20.07.12

Entlassungen bei Konzernen

Was bedeutet das für den deutschen Arbeitsmarkt?

In Deutschland fallen derzeit Zehntausende Jobs im Handel weg und auch aus der Energiebranche gab es mehrere Hiobsbotschaften.

Foto: dpa/DPA
Insolvenz Neckermann.de
Neckermann, Schlecker, Kartstadt, Deutsche Bank, Metro, RWE: Hierzulande fallen momentan Zehntausende von Arbeitsplätzen weg. Experten geben Entwarnung – mit der Konjunktur hätten die Entlassungen wenig zu tun

Nürnberg. 25.000 Stellen bei Schlecker , 2400 bei Neckermann.de , 2000 Jobs bei Karstadt und 900 bei Metro – allein im Handel werden in Deutschland derzeit mehrere Zehntausend Arbeitsplätze abgebaut oder stehen auf der Kippe. Bei den Stromversorgern RWE und Eon sind es noch einmal 16.000, zahlreiche weitere sollen ausgelagert werden. Gibt es etwa eine grundlegende Trendwende auf dem bislang erstaunlich starken Arbeitsmarkt? Experten geben Entwarnung: Mit der Konjunktur hätten die Entlassungen bei den Großkonzernen nur wenig zu tun.

"Das sind branchen- und unternehmensspezifische Besonderheiten statt eines generellen Trends", sagt etwa Hans-Peter Klös vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Die Probleme bei RWE und Eon etwa seien der Energiewende und dem damit verbundenen Ausstieg aus der Atomenergie geschuldet. "In weiten Teilen des verarbeitenden Gewerbes, der Industrie sehe ich jedoch eine Fortsetzung des Expansionskurses", betont Klös.

+++ Verdi rechnet mit bis zu 4000 betroffenen Karstadt-Mitarbeitern +++

+++ Deutsche Bank streicht 1000 Arbeitsplätze +++

Aus den Schwierigkeiten einer Handvoll Unternehmen lässt sich seiner Ansicht nach nicht ableiten, dass es eine rapide Klimaeintrübung am Arbeitsmarkt gibt. Das sieht auch Dominik Groll vom Kieler Institut für Weltwirtschaft so: "Die schlechten Nachrichten in den Zeitungen müssen kein Widerspruch sein dazu, dass der Arbeitsmarkt gut läuft. Denn das sind im Vergleich zum gesamten Arbeitsmarkt kleine Zahlen."

"Gerade bei Karstadt und Schlecker sind das ja keine konjunkturellen Gründe. Das würde ich eindeutig auf Managementfehler und strukturelle Gründe zurückführen", sagt Groll. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Deutschland stieg zuletzt weiter an. Die Zahl der Arbeitslosen ging nach jahrelangem Job-Boom auch in den vergangenen Monaten weiter zurück auf zuletzt 2,81 Millionen, auch wenn die um jahreszeitliche Faktoren bereinigte Erwerbslosigkeit leicht zunahm.

"Bislang sieht das so aus, als ob es trotz einiger prominenter Fälle mit Entlassungen ein normaler Strukturwandel ist", urteilt denn auch Alexander Koch von der HypoVereinsbank. Allerdings ein Anpassungsprozess mit großer psychologischer Wirkung: "Wenn bei einem der "Schlachtrösser" was passiert, ist das medial sehr präsent. Aber die kleinen Dienstleister, die ständig zulegen, werden nicht erwähnt."

+++ Otto hat kein Interesse an Neckermann – Mitarbeiter fühlen sich abserviert +++

+++ Zahl der Arbeitsuchenden sinkt im Juni auf 2,809 Millionen +++

Diese Asymmetrie in der öffentlichen Wahrnehmung betont auch Heinrich Alt, langjähriges Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA). Er weist noch auf einen weiteren Effekt hin: "Wir sehen, dass ein großer Versandhandel – Neckermann, der mal einen Riesennamen hatte -, dass der im Moment erhebliche Probleme hat, weil sich der Handel umstrukturiert." Es gebe jedoch auch hier eine andere Seite der Medaille: "Immer mehr Menschen bestellen im Internet. Amazon hat angekündigt, in diesem Jahr 20 000 Menschen einzustellen."

