06.07.12US-Wahlkampf
Arbeitsmarkt könnte Obama zum Verhängnis werden
Die erneut schwachen Zahlen des Arbeitsministeriums sind für US-Präsident Obama laut Herausforderer Romney ein "Schlag in den Magen".
Von abendblatt.de
Foto: AFP
Immer mit der Ruhe: Für Amtsinhaber Barack Obama wird die Luft im US-Präsidentschaftswahlkampf dünner
Washington/Poland. Wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen zeichnet sich keine Erleichterung für den Arbeitsmarkt in den USA ab. Die dortige Wirtschaft hat im Juni lediglich 80.000 neue Jobs geschaffen, teilte das Arbeitsministerium am Freitag in Washington mit. Die Erwerbslosenquote liegt damit unverändert zum Vormonat bei 8,2 Prozent. Präsident Barack Obama reagierte enttäuscht. Die Misere sei nicht über Nacht hereingebrochen und könne auch nicht über Nacht gelöst werden, sagte Obama auf einer Wahlkampftour in Poland (Bundesstaat Ohio).
"Wir haben in den letzten 28 Monaten 4,4 Millionen neue Jobs geschaffen", erklärte ein matt wirkender Präsident. "Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber wir können uns damit nicht zufriedengeben." Das Ziel sei nicht, den Arbeitsmarkt auf den Stand des Jahres 2007 vor der Wirtschaftskrise zu bringen. "Ich möchte zurück zu der Zeit, in der die Mittelschicht mehr Sicherheit hatte", sagte Obama. "Und das ist der Grund, warum ich mich um eine zweite Amtszeit als US-Präsident bewerbe."
Obamas designierter republikanischer Herausforderer Mitt Romney nannte die Arbeitslosenzahlen einen "Schlag in den Magen für die Mittelschicht". Obama trage die volle Verantwortung dafür, erklärte Romney von seinem Urlaubsort im Bundesstaat New Hampshire. Die hohe Arbeitslosenquote untertreibe die Gefühle der Amerikaner.
Neben der großen Zahl der Erwerbslosen arbeiteten zahlreiche US-Bürger in Jobs, die weit unter ihren Fähigkeiten lägen, erklärte der Konservative. Im Fall seiner Wahl versprach Romney weniger Regulierungen für die US-Wirtschaft, eine Senkung der Steuersätze sowie die Rücknahme der Gesundheitsreform. Die USA müssten neue Märkte in Lateinamerika erschließen und dagegen angehen, "dass China Amerikas Arbeitsplätze stiehlt."
Mit dem Juni endet für die US-Wirtschaft nach Bewertungen von Ökonomen nach einem Einbruch im April und unwesentlichen Verbesserungen im Mai das schlechteste Quartal für den US-Arbeitsmarkt seit 2010. Die Zahl der neuen Jobs blieb im abgelaufenen Monat sogar noch unter den Prognosen von 95 000. Die Mehrzahl der neuen Jobs haben der Statistik zufolge Unternehmensdienstleister geschaffen.
Führende US-Wirtschaftsexperten machten die Eurokrise mit für die Situation verantwortlich. "Was den Arbeitsmarkt in den vergangenen Monaten ausgebremst hat, ist dasselbe wie in den Vorjahren", sagte Barclays-Analyst Michael Gapen dem Sender CNN. "Die Ereignisse in Europa sowie einige politische Probleme im Inland sorgen für Unsicherheit." Arbeitgeber verzögerten aufgrund dieser Unsicherheit Investitionen und Neueinstellungen.
Der Arbeitslosenquote wird eine immense Bedeutung für die politische Zukunft des Landes zugeschrieben. US-Präsident Barack Obama steht im November zur Wiederwahl. Keiner seiner Vorgänger in den letzten sechs Jahrzehnten konnte eine zweite Amtszeit erreichen, wenn die Arbeitslosenquote über 7,2 Prozent lag. Obamas designierter republikanischer Herausforderer Mitt Romney wirbt vor allem mit seiner Wirtschaftskompetenz. (dpa/abendblatt.de)
Die Gesundheitsreform war bereits ein Hauptthema im Wahlkampf von Barack Obama. Seit Jahren streiten Gegner und Befürworter um das Projekt:
20. Januar 2009: Der neue Präsident bezeichnet die Reform als eines seiner wichtigsten Vorhaben. Eine Grundversicherung soll für die meisten Amerikaner zur Pflicht werden. Am Ende sollen rund 300 Millionen Amerikaner versichert sein.
