermann den Geschäftsbetrieb kaum aufrecht erhalten
Düsseldorf. Nach Stockungen im Vertrieb will der insolvente Versandhändler Neckermann seine Auslieferungen wieder aufnehmen. "Der vor der Insolvenz verursachte Stau wird in den nächsten Tagen aufgelöst werden können", teilte der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Frege am Mittwoch auf Anfrage mit. Es sei gelungen, mit den Lieferanten und Warenkreditversicherungen zu vereinbaren, dass die Waren an die Kunden ausgeliefert würden. "Der Warenverkehr ist gesichert und wird stabilisiert", sagte Frege.
Der Insolvenzverwalter bestätigte einen Bericht des Branchenmagazins "Der Handel", wonach das Logistikunternehmen DHL die Arbeit für Neckermann im Zuge der Firmenpleite eingestellt hat. Auf dem Gelände des Versandhändlers in Frankfurt am Main stapeln sich demnach die versandfertigen Pakete. Frege bat die Neckermann-Kunden um Geduld. "Das Unternehmen wird seine Leistungen in den nächsten Tagen fortsetzen", sagte er. Der Versand der Pakete sei organisiert und beginne spätestens am Donnerstag.
"Ab morgen wird der Versand regulär fortgesetzt", teilte Neckermann am Mittwochabend mit. Es sei weiterhin wichtig, dass die Kunden spürten: "Verkauf, Versand und Service gehen weiter." Henning Koopmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von neckermann.de, ergänzte: "Ich freue mich, dass es uns gemeinsam mit unseren Partnern nach der Insolvenzantragstellung vom vergangenen Mittwoch gelungen ist, den Betrieb zu stabilisieren und das Geschäft aufrechtzuerhalten."
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Angaben zu möglichen Kaufinteressenten oder dem Stand der Sanierung von Neckermann machte Frege nicht. Der Versandhändler hatte vergangene Woche Insolvenz angemeldet, nachdem der US-Finanzinvestor Sun Capital als Eigentümer für einen von Geschäftsführung und Betriebsrat vereinbarten Sanierungsplan kein Geld zur Verfügung stellen wollte. Rechtsanwalt Frege wurde anschließend als einer der beiden Insolvenzverwalter bestellt. (dapd/abendblatt.de)
Niedergang von Neckermann – eine Chronologie
Neckermann hat am 18. Juli 2012 Insolvenz angemeldet. Damit endet vorläufig eine über 60-jährige Unternehmensgeschichte. Den fetten Jahren folgten Krisenzeiten – eine Übersicht.
1. April 1950: Der Kaufmann Josef Neckermann gründet in Frankfurt/Main die Neckermann Versand KG.
1. Januar 2006: Das Unternehmen wird in "neckermann.de" umbenannt. Damit soll der gewachsenen Bedeutung des Internethandels Rechnung getragen werden.
28. November 2006: Der Handelskonzern Arcandor, zu dem neckermann.de gehört, gibt bekannt, sich von der Versandsparte zu trennen, um sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren.
12. Dezember 2007: Mit 51 Prozent geht die Mehrheit der Neckermann-Anteile ohne direkte finanzielle Gegenleistung an den amerikanischen Finanzinvestor Sun Capital Partners.
8. Oktober 2010: Nach der Insolvenz von Arcandor gehen auch die restlichen 49 Prozent Beteiligung an Sun Capital.
27. April 2012: Der Versandhändler kündigt an, den Kataloghandel komplett einzustellen. Zugleich gibt das Unternehmen bekannt, wegen anhaltender Umsatzeinbrüche mehr als jeden zweiten Arbeitsplatz in Deutschland streichen zu wollen. Von gut 2500 Stellen sollen 1380 wegfallen.
10. Mai 2012: Das von der Belegschaft erarbeitete Sanierungskonzept ist endgültig gescheitert. Das geben Arbeitnehmervertreter nach einem Gespräch mit Geschäftsleitung und Eigentümer bekannt.
21. Mai 2012: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lehnt staatliche Hilfe für Neckermann ab.
8. Juni 2012: Der Streit um Stellenkürzungen geht in die nächste Runde. Ver.di fordert die Einrichtung einer Transfergesellschaft.
2. Juli 2012: Die Neckermann-Beschäftigten rufen zu einem zweitägigen Streik auf. Damit will ver.di den Druck auf die Geschäftsführung und den Eigentümer Sun Capital erhöhen, die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag mit Abfindungen wieder aufzunehmen. Zugleich äußert die Gewerkschaft Befürchtungen, wonach weitere 1.500 Beschäftigten entlassen werden könnten.
11. Juli 2012: Der Druck auf neckermann.de wächst. Die Verhandlungen in den Einigungsstellen seien endgültig gescheitert, teilt das Unternehmen mit. Dabei geht es um mögliche Abfindungen für von Entlassung bedrohte Mitarbeiter, auf die die Gewerkschaften pochen. Vergeblich: "Die dazu notwendigen finanziellen Mittel sind jedoch nicht vorhanden", teilt Neckermann mit.
18. Juli 2012: Neckermann stellt Insolvenzantrag. Die Verhandlungen über einen Sanierungsplan seien gescheitert, teilen das Unternehmen und die Gewerkschaft in Frankfurt am Main mit. (dapd)
Die größten Versandhändler in Deutschland
Online schlägt Katalog: Der reine Internet-Händler Amazon schlägt beim Umsatz die alteingesessenen Versandhäuser in Deutschland – allerdings nur, wenn die Konzernfirmen Bonprix, Heine und Witt nicht zur Otto Group gerechnet werden.
Neckermann belegt nach den Zahlen des EHI Retail Institute für 2010 Platz vier.
1. Amazon (Umsatz 2800 Mio. Euro)
2. Otto Group (2100 Mio. Euro)
3. Weltbild (geschätzt 1150 Mio. Euro)
4. Neckermann (871 Mio. Euro)
5. Conrad Electronic (geschätzt 785 Mio. Euro)
6. Klingel (geschätzt 740 Mio. Euro)
9. Witt Weiden (603 Mio. Euro)
10. Bonprix (geschätzt 600 Mio. Euro) (dpa)