13.07.12

Jährlicher TÜV

Abzocke von Autofahrern oder Rettung von Menschenleben?

Die EU will Autos ab sieben Jahren jedes Jahr zum TÜV schicken. Regierung und ADAC laufen Sturm – EU führt Unfallzahlen ins Feld.

Foto: obs/DPA
Stichtag 1. Juli 2012: Neue Regeln bei der Hauptuntersuchung
Brüssel will jährliche Hauptuntersuchungen für Autos ab dem siebten Betriebsjahr einführen. Der TÜV-Plan soll 1200 Verkehrstote pro Jahr verhindern

Brüssel. Nach Brüsseler Plänen sollen Millionen deutsche Autofahrer ihre Wagen bald jährlich über den TÜV bringen , statt wie bislang alle zwei Jahre. Mit den häufigeren Prüfintervallen für Pkws ab sieben Jahren oder ab einem Tachostand von 160.000 Kilometern will EU-Verkehrskommissar Siim Kallas Tausende Menschenleben im Jahr retten. Er legte am Freitag seinen Richtlinienvorschlag auf den Tisch. Sein Argument: Alte Autos werden viel unsicherer und müssen aus dem Verkehr gezogen werden.

In Berlin massiert sich massiver Widerstand. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ist strikt gegen Kallas' Plan. Der ADAC läuft gegen eine "reine Abzocke" Sturm und warnt vor Zusatzkosten von 1,2 Milliarden Euro für die deutschen Autofahrer. Rückendeckung erhält der Kommissar aus der deutschen Autobranche. Jährliche Prüfungen seien "sinnvoll für die Steigerung der Sicherheit", erklärte der Zentralverband Deutsches Kfz-Gewerbe (ZDK), und verweist auf den DAT-Report, wonach die Schadenshäufigkeit mit dem Alter rapide ansteige.

+++ Brüssel will jährliche Untersuchung für ältere Autos +++

+++ Das ist neu bei der Hauptuntersuchung +++

In Deutschland müssen Autos derzeit nach drei Jahren zum ersten Mal zur Hauptuntersuchung. Anschließend alle zwei Jahre. Der Richtlinienvorschlag aus Brüssel sieht eine erste Prüfung erst nach vier Jahren vor, eine zweite nach sechs Jahren, und dann alle zwölf Monate. Haben Pkws schon bei der ersten Prüfung 160.000 Kilometer auf der Tachoscheibe, dann sollen sie schon ab dann jährlich zum TÜV. Das Gleiche gilt für leichte Nutzfahrzeuge. Auch Motorräder und Anhänger sollen strenger kontrolliert werden.

Kallas rechtfertigt seinen umstrittenen Vorstoß mit der Unfallstatistik. "Mehr als 1.200 Menschenleben könnten jährlich gerettet und mehr als 36.000 Unfälle verhindert werden, weil sie durch technische Mängel verursacht werden", erklärte er. "Autos, von denen potenziell eine tödliche Gefahr ausgeht, wollen wir einfach nicht auf unseren Straßen haben."

Verkehrsminister Ramsauer sieht für Deutschland aber keinen Handlungsbedarf. "Die Pläne aus Brüssel würden für viele Autofahrer mehr Bürokratie und höhere Kosten bedeuten. Aus deutscher Sicht halte ich davon nichts", sagte er schon vor der Präsentation. Die deutschen Standards seien hoch und die Prüfpraxis seit langem bewährt. "Wir sollten hier nicht ein bestehendes Modell grundsätzlich infrage stellen, nur weil neue Vorschläge auf den Tisch kommen", ergänzte sein Sprecher am Freitag in Berlin.

EU: Auch Musterland Deutschland braucht häufigere Tests

Zwar sieht auch die Kommission Berlin bei der Qualität der Prüfungen als Vorbild für unsichere Länder und will die Standards EU-weit auf deutsches Niveau anheben. Dennoch komme auch das Musterland nicht an häufigeren Tests vorbei, sagte Kallas. Denn: "Die Zahl der Unfalltoten ist in Deutschland um zehn Prozent gestiegen."

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zeigte sich regelrecht erbost: "Jährliche TÜV-Prüfungen für Autos und Motorräder sind nicht notwendig, aber teuer und lästig für die Menschen." Er forderte gar einen TÜV für Brüssel: Es müsse ein Mechanismus geschaffen werden, "der die Bürger wirksam vor ausufernder EU-Bürokratie schützt". Ins gleiche Horn bläst der ADAC. "Unfälle aufgrund technischer Mängel treten sowohl bei neuen als auch bei älteren Fahrzeugen statistisch nicht signifikant in Erscheinung", erklärte Technik-Vizepräsident Thomas Burkhardt. "Kürzere Prüfintervalle führen nicht zu einem Sicherheitsgewinn, sondern sorgen nur für volle Kassen bei den Prüfinstituten." Der Automobilclub geht von mehr als 20 Millionen Aufträge zusätzlich pro Jahr aus. Macht bei einem Durchschnittspreis von 60 Euro 1,2 Milliarden Euro.

Kallas wies den Vorwurf zurück, er erfülle mit seinem Vorschlag die Wünsche der Prüferlobby. "Es geht nur um die Sicherheit, das hat höchste Priorität". Seine Richtlinie muss nun von den Mitgliedsstaaten und dem Parlament beraten und dann beschlossen werden.

Der Berliner Widerstand lässt wenig Aussicht auf eine unveränderte Annahme. Auch im Parlament gibt es Gegenwind. Zwar fordern die europäischen Volksvertreter schon lange bessere und einheitliche Kontrollen in allen EU-Ländern. Die Frage der Häufigkeit der Kontrollen "bleibt aber zu klären", sagte der SPD-Verkehrsexperte Ismail Ertrug. "In Deutschland haben wir schon hohe Standards."

