11.07.12

Abgase

EU-Kommission schlägt neue CO2-Grenzwerte für Autos vor

Die EU-Pläne sehen vor, die Emissionen zu senken. Bis zum Jahr 2020 sollen Pkw durchschnittlich 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen.

Foto: dpa/DPA
EU-Kommission: Autos sollen klimafreundlicher werden
Nach dem Willen der EU-Kommission sollen Autos klimafreundlicher werden

Brüssel. Vorschläge für neue Grenzwerte bei CO2-Emissionen von neuen Pkw und Kleintransportern bis 2020 hat jetzt die Europäische Kommission vorgelegt. Folgen EU-Parlament und Rat den Vorschlägen, müssen die durchschnittlichen Emissionen von Pkw-Flotten ab diesem Zeitpunkt auf 95 g CO2/km, die von Kleintransportern auf 147 g CO2/km sinken. Die Grenzwerte entsprechen einem Durchschnittsverbrauch von etwa vier Litern Treibstoff pro 100 Kilometer bei Pkw und sechs Litern bei Kleintransportern.

Die Kommission verspricht sich durch die strengeren Grenzwerte nicht nur einen verbesserten Klimaschutz und Einsparungen für die Autokäufer beim Autofahren, sondern auch eine Förderung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Automobilindustrie und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Als "extrem anspruchsvolle Aufgabe" bezeichnete der Generalsekretär des europäischen Automobilherstellerverbandes (ACEA) die Vorschläge. Die Grenzwerte seien bereits jetzt deutlich strenger als in den USA, Japan und China. Die Verschärfung werde nach Ansicht des ACEA die Produktionskosten erhöhen und bedeute einen Wettbewerbsnachteil für die europäischen Autobauer.

+++ Elektroautos und ihre versteckten CO2-Emissionen +++

+++ Alternativen zu Benzin und Diesel wenig gefragt +++

Offenere Kritik übt der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann. Die Automobilindustrie werde sich bemühen, die Werte zu erreichen, "allerdings wird das 95-Gramm-Ziel nicht ohne erhebliche Mehrkosten zu erreichen sein." Die Regulierung solle auf intelligente Innovationsanreize statt auf starre Grenzwerte setzen, was aber nicht geschieht. "An all dem sieht man, dass die EU-Kommission nicht wirklich an der Stärkung des Industrie- und Innovationsstandortes Europa interessiert ist", so Wissmann weiter.

Nicht weit genug gehen die Vorschläge nach Ansicht des Greenpeace-Sprechers Wolfgang Lohbeck: "Der heute vorgestellte Kompromiss belastet das Klima und den Geldbeutel der Verbraucher unnötig stark." Selbst die ohnehin zu schwachen Grenzwerte seien abgeschwächt worden, außerdem bestünden Schlupflöcher durch die falsche Anrechnung von Elektroautos als Null-Emissions-Autos. Greenpeace hält einen Grenzwert von 80 Gramm CO2/km für "klimapolitisch notwendig und technisch machbar".

Der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) begrüßt die weitere Verschärfung der Grenzwerte, bezeichnet die Zielvorgabe aber als "wenig ambitioniert". "Schon heute erfüllen zahlreiche Autos mit konventionellen Spritspartechniken diesen Wert", sagt der verkehrspolitische Sprecher des VCD, Gerd Lottsiepen. Um besonders sparsame Autos zu fördern, sei eine Grenze von 80 Gramm CO2/km bis 2020 und 60 Gramm CO2/km bis 2025 notwendig. Auch der VCD kritisiert die Anrechnung von Elektroautos. (mid)