Dennoch seien die Gefahren für den Arbeitsmarkt inzwischen größer als in den vergangenen Jahren, räumt Alt ein. "Die Risiken bestehen insbesondere darin, dass wir unsicher sind in der Einschätzung über die Entwicklung der Weltwirtschaft. Was ist mit dem Euro – und was ist mit den Risiken, die die Bundesrepublik Deutschland angehen?"

Erst am Donnerstag hatte die Wirtschaftsauskunftei Creditreform gemeldet, dass die Zahl der durch Insolvenzen bedrohten Arbeitsplätze in diesem Jahr um 27 Prozent auf gut 300 000 steigen wird. Doch selbst wenn die Konjunktur heftiger schwächeln sollte, müsse das für den Arbeitsmarkt keine Katastrophe bedeuten, unterstreicht Analyst Koch. "Wenn es wieder eine vorübergehende Schwäche von bis zu einem Jahr ist, vor allem wegen eines Vertrauensverlusts und nicht wegen eines Abwärtsstrudels der Weltwirtschaft, kann sich die robuste Entwicklung aus der letzten Krise wiederholen."

+++ Energieriese Eon baut weltweit 11.000 Stellen ab +++

Auch IW-Experte Klös kann sich eine Neuauflage des "deutschen Jobwunders" in einer möglichen Rezession vorstellen. "Wir haben Einiges an Reformen gemacht, haben von der Demografie-Seite eine strukturelle Entlastung, und wir haben in der Krise neue Maßnahmen erprobt", schildert der Geschäftsführer des IW. Das Politik, Arbeitgeber und Arbeitnehmer umfassende Bündnis habe weltweit Beachtung gefunden. "Mit dem Ansatz hat man gute Erfahrungen gemacht."

Karstadt seit Jahren in der Krise – eine Chronologie
Karstadt seit Jahren in der Krise – eine Chronologie
Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Den Wendepunkt brachte im Juni 2010 das Einspringen des Investors Nicolas Berggruen. Jetzt steht ein Stellenabbau an.
1. September 2009: Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH – wird das Insolvenzverfahren eröffnet.
1. Dezember 2009: Zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern sollen nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.
15. März 2010: Beim Essener Amtsgericht wird ein Insolvenzplan vorgelegt.
12. April: 2010 Die Gläubiger stimmen dem Plan zu.
23. April 2010: Der Finanzinvestor Triton bietet für Karstadt.
21. Mai 2010: Auch die vom Privatinvestor Nicolas Berggruen gesteuerte Berggruen Holdings will Karstadt übernehmen.
28. Mai 2010: Unmittelbar vor einer Sitzung des Gläubigerausschusses wird das Angebot des Karstadt-Vermieters Highstreet bekannt.
31. Mai 2010: Das Gericht verschiebt den Termin zur Annahme des Insolvenzplans auf den 10. Juni. Er wird noch mehrmals verschoben.
1. Juni 2010: Von bundesweit 94 Kommunen haben bis auf drei alle einem Verzicht auf Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher.
3. Juni 2010: Der Handelskonzern Metro bekräftigt sein Interesse an Teilen der insolventen Warenhauskette.
7. Juni 2010: Berggruen erhält vom Gläubigerausschuss den Zuschlag. Einen Tag später unterschreibt er den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert von Highstreet deutliche Mietsenkungen.
14. Juni 2010: Eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten endet ohne Ergebnis.
20. Juni 2010: Berggruen lehnt ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.
26. August 2010: Berggruen hat sich mit der Essener Valovis-Bank geeinigt. Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es.
2. September 2010: Die Highstreet-Gläubiger stimmen den von Investor Berggruen geforderten Mietsenkungen zu.
30. September 2010: Das Essener Amtsgericht hebt das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.
23. November 2010: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt und startet Anfang Januar 2011.
6. Juli 2011: Jennings legt das Konzept "Karstadt 2015" vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.
16. Juli 2012: Karstadt will bis Ende 2014 rund 2000 der 25.000 Stellen streichen. (dpa)
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