29. Juli 2009: Kompromiss im Repräsentantenhaus: Er sieht unter anderem eine Verringerung der Kosten und die Befreiung kleiner Firmen von der Versicherungspflicht für ihre Angestellten vor. Im Finanzausschuss des Senats verständigen sich Republikaner und Demokraten darauf, die Kosten auf 900 Milliarden Dollar zu senken. Obamas Originalplan würde nach Schätzungen eine Billion kosten.
17. August 2009: Nach massiver Kritik konservativer Kreise deutet die Regierung die Bereitschaft zum Verzicht auf die Einrichtung einer staatlichen Krankenkasse an. 9. September 2009: Mit einer Rede vor dem Kongress versucht Obama, Kritiker von seinem Plan zu überzeugen.
13. Oktober 2009: Der Finanzausschuss des Senats stimmt einer Gesetzesvorlage zu, die einen Versicherungsschutz für 94 Prozent aller Amerikaner vorsieht. Die Vorlage muss insbesondere mit dem Entwurf des Gesundheitsausschusses in Einklang gebracht werden. 7. November 2009: Das US-Abgeordnetenhaus verabschiedet einen Gesetzentwurf, der auch die Einführung einer staatlichen Krankenversicherung als Alternative zu privaten Anbietern vorsieht. Im Senat liegt ein demokratischer Entwurf vor, der ebenfalls weitgehend Obamas Vorstellungen entspricht. Im Fall einer Verabschiedung im Senat müssen die Vorlagen beider Kammern miteinander in Einklang und dann zur Abstimmung gebracht werden.
24. Dezember 2009: Die angestrebte Reform passiert den Senat, muss aber in beiden Kammern in eine zweite Runde. Wichtigster Punkt des Senatsentwurfs ist, dass zwischen 30 und 40 Millionen bisher unversicherte Amerikaner künftig eine Versicherung erhalten.
19. Januar 2010: Die Demokraten verlieren bei einer Senatsnachwahl die 60-Stimmen-Mehrheit zur Durchsetzung wichtiger Gesetzesvorhaben.
22. Februar 2010: Obama legt einen Kompromissentwurf vor. Ein "Gesundheitsgipfel" von Demokraten und Republikanern endet ohne Einigung. Die Republikaner lehnen die Regierungskontrolle über das Gesundheitssystem ab.
21. März 2010: Die Reform kommt. Mit hauchdünner Mehrheit billigt das Abgeordnetenhaus die Senatsvorlage und ein Änderungspaket. Ziel ist, dass am Ende 95 Prozent der US-Bürger versichert sind. Derzeit sind es 83 Prozent. Kosten für den Staat: 940 Milliarden Dollar.
23. März 2010: Obama unterzeichnet das Gesetz. 14 Bundesstaaten reichen umgehend Klage gegen die Reform ein. Republikanische Gegner der Reform erreichen, dass strittige Textzeilen gestrichen werden. 30. März 2010: Obama unterzeichnet das Änderungspaket.
13. Dezember 2010: Ein Bundesgericht im US-Bundesstaat Virginia erklärt die Reform für verfassungswidrig, im Januar 2011 folgt ein Gericht in Florida. Andere Bundesgerichte stützen dagegen das Gesetz.
15. Oktober 2011: Obama kippt erstmals selbst einen wichtigen Teil seiner Gesundheitsreform. Die Regierung streicht aus Kostengründen ein geplantes freiwilliges Versicherungsprogramm zur Langzeitpflege.
28. März 2012: Das Drama um die Reform geht in die Schlussphase. Zum Ende einer dreitägigen Verhandlung beschäftigt sich der Oberste Gerichtshof der USA mit der Frage, ob das gesamte Gesetz gekippt werden muss oder Teile beibehalten werden können, sollte das Kernstück der Reform für verfassungswidrig erklärt werden. Das monatelange Warten auf ein Urteil beginnt.
28. Juni 2012: Das höchste US-Gericht bestätigt Obamas Gesundheitsreform – sein wichtigstes innenpolitisches Reformprojekt. Die Richter geben grünes Licht für die Einführung einer Zwangsversicherung für die allermeisten Amerikaner ab 2014 – den umstrittensten Punkt des Reformwerks.