23.07.12Letzte Frist für Athen
Fliegt Griechenland aus dem Euro?
Europa denkt das bisher Undenkbare: Der "Grexit" verliert seinen Schrecken. Über Folgen sind sich Politiker und Ökonomen aber uneins.
Von Friederike Marx
Foto: dpa/DPA
Einen Euro-Austritt Griechenlands halten Politiker und Ökonomen für zunehmend wahrscheinlicher
Frankfurt/Main.
Europa steht vor dem Tabubruch. Die
Geldgeber scheinen die Geduld mit Griechenland zu verlieren
. Ein Bankrott des hochverschuldeten Mittelmeerlandes wird wahrscheinlicher, die Euro-Mitgliedschaft Athens steht auf der Kippe. Für Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hat ein
Euro-Austritt Griechenlands ("Grexit")
"längst seinen Schrecken verloren". Volkswirte sind dagegen skeptisch, ob der gemeinsame Währungsraum einen "Grexit" so einfach verkraften könnte.
Sie befürchten, dass die Krisenstimmung auf ganz Europa überschwappen könnte. Nicht nur die Griechen, sondern auch die Bürger in anderen Euro-Ländern könnten in Panik geraten und ihre Sparkonten plündern. Investoren könnten das Vertrauen in Krisenstaaten wie Spanien oder Italien verlieren.
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"Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, was passieren wird, wenn Griechenland die Euro-Zone verlässt. Wie werden die Menschen in Portugal oder Deutschland reagieren?", sagt Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen. "Werten Investoren den Austritt positiv oder als Anfang vom Ende der Euro-Zone?" Auch wenn seit Wochen über einen möglichen Austritt Athens diskutiert werde, "ich bin mir nicht sicher, dass die Märkte das wirklich schon vollständig eingepreist haben".
Griechenland will mehr Zeit, um die Sparauflagen der Troika aus Europäischer Union, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) zu erfüllen. Berichten zufolge braucht Athen dadurch zusätzliche Hilfen von bis zu 50 Milliarden Euro. Viele Regierungen der Euro-Zone – allen voran Deutschland - scheinen jedoch nicht mehr bereit, neue Lasten zu schultern. Auch der IWF steht Berichten zufolge zusätzlichen Hilfen skeptisch gegenüber. Die Organisation verweist in einer Stellungnahme dazu lediglich auf den bevorstehenden Troika-Besuch. Sollten der IWF und Deutschland, Athen nicht mehr Zeit und Geld einräumen, wäre das Land wahrscheinlich gezwungen, den Euro-Raum zu verlassen, sagen Experten der
Citigroup voraus.
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Christian Schulz, Volkswirt bei der Berenberg-Bank, schließt in diesem Fall eine Kettenreaktion im Euro-Raum nicht aus. "Im Vergleich zum letzten Jahr hat sich nicht viel geändert." Der mit Milliarden ausgestattete Rettungsschirm ESM sei nach wie vor nicht einsatzbereit. "Sollte Spanien im Gefolge eines Grexit noch stärker unter Druck geraten, würden die Mittel des vorläufigen Rettungsschirms EFSF nicht ausreichen", sagt Schulz. Falls auch Italien Hilfe benötige, dürfte selbst das Geld des ESM nicht reichen. Mit Blick auf den ESM hatten führende Politiker des Euroraums mehrfach angedeutet, man sei jetzt für alle Eventualitäten besser vorbereitet.
Staatsbankrott und "Grexit" hätten auch Folgen für Europas Steuerzahler. Die Hilfskredite, die der EFSF und die europäischen Staaten dem Land bilateral geliehen haben, wären verloren. "Letztlich müssten die Steuerzahler den Verlust tragen", sagt Schulz.
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Die Belastungen von Banken und Versicherungen seien dagegen vergleichsweise gering. Die meisten Finanzhäuser haben ihr Engagement in Hellas in der Vergangenheit bereits drastisch verringert. "Das schließt aber nicht aus, dass die eine oder andere Bank beispielsweise in Frankreich nicht doch mit Staatsgeldern gerettet werden müsste", sagt Schulz.
Die Gesamtschulden Griechenlands gegenüber staatlichen und privaten Gläubigern sowie bei der EZB im Rahmen des europäischen Zahlungssystems Target schätzt Schulz auf etwa 420 Milliarden Euro. "Das sind etwa 4,4 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt der Euro-Zone und für sich genommen nichts, was die Euro-Zone gefährdet".
Sollte die Krise nach einer Griechenland-Pleite jedoch eskalieren, dürfte vor allem wieder die EZB gefragt sein. Mit Zinssenkungen, billigem Geld für Banken und dem Kauf von Staatsanleihen hatten die Währungshüter Turbulenzen in der Vergangenheit immer wieder eingedämmt.
Staatspleiten sind kein Weltuntergang
Staatspleiten kommen immer wieder vor. Die gute Nachricht für Wackelkandidaten wie Griechenland: Bisher verschwand kein Pleite-Land von der Landkarte. Immer ging es irgendwie weiter.
Wirtschaftswissenschaftler sprechen vom Staatsbankrott, wenn die Regierung fällige Forderungen nicht mehr erfüllt. Nicht selten ist dann noch Geld in den Kassen – den Regierungen fehlt es schlicht am Willen, sich davon zu trennen.
