09.07.12VW-Porsche-Fusion
BaFin: "Tiefergehende Untersuchung" noch offen
Mit dem Porsche-Coup überraschte Volkswagen vergangene Woche die Aktienmärkte. Kam die zugehörige Pflichtmitteilung zur rechten Zeit?
Von abendblatt.de
Foto: dapd/DAPD
Porsche-VW-Deal: Die Finanzaufsicht wirft einen Blick auf das Geschäft. Bisher soll es sich aber um eine reine Routineprüfung handeln
Bonn/Wolfsburg/Stuttgart. Die frühzeitige Übernahme der restlichen Porsche-Anteile durch Volkswagen hat die Finanzaufsicht auf den Plan gerufen – ein förmliches Verfahren zu dem Deal ist aber bisher nicht beschlossen. "Ob eine tiefergehende Untersuchung erfolgen muss, wird derzeit geprüft", hieß es am Montag aus der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Bonn.
Die Behörde betonte, dass es sich zum jetzigen Zeitpunkt noch um eine relativ häufig vorkommende Vorabanalyse handele. "Man muss erst einmal den Sachverhalt eruieren und herausfinden, ob möglicherweise gegen wertpapierhandelsrechtliche Richtlinien verstoßen wurde", erklärte eine Sprecherin. Nach Medienberichten soll es dabei um die Frage gehen, ob VW den am vergangenen Mittwochabend angekündigten Aktienkauf im Wert von 4,46 Milliarden Euro zur Übernahme der übrigen 50,1 Prozent der Porsche AG zu spät mitgeteilt haben könnte.
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In zwei bis drei Wochen will die BaFin entscheiden, ob sie das Geschehen genauer unter die Lupe nimmt. "Diese Zeitspanne hängt mit der Komplexität des Sachverhalts zusammen. Wir schauen, ob es Ansatzpunkte etwa für Insiderhandel oder Marktmanipulation gibt."
Ein VW-Sprecher sagte, beide Seiten hätten bereits Kontakt aufgenommen. Die laufende Vorprüfung sei jedoch ein "routinemäßiger Vorgang". Bei der Bekanntgabe des Milliardengeschäfts seien sämtliche Pflichten und Fristen eingehalten worden: "Selbstverständlich sind für Volkswagen die wertpapierhandelsrechtlichen Vorschriften stets die Basis für die Kommunikation zu den Kapitalmärkten."
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Details wollten der Konzern und die Aufseher mit Blick auf die laufenden Gespräche nicht nennen. Die Behörde machte keine Angaben dazu, ob sie auf Basis einer Beschwerde oder eigener Beobachtungen aktiv wurde: "Die BaFin speist sich da aus vielerlei Quellen."
Vor dem Braunschweiger Landgericht laufen derzeit mehrere Verfahren, in denen Investoren im Zusammenhang mit dem Übernahmekampf zwischen Porsche und Volkswagen 2008 Schadenersatz wegen angeblicher Marktmanipulation verlangen. Sie argumentieren, dass ihnen durch irreführende Pressemitteilungen Kursgewinne entgangen seien.
