12.07.12TÜV
Brüssel will jährliche Untersuchung für ältere Autos
Besitzer älterer Autos sollen ihren Wagen jährlich prüfen lassen, schlägt EU-Verkehrskommissar Siim Kallas vor. Der ADAC protestiert.
Von abendblatt.de
Brüssel.
Die EU-Kommission will ältere Autos jährlich zum TÜV schicken. In Deutschland ist dies bisher nur alle zwei Jahre Pflicht. Außerdem will Verkehrskommissar Siim Kallas Regeln für privat geführte Werkstätten festlegen, die solche Sicherheitstests machen. Das geht aus einem Gesetzentwurf vor, den Kallas am Freitag die Pläne offiziell vorstellen will. Verschiedene
Medien hatten Mitte Juni bereits über das Vorhaben berichtet.
Die häufigeren Hauptuntersuchungen könnten beim Besitzer zu Buche schlagen, fürchtet der SPD-Europaabgeordnete Ismail Ertug. "Wer fährt denn alte Autos? Leute, die nicht viel Geld haben", sagt er. Das müsste der Gesetzgeber zumindest berücksichtigen.
+++ Brüssel will jährlichen "TÜV"
für ältere Autos +++
+++ Das ist neu bei der Hauptuntersuchung +++
Der Entwurf des Gesetzes sieht für die meisten Neuwagen die erste Hauptuntersuchung nach vier Jahren vor, dann nach zwei Jahren und danach jährlich. Ab einem Kilometerstand von 160.000 soll die Prüfung ebenfalls jedes Jahr fällig werden.
Der ADAC hingegen wehrte sich gegen die Pläne: "Jetzt will die EU-Kommission noch eins draufsetzen und die deutschen Autofahrer noch mehr zur Kasse bitten", teilt der Verband mit. Kürzere Prüfintervalle führten nicht zu mehr Verkehrssicherheit. Technische Mängel seien nur für 0,5 Prozent der schweren Unfälle verantwortlich.
Die EU-Kommission sieht das anders. Sie schätzt in dem Gesetzesentwurf, dass mehr als 2000 Verkehrstote jährlich auf Europas Straßen technischen Mängeln zum Opfer fallen. Gemessen an Zahlen aus dem Jahr 2009 entspräche dies einem Anteil von mehr als fünf Prozent.
Der TÜV Süd begrüßte das Vorhaben. Es sei "richtig und nachvollziehbar", die Prüffristen in den EU-Ländern zu vereinheitlichen. Ältere Fahrzeuge seien auch anfälliger für Probleme. (dpa/abendblatt.de)
Hauptuntersuchung für Fahrzeuge
Die Hauptuntersuchung (HU) für Fahrzeuge – häufig fälschlich "TÜV" genannt – gibt es in Westdeutschland seit 1951.
Sie soll verhindern, dass Autos oder Motorräder mit Sicherheitsmängeln im Straßenverkehr unterwegs sind.
Zunächst verschickten die Zulassungsstellen dazu "Einladungen", seit den 1960er Jahren gibt eine farbige Plakette auf dem Nummernschild dem Autofahrer an, wann er sein Fahrzeug wieder vorzustellen hat.
Erstmals muss die Hauptuntersuchung bei Pkw nach drei Jahren und dann alle zwei Jahre durchgeführt werden – was die EU über eine neue Richtlinie nun verkürzen will.
Die Tests führt der Staat nicht selbst durch, sondern anerkannte Prüforganisationen wie die TÜV-Unternehmen (TÜV Nord, TÜV Süd, TÜV Rheinland usw.), Dekra oder GTÜ.
Neben der Sicherheitsprüfung werden die Abgase auf Umweltverträglichkeit untersucht.
Das deutsche System gilt weltweit als vorbildlich. (dpa)
Wie sehen die TÜV-Vorschläge der EU-Kommission im Detail aus?