Was bedeuten die CO2-Vorschläge der EU-Kommission?
Was bedeuten die CO2-Vorschläge der EU-Kommission?
Was bedeuten die Pläne für Autofahrer? Kritiker warnen vor steigenden Verkaufspreisen, Befürworter werben mit sinkenden Spritkosten. "Das 95-Gramm-Ziel wird nicht ohne erhebliche Mehrkosten zu erreichen sein", sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Die EU-Kommission geht davon aus, dass ab dem Jahr 2020 neue Pkw 1100 Euro mehr kosten. Die Einsparungen beim Spritverbrauch lägen jedoch ungleich höher: Zwischen 2900 und 3800 Euro ließen sich über die Betriebsdauer eines Autos an der Tankstelle einsparen. Das Durchschnittsauto hätte laut Greenpeace dann einen Spritverbrauch von 3,7 Liter pro 100 Kilometer.
Werden deutsche Hersteller benachteiligt? Die Vorgaben verlangen besondere Anstrengungen von den Produzenten schwerer Pkw. In diesem Segment ist Deutschland besonders stark vertreten. Gerade VW ging laut EU-Diplomaten deshalb dagegen an. Im Verhältnis zum Gewicht sollen allerdings alle gleich viel einsparen - und zwar 27 Prozent an Kohlendioxid pro Kilometer mehr als bei der geltenden Vorgabe von 130 Gramm. Die deutsche Autoindustrie hatte schwere Wagen weniger stark belasten wollen.
Wie stehen einzelne Hersteller da? Nach Angaben von EU-Diplomaten liegt Daimler mit seiner Flotte derzeit bei 98,8 Gramm CO2 pro Kilometer, BMW bei 100 Gramm und Fiat bei 87 Gramm. Ein pauschaler Wert für VW ist schwer zu berechnen - wegen der vielen Töchter, wie Skoda, Seat und Co. Die Angaben beruhen auf dem derzeitigen Fahrzeuggewicht – hier ist nach Sicht von Experten aber noch Luft für Einsparungen.
Wie reagieren Umweltverbände auf die Pläne? Den Umweltverbänden gehen die Vorgaben nicht weit genug. Grüne, WWF, NABU, Greenpeace und Verkehrsclub Deutschland forderten einen strengeren Grenzwert von 80 Gramm pro Kilometer bis 2020. Dies sei technisch machbar, ökologisch geboten und ökonomisch sinnvoll. Zudem wollen sie eine Vorgabe für das Jahr 2025. Unzufrieden sind sie auch mit Ausnahmen für "verbrauchsarme" Fahrzeuge wie Elektroautos. Hier dürfen sich Hersteller für jedes produzierte Auto 1,3 Wagen anrechnen lassen.
Was ist mit Kleintransportern? Sie müssen nur einen Zielwert von 147 Gramm CO2 pro Kilometer erreichen. Die EU-Experten sagen, man wolle nicht schon wieder an erst vergangenes Jahr beschlossenen Regeln für leichte Nutzfahrzeuge rütteln. Das könne aber noch einmal überprüft werden.
Wie ist denn die Lage in der Autobranche derzeit? Unterschiedlich. In der EU ist der Autoabsatz angesichts der Schuldenkrise seit Monaten auf Talfahrt. Vor allem in Spanien, aber auch Frankreich sind die Verkäufe eingebrochen. Der deutsche Automarkt dagegen steht noch gut da. Insgesamt steuert die Branche auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu. Konzerne wie Peugeot-Citroën, Opel, Fiat, die vom schwachen europäischen Markt abhängig sind, stecken in einer tiefen Krise und kämpfen gegen Überkapazitäten. Autoexperten erwarten Werksschließungen.
Können weltweite Exporte die Misere abmildern? Konzerne, die weltweit gut aufgestellt sind, machen in der Tat die Schwäche in Europa durch das Wachstum vor allem in China und den USA mehr als wett. Unter den europäischen Herstellern zählen dazu neben dem breit aufgestellten VW-Konzern auch die Oberklasse-Hersteller Daimler und BMW. Neben den Klimaschutz-Vorgaben müssen die Hersteller aber Milliarden in neue Antriebstechnologien wie Elektro investieren.
Ist alles schon beschlossene Sache? Nein. Die Mitglieder der EU-Kommission haben nun eine gemeinsame Position vorgestellt. Über diese verhandeln nun die EU-Länder und das Europaparlament.
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