Hauptuntersuchung für Fahrzeuge
Hauptuntersuchung für Fahrzeuge
Die Hauptuntersuchung (HU) für Fahrzeuge – häufig fälschlich "TÜV" genannt – gibt es in Westdeutschland seit 1951.
Sie soll verhindern, dass Autos oder Motorräder mit Sicherheitsmängeln im Straßenverkehr unterwegs sind.
Zunächst verschickten die Zulassungsstellen dazu "Einladungen", seit den 1960er Jahren gibt eine farbige Plakette auf dem Nummernschild dem Autofahrer an, wann er sein Fahrzeug wieder vorzustellen hat.
Erstmals muss die Hauptuntersuchung bei Pkw nach drei Jahren und dann alle zwei Jahre durchgeführt werden – was die EU über eine neue Richtlinie nun verkürzen will.
Die Tests führt der Staat nicht selbst durch, sondern anerkannte Prüforganisationen wie die TÜV-Unternehmen (TÜV Nord, TÜV Süd, TÜV Rheinland usw.), Dekra oder GTÜ.
Neben der Sicherheitsprüfung werden die Abgase auf Umweltverträglichkeit untersucht.
Das deutsche System gilt weltweit als vorbildlich. (dpa)
Wie sehen die TÜV-Vorschläge der EU-Kommission im Detail aus?
Wie sehen die TÜV-Vorschläge der EU-Kommission im Detail aus?
Jährliche Hauptuntersuchungen für ältere Autos – für diese Idee erhält EU-Verkehrskommissar Kallas viel Gegenwind. Doch in den Plänen steht noch viel mehr: Oldtimer und Zirkuswagen sind außen vor. Außerdem sieht Kallas einheitliche Standards für die Prüfer vor.
In dem Brüsseler Gesetzesvorschlag zu Sicherheitsüberprüfungen geht es nicht nur um ältere Wagen. Wir geben einen Überblick:
Was würde sich für deutsche Pkw-Besitzer ändern?
Ein neuer Pkw muss in Deutschland das erste Mal nach drei Jahren zum TÜV, danach in zweijährigen Abständen. Die EU-Kommission will eine erste Prüfung nach vier Jahren, die nächste nach zwei Jahren und dann jährlich. Für Motorräder oder motorisierte Dreiräder gilt das gleiche. Pkw oder Kleintransporter bis zu 3,5 Tonnen, die bei der ersten Untersuchung mehr als 160 000 Kilometer auf dem Zähler haben, müssen sich danach jährlich vorstellen.
Was ist mit anderen Fahrzeugklassen?
Es gibt einige Fahrzeugklassen, die Verkehrskommissar Kallas schon ab dem Kauf jährlich zum TÜV schicken will: Wagen mit mehr als acht Sitzplätzen außer dem Fahrersitz, Laster mit mehr als 3,5 Tonnen, Traktoren, die schneller als 40 km/h fahren können und Anhänger, die mehr als 3,5 Tonnen wiegen.
Gibt es Ausnahmen?
Oldtimer sind von dem Gesetzesvorschlag ebenso ausgenommen wie Militärfahrzeuge, Feuerwehrautos, Fahrzeuge der Rettungsdienste oder Land- und Forstfahrzeuge, die nicht schneller als 40 km/h fahren. Auch Zirkus- und Schaustellerwagen mit dieser Höchstgeschwindigkeit sind nicht betroffen. Für Krankenwagen oder Taxis sind bereits jetzt jährliche Überprüfungen vorgesehen.
Warum will die EU-Kommission mehr Tests für ältere Autos?
Verkehrskommissar Kallas sagt, es sei statistisch erwiesen, dass zwischen dem fünften und sechsten Betriebsjahr eines Pkw die Zahl schwerer und damit auch tödlicher Unfälle steigt. 2000 Verkehrstote stürben pro Jahr durch technische Mängel – 1200 davon seien durch bessere Kontrollen zu vermeiden. Insgesamt könnten 36 000 Unfälle verhindert werden.
Sind ältere Autos wirklich gefährlicher?
Dekra und TÜV Süd bestätigen, dass ältere Fahrzeuge anfälliger sind. Die Deutsche Polizeigewerkschaft hält allerdings dagegen: Es fehlten Daten, Raserei, Alkohol am Steuer und Fahren ohne Sicherheitsgurt seien die Haupttodesursachen. Auch der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller meint, für engmaschigere Untersuchungen fehle die Datenbasis. Die Unfallforschung der Versicherer merkt an, nicht jeder Mangel sei auch gefährlich.
Was steht denn sonst noch in dem Vorschlag?
Kallas sieht zum Beispiel bestimmte Standards für Organisationen und Personen vor, die die Prüfungen durchführen. Falls es sich dabei nicht um staatliche Stellen handelt, soll der Staat diese Stellen kontrollieren. Außerdem will der Verkehrskommissar gegen Dreherei am Kilometerzähler vorgehen. 5 bis 12 Prozent der Gebrauchtwagen werden laut EU-Kommission mit manipulierten Kilometerständen verkauft. Die Behörde schlägt deshalb vor, den Stand in der Prüfbescheinigung zu vermerken.
Ist das alles schon beschlossen?
Nein. Nun werden sich Europaparlament und EU-Staaten mit den Plänen befassen und sie sicher noch hier und da verändern. Das Bundesverkehrsministerium zum Beispiel hat schon mitgeteilt, dort halte man häufigere Prüfungen in Deutschland für unnötig. (dpa)
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