Jährliche Hauptuntersuchungen für ältere Autos – für diese Idee erhält EU-Verkehrskommissar Kallas viel Gegenwind. Doch in den Plänen steht noch viel mehr: Oldtimer und Zirkuswagen sind außen vor. Außerdem sieht Kallas einheitliche Standards für die Prüfer vor.
In dem Brüsseler Gesetzesvorschlag zu Sicherheitsüberprüfungen geht es nicht nur um ältere Wagen. Wir geben einen Überblick:
Was würde sich für deutsche Pkw-Besitzer ändern?
Ein neuer Pkw muss in Deutschland das erste Mal nach drei Jahren zum TÜV, danach in zweijährigen Abständen. Die EU-Kommission will eine erste Prüfung nach vier Jahren, die nächste nach zwei Jahren und dann jährlich. Für Motorräder oder motorisierte Dreiräder gilt das gleiche. Pkw oder Kleintransporter bis zu 3,5 Tonnen, die bei der ersten Untersuchung mehr als 160 000 Kilometer auf dem Zähler haben, müssen sich danach jährlich vorstellen.
Was ist mit anderen Fahrzeugklassen?
Es gibt einige Fahrzeugklassen, die Verkehrskommissar Kallas schon ab dem Kauf jährlich zum TÜV schicken will: Wagen mit mehr als acht Sitzplätzen außer dem Fahrersitz, Laster mit mehr als 3,5 Tonnen, Traktoren, die schneller als 40 km/h fahren können und Anhänger, die mehr als 3,5 Tonnen wiegen.
Oldtimer sind von dem Gesetzesvorschlag ebenso ausgenommen wie Militärfahrzeuge, Feuerwehrautos, Fahrzeuge der Rettungsdienste oder Land- und Forstfahrzeuge, die nicht schneller als 40 km/h fahren. Auch Zirkus- und Schaustellerwagen mit dieser Höchstgeschwindigkeit sind nicht betroffen. Für Krankenwagen oder Taxis sind bereits jetzt jährliche Überprüfungen vorgesehen.
Warum will die EU-Kommission mehr Tests für ältere Autos?
Verkehrskommissar Kallas sagt, es sei statistisch erwiesen, dass zwischen dem fünften und sechsten Betriebsjahr eines Pkw die Zahl schwerer und damit auch tödlicher Unfälle steigt. 2000 Verkehrstote stürben pro Jahr durch technische Mängel – 1200 davon seien durch bessere Kontrollen zu vermeiden. Insgesamt könnten 36 000 Unfälle verhindert werden.
Sind ältere Autos wirklich gefährlicher?
Dekra und TÜV Süd bestätigen, dass ältere Fahrzeuge anfälliger sind. Die Deutsche Polizeigewerkschaft hält allerdings dagegen: Es fehlten Daten, Raserei, Alkohol am Steuer und Fahren ohne Sicherheitsgurt seien die Haupttodesursachen. Auch der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller meint, für engmaschigere Untersuchungen fehle die Datenbasis. Die Unfallforschung der Versicherer merkt an, nicht jeder Mangel sei auch gefährlich.
Was steht denn sonst noch in dem Vorschlag?
Kallas sieht zum Beispiel bestimmte Standards für Organisationen und Personen vor, die die Prüfungen durchführen. Falls es sich dabei nicht um staatliche Stellen handelt, soll der Staat diese Stellen kontrollieren. Außerdem will der Verkehrskommissar gegen Dreherei am Kilometerzähler vorgehen. 5 bis 12 Prozent der Gebrauchtwagen werden laut EU-Kommission mit manipulierten Kilometerständen verkauft. Die Behörde schlägt deshalb vor, den Stand in der Prüfbescheinigung zu vermerken.
Ist das alles schon beschlossen?
Nein. Nun werden sich Europaparlament und EU-Staaten mit den Plänen befassen und sie sicher noch hier und da verändern. Das Bundesverkehrsministerium zum Beispiel hat schon mitgeteilt, dort halte man häufigere Prüfungen in Deutschland für unnötig. (dpa)