19.07.12

Neckermann-Insolvenz

Otto hat kein Interesse – Mitarbeiter fühlen sich abserviert

Hamburger Otto-Gruppe will insolventen Konkurrenten nicht übernehmen. Gericht prüft Insolvenzantrag – Verdi mahnt schnelle Maßnahmen.

Hamburg/Frankfurt. Die Otto Group zeigt kein sichtbares Interesse an einer Übernahme des insolventen Konkurrenten Neckermann.de. "Es ist jetzt Aufgabe des Insolvenzverwalters und des Neckermann-Managements, für die 2400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Lösung zu finden", teilte das Unternehmen auf Anfrage am Donnerstag in Hamburg mit. "Otto wird sich an keinerlei Spekulationen zur Fortführung des Geschäfts oder einzelner Geschäftsbereiche beteiligen."

Nach der Pleite von Quelle im Jahr 2009 hatte der Hamburger Handels- und Dienstleistungskonzern Otto einige Teile aus der Insolvenzmasse übernommen, darunter Namensrechte. Heute gibt es einen Internet-Marktplatz unter dem Namen Quelle.de als Otto-Tochtergesellschaft.

+++ Ratgeber: Neckermann.de-Pleite – was passiert mit bestellten Waren? +++


+++ Neckermann.de zieht Notbremse und stellt Insolvenzantrag +++

Einen Tag nach der Insolvenzverkündung macht sich bei den Neckermann-Mitarbeitern breit. "Das ist eine Riesenenttäuschung", sagte Logistik-Betriebsrat Thomas Schmidt am Donnerstag in Frankfurt. Viele hätten jetzt Angst vor der Zukunft und fragten sich: "Habe ich überhaupt noch eine Chance", beschrieb Schmidt die Stimmung in der Belegschaft.

Im Versand seien die Mitarbeiter im Schnitt seit 20 Jahren im Unternehmen. "Das war doch ein Stück von unserem Leben und jetzt wurden wir eiskalt abserviert", sagte Schmidt. Pläne zur Umstrukturierung des angeschlagenen Unternehmens Neckermann.de waren am Mittwoch am Widerstand des Eigentümers Sun Capital gescheitert.

+++ Versand gibt Katalog auf - 1400 Jobs entfallen +++

Unterdessen wird der von Neckermann gestellte Insolvenzantrag vom Frankfurter Amtsgericht geprüft. "Es ist noch nichts entschieden", hieß es am Donnerstag im Amtsgericht. Die zuständige Richterin lese, prüfe und bewerte die sehr umfangreichen Dokumente. Mit einer Entscheidung wird am Donnerstag oder Freitag gerechnet. Es geht um die Frage, wer als Insolvenzverwalter eingesetzt wird. Der Insolvenzantrag betrifft Neckermann Logistik und Neckermann.de.

Die Gewerkschaft Verdi mahnte eine rasche Festlegung an. "Wir haben ein hohes Interesse daran, dass so schnell wie möglich ein Insolvenzverwalter eingesetzt wird, damit die Firma Neckermann schnell wieder geschäftsfähig ist und die Geschäfte weiterlaufen können", sagte Gewerkschaftssekretär Wolfgang Thurner. Verdi sei an einer konstruktiven Zusammenarbeit interessiert. "Wir unterstützen auch die Suche und Versuche, einen seriösen Investor zu finden." (dpa/dapd/abendblatt.de)

Niedergang von Neckermann – eine Chronologie
Niedergang von Neckermann – eine Chronologie
Neckermann hat am 18. Juli 2012 Insolvenz angemeldet. Damit endet vorläufig eine über 60-jährige Unternehmensgeschichte. Den fetten Jahren folgten Krisenzeiten – eine Übersicht.
1. April 1950: Der Kaufmann Josef Neckermann gründet in Frankfurt/Main die Neckermann Versand KG.
1. Januar 2006: Das Unternehmen wird in "neckermann.de" umbenannt. Damit soll der gewachsenen Bedeutung des Internethandels Rechnung getragen werden.
28. November 2006: Der Handelskonzern Arcandor, zu dem neckermann.de gehört, gibt bekannt, sich von der Versandsparte zu trennen, um sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren.
12. Dezember 2007: Mit 51 Prozent geht die Mehrheit der Neckermann-Anteile ohne direkte finanzielle Gegenleistung an den amerikanischen Finanzinvestor Sun Capital Partners.
8. Oktober 2010: Nach der Insolvenz von Arcandor gehen auch die restlichen 49 Prozent Beteiligung an Sun Capital.
27. April 2012: Der Versandhändler kündigt an, den Kataloghandel komplett einzustellen. Zugleich gibt das Unternehmen bekannt, wegen anhaltender Umsatzeinbrüche mehr als jeden zweiten Arbeitsplatz in Deutschland streichen zu wollen. Von gut 2500 Stellen sollen 1380 wegfallen.
10. Mai 2012: Das von der Belegschaft erarbeitete Sanierungskonzept ist endgültig gescheitert. Das geben Arbeitnehmervertreter nach einem Gespräch mit Geschäftsleitung und Eigentümer bekannt.
21. Mai 2012: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lehnt staatliche Hilfe für Neckermann ab.
8. Juni 2012: Der Streit um Stellenkürzungen geht in die nächste Runde. Ver.di fordert die Einrichtung einer Transfergesellschaft.
2. Juli 2012: Die Neckermann-Beschäftigten rufen zu einem zweitägigen Streik auf. Damit will ver.di den Druck auf die Geschäftsführung und den Eigentümer Sun Capital erhöhen, die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag mit Abfindungen wieder aufzunehmen. Zugleich äußert die Gewerkschaft Befürchtungen, wonach weitere 1.500 Beschäftigten entlassen werden könnten.
11. Juli 2012: Der Druck auf neckermann.de wächst. Die Verhandlungen in den Einigungsstellen seien endgültig gescheitert, teilt das Unternehmen mit. Dabei geht es um mögliche Abfindungen für von Entlassung bedrohte Mitarbeiter, auf die die Gewerkschaften pochen. Vergeblich: "Die dazu notwendigen finanziellen Mittel sind jedoch nicht vorhanden", teilt Neckermann mit.
18. Juli 2012: Neckermann stellt Insolvenzantrag. Die Verhandlungen über einen Sanierungsplan seien gescheitert, teilen das Unternehmen und die Gewerkschaft in Frankfurt am Main mit. (dapd)
Die größten Versandhändler in Deutschland
Die größten Versandhändler in Deutschland
Online schlägt Katalog: Der reine Internet-Händler Amazon schlägt beim Umsatz die alteingesessenen Versandhäuser in Deutschland – allerdings nur, wenn die Konzernfirmen Bonprix, Heine und Witt nicht zur Otto Group gerechnet werden.
Neckermann belegt nach den Zahlen des EHI Retail Institute für 2010 Platz vier.
1. Amazon (Umsatz 2800 Mio. Euro)
2. Otto Group (2100 Mio. Euro)
3. Weltbild (geschätzt 1150 Mio. Euro)
4. Neckermann (871 Mio. Euro)
5. Conrad Electronic (geschätzt 785 Mio. Euro)
6. Klingel (geschätzt 740 Mio. Euro)
7. QVC (719 Mio. Euro)
8. Heine (666 Mio. Euro)
9. Witt Weiden (603 Mio. Euro)
10. Bonprix (geschätzt 600 Mio. Euro) (dpa)
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