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Die Frage, ob börsennotierte Unternehmen marktrelevante Informationen erst bei formalen Beschlüssen oder schon bei einem absehbar starken Einfluss auf die Aktienmärkte veröffentlichen müssen, hatte zuletzt auch den Europäischen Gerichtshof beschäftigt. In einem jahrelangen Rechtsstreit über den spektakulären Abgang von Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp 2005 hatten die
Luxemburger Richter am 28. Juni das Recht von Anlegern auf bessere Auskünfte erweitert
. (dpa/abendblatt.de)
Porsche Automobil Holding SE: Zahlen & Daten:
die Porsche SE hält 50,7 Prozent der Stammaktien an VW und 50,1 Prozent über eine Zwischenholding an der Porsche AG
2011 war das erste volle Geschäftsjahr, das dem Kalenderjahr entspricht; 2010 wies die Porsche SE ein Rumpfgeschäftsjahr von August bis Dezember aus
Ergebnis 2011 aus den Beteiligungen: 395 Millionen Euro aus der Porsche Zwischenholding und 4,27 Milliarden Euro aus dem Volkswagenkonzern
Konzernergebnis 2011 nach Steuern: 59 Millionen Euro
Dividendenvorschlag an Hauptversammlung: 76 Cent je Aktie für Vorzugsaktionäre, 75,4 Cent je Aktie für Stammaktionäre
Hauptversammlung am 25. Juni (dapd)
Europas größter Autohersteller Volkswagen hat 2011 den höchsten Gewinn seiner Geschichte eingefahren. Die Zahlen in Milliarden Euro aus der Mitteilung vom 24. Februar 2012 (in Klammern das Jahr 2011):
Umsatz: 159,3 (126,8; plus 26,6 Prozent)
Ergebnis nach Steuern: 15,799 (7,226; plus 218 Prozent)
Absatz an Fahrzeugen in Millionen: 8,36 (7,29; plus 14,9 Prozent)
Mitarbeiter: 502.000 (399.400)
Ergebnis je Stammaktie: 33,10 Euro (15,17)
Dividende je Stammaktien: 3 Euro (2,20)
Nettoliquidität: 17 Milliarden (18,6), (dapd)
Satzungsänderungen der Porsche-Muttergesellschaft
Die Porsche-Muttergesellschaft Porsche SE (kurz PSE) hortet zwei Schätze unter ihrem Dach. Erstens halten die Schwaben gut 50 Prozent der Volkswagen-Stammaktien, also der stimmberechtigten Anteilsscheine des Wolfsburger Konzerns. Zweitens gehört der Dachgesellschaft gut die Hälfte am Porsche-Sportwagengeschäft.
Diese Konstellation ist das Ergebnis eines Burgfriedens, den die Stuttgarter und die Wolfsburger nach einer Übernahmeschlacht vor rund drei Jahren schlossen. Die PSE hatte sich beim Versuch, mit riskanten Finanzgeschäften die Macht bei VW an sich zu reißen, kräftig verhoben und derart viele Schulden angehäuft, dass am Ende ausgerechnet VW die letzte Rettung war.
In einem ersten Schritt der Hilfe kauften die Wolfsburger 2009 knapp die Hälfte am reinen Sportwagengeschäft aus der Porsche AG. Es flossen knapp 4 Milliarden Euro in den Süden, die den gut 11 Milliarden Euro großen Schuldenberg der PSE ein Stück weit abtrugen.
So schnell wie möglich soll nun die zweite Hälfte der Porsche AG auch an VW gehen. Unter dem Dach der PSE blieben dann noch die VW-Anteile. Doch das ist ihren Besitzern – allen voran die Familien Porsche und Piëch, gefolgt vom Emirat Katar – offenbar zu wenig. Daher sollten die Aktionäre am Montag eine umfassende Satzungsänderung beschließen.
Kern der neuen Basis für die PSE: Sie kann künftig beispielsweise auch mit Rohstoffen handeln, Wind- oder Solarenergie erzeugen und damit handeln oder im großen Stil ins Immobiliengeschäft einsteigen. Die Mittel dafür kämen auch aus dem Dividendenanspruch der VW-Aktien. Winterkorn erklärte am Montag, dass das Geld in der PSE in Zukunft "für weitere strategische Beteiligungen" genutzt werden solle.
Automobilexperten sehen darin ein Indiz dafür, dass die PSE strategische Positionen in der Welt der Autobauer besetzen soll - etwa bei Energie oder Materialeinkauf – und diese Stellung mit einem Geschäftsmodell in Richtung VW verknüpft. Deren Chef sagte am Montag: "Volkswagen bleibt auch in Zukunft das Kerninvestment der Porsche SE. Die Porsche SE ist und bleibt untrennbar mit der Automobilindustrie verbunden."
Alle denkbaren neuen Geschäftsfelder bewegten sich "entlang der automobilen Wertschöpfungskette" – die PSE bleibe also der Autowelt treu. Details nannte Winterkorn am Montag nicht. (dpa)