Aus der Geschichte sind Dutzende Beispiele solcher Staatsbankrotte überliefert. Oft schlossen Staaten einen Vergleich mit den Geldgebern und kamen schnell wieder aus den roten Zahlen.
Anfang 2002 erklärte sich Argentinien für zahlungsunfähig. Die Pleite verlief allerdings ungeordnet, löste blutige Unruhen und hohe Arbeitslosigkeit im Land aus. Es kam zu jahrelange Rechtsstreitigkeiten mit verärgerten Gläubigern. Heute sind die Wachstumsraten in dem südamerikanischen Staat trotz internationaler Schuldenkrise respektabel, die Jahresinflationsrate ist mit fast 25 Prozent aber äußerst hoch.
Eine Reihe von Ländern hat gleich mehrfach den finanziellen Offenbarungseid vor der Geschichte geleistet. Deutschland – samt seiner Vorläuferstaaten wie Preußen – dürfte es auf stattliche acht Pleiten gebracht haben, drei mehr als etwa Griechenland.
Den unrühmlichen "Weltrekord" hält das stolze Spanien mit gleich 13 Bankrotten.
Um die Peinlichkeit einer öffentlichen Bankrott-Erklärung zu vermeiden, drucken Regierungen bisweilen immer mehr Geld, bis lästige Kredite "weginflationiert" sind.
So war es in Deutschland 1923, als immer mehr Nullen auf das Papier gedruckt wurden, bis nach Monaten eine neu geschaffene Rentenmark eine Billion Reichsmark entsprach. Die große Armut und Arbeitslosigkeit sind den Deutschen bis heute schmerzhaft in Erinnerung.
Wirtschaftshistoriker zählten allein im 20. Jahrhundert mehr als zwei Dutzend derartige Hyperinflationen als Notlösung für ein gewaltiges Staatsdefizit. (dpa)
Zittern um Athen - Eine Chronologie
Das hoch verschuldete und wirtschaftlich schwache Griechenland hält die Eurozone bereits seit gut zwei Jahren in Atem.
25. März 2010: Es wird über eine Staatspleite spekuliert. Die Euro-Länder sagen Athen vorsorglich ein Hilfspaket unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu.
2. Mai 2010: Griechenland droht akut die Insolvenz. Die Eurogruppe beschließt Notkredite von 110 Milliarden Euro und verlangt einen harten Sparkurs.
10. Mai 2010: Um die Schuldenkrise einzudämmen, einigen sich die EU-Finanzminister auf einen 750 Milliarden Euro schweren Rettungsschirm (EFSF) für pleitebedrohte Mitglieder.
16. Dezember 2010: Der EU-Gipfel beschließt einen permanenten Rettungsschirm (ESM) für die Zeit ab 2013. Später wird der Start auf 2012 vorgezogen. Er soll mit 500 Milliarden Euro an verfügbaren Mitteln ausgestattet werden.
25. März 2011: Ein EU-Gipfel verabschiedet ein Paket zur Überwindung der Schuldenkrise. Dazu gehören der permanente Rettungsschirm, eine Schärfung des Stabilitätspakts und ein neuer "Euro-Pakt-Plus", mit dem sich die Regierungschefs zu Strukturreformen verpflichten.
29. Juni 2011: Das Parlament in Athen nimmt ein radikales Sparpaket der Regierung an – Voraussetzung für eine Teilzahlung aus dem Hilfspaket. Ohne die Hilfe wäre das Land zahlungsunfähig geworden.
21. Juli 2011: Auf einem Gipfel einigt sich die EU auf ein neues Griechenland-Rettungsprogramm im Volumen von 109 Milliarden Euro.
27. Oktober 2011: Die Euro-Länder und Banken einigen sich auf einen Schuldenschnitt von 50 Prozent für Athen und ein neues 130-Milliarden- Euro-Paket. Gegen harte Sparauflagen gibt es Proteste und Streiks.
10. November 2011: Lucas Papademos löst Giorgios Papandreou als Regierungschef ab. Seine Übergangsregierung soll die Sparmaßnahmen einleiten, ohne die das Hilfspaket nicht aktiviert werden kann.
12. Februar 2012: Das Parlament in Athen billigt das Sparpaket, das nach Forderung der internationalen Geldgeber verschärft werden muss.
21. Februar 2012: Die Länder der Eurozone geben grünes Licht für das 130-Milliarden-Hilfspaket. Voraussetzung für eine endgültige Freigabe ist aber ein Erfolg des Schuldenschnittes.
9. März 2012: Mit der größten Staatsumschuldung aller Zeiten verschafft sich Griechenland Luft im Kampf gegen die Pleite. Athen meldet eine breite Beteiligung am Schuldenschnitt, der das Land um mehr als 100 Milliarden Euro entlasten wird. Die Euro-Finanzminister geben umgehend einen Teil des neuen 130-Milliarden-Hilfspakets frei.
20./21. März 2012: Das griechische Parlament stimmt in der Nacht dem zweiten Rettungspaket zu.
30. März: Die Euro-Finanzminister beschließen, das Volumen des ESM auf 800 Milliarden Euro auszuweiten.
6. Mai 2012: Bei der griechischen Parlamentswahl verlieren die Unterstützer des Sparprogramms die Mehrheit. Gestärkt werden radikale Parteien, die sich einer Sanierung des Landes verweigern. Alle Versuche zur Regierungsbildung scheiterten bisher.