04.07.12

Fusion der Autobauer

Jahrhundert-Coup: VW übernimmt die Porsche AG

Das Sportwagengeschäft geht zu 100 Prozent nach Wolfsburg - ohne einen Cent Steuern. Die Porsche-Holding wird so ihre Schulden los.

Foto: dapd/DAPD
VW hat Porsche geschluckt
4,46 Miliarden Euro zahlt VW an die Porsche AG

Suttgart/Wolfsburg. Vollzug nach monatelanger Blockade: Volkswagen holt das Porsche-Sportwagengeschäft komplett unter sein Dach – und das ohne Steuerlast. Die Wolfsburger zahlen für die noch fehlenden 50,1 Prozent der Porsche AG rund 4,46 Milliarden Euro an die Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE (PSE). Außerdem übertragen sie parallel eine VW-Stammaktie. Das teilten Europas größter Autobauer und die PSE am Mittwochabend in Pflichtmitteilungen für die Finanzwelt mit.

Die Umsetzung der Transaktion ist für den 1. August dieses Jahres geplant. Die Gremien beider Seiten hätten dem Vorhaben "nach dem Vorliegen aller erforderlichen verbindlichen Auskünfte der Finanzbehörden" am Mittwoch zugestimmt.

+++ Schlupfloch: VW kann Porsche ohne Steuerverlust kaufen +++

+++ VW muss Porsche intern Millionenrechnungen stellen +++

Damit machten die beiden seit langem bereits eng verbandelten Partner den Deal öffentlich, über den die Nachrichtenagentur dpa und die "Wirtschaftswoche" bereits im Vorfeld berichtet hatten. Rein steuerrechtlich handelt es sich nicht um einen Verkauf, sondern um einen internen Umbau. Daher muss auch die eine Aktie fließen.

Etwa zwei der 4,46 Milliarden Euro will die Porsche-Dachgesellschaft nutzen, um ihre Schulden abzutragen. Die PSE hatte vor rund vier Jahren vergeblich versucht, nach der Macht bei den Wolfsburger zu greifen. Am Ende hatte sie 11,4 Milliarden Euro Schulden und VW wurde zur letzten Rettung.

Als erste Nothilfe einigten sich die einstigen Kontrahenten Ende2009, dass knapp die Hälfte der Porsche AG für damals rund 3,9 Milliarden Euro an die Wolfsburger ging. Der nun übertragene zweite Teil ist teurer, weil zwischenzeitlich der Wert des hochprofitablen Porsche-Sportwagengeschäftes stieg und die Partner mehr Einsparungen umsetzen können als zunächst gedacht.

Nach dem Abbau des Schuldenbergs soll die PSE den überwiegenden Teil der noch verbleibenden Summe für "strategische Beteiligungen" in der Autowelt benutzen. Den Weg frei gemacht dafür hatte die PSE vor wenigen Tagen bei ihrer Hauptversammlung. Die Schwaben halten nach der gescheiterten Übernahme die hauchdünne Mehrheit an VW. Ihre Mehrheitseigner – die Familie Porsche und Piëch – haben im Hause VW großen Einfluss, Ferdinand Piëch gilt als VW-Machtzentrum.

Kern des Deals ist, dass VW den grundsätzlich steuerpflichtigen Kauf der noch ausstehenden zweiten Hälfte der Porsche AG als eine - ausdrücklich legale – Umstrukturierung ausweist. Die ist steuerfrei. Das Delikate an der Sache: Normalerweise fließt bei einem Geschäft dieser Art kein Geld. Für gewöhnlich ist es ein Anteilstausch. Für die noch ausstehende Hälfte der Porsche AG hätten also eigentlich VW-Aktien zum Gegenwert fließen sollen. Nun aber wandert eben nur eine Aktie plus die Milliardensumme in den Süden. Diese Gestaltungsmöglichkeit ist das Extrem, aber erlaubt.

Satzungsänderungen der Porsche-Muttergesellschaft
Satzungsänderungen der Porsche-Muttergesellschaft
Die Porsche-Muttergesellschaft Porsche SE (kurz PSE) hortet zwei Schätze unter ihrem Dach. Erstens halten die Schwaben gut 50 Prozent der Volkswagen-Stammaktien, also der stimmberechtigten Anteilsscheine des Wolfsburger Konzerns. Zweitens gehört der Dachgesellschaft gut die Hälfte am Porsche-Sportwagengeschäft.
Diese Konstellation ist das Ergebnis eines Burgfriedens, den die Stuttgarter und die Wolfsburger nach einer Übernahmeschlacht vor rund drei Jahren schlossen. Die PSE hatte sich beim Versuch, mit riskanten Finanzgeschäften die Macht bei VW an sich zu reißen, kräftig verhoben und derart viele Schulden angehäuft, dass am Ende ausgerechnet VW die letzte Rettung war.
In einem ersten Schritt der Hilfe kauften die Wolfsburger 2009 knapp die Hälfte am reinen Sportwagengeschäft aus der Porsche AG. Es flossen knapp 4 Milliarden Euro in den Süden, die den gut 11 Milliarden Euro großen Schuldenberg der PSE ein Stück weit abtrugen.
So schnell wie möglich soll nun die zweite Hälfte der Porsche AG auch an VW gehen. Unter dem Dach der PSE blieben dann noch die VW-Anteile. Doch das ist ihren Besitzern – allen voran die Familien Porsche und Piëch, gefolgt vom Emirat Katar – offenbar zu wenig. Daher sollten die Aktionäre am Montag eine umfassende Satzungsänderung beschließen.
Kern der neuen Basis für die PSE: Sie kann künftig beispielsweise auch mit Rohstoffen handeln, Wind- oder Solarenergie erzeugen und damit handeln oder im großen Stil ins Immobiliengeschäft einsteigen. Die Mittel dafür kämen auch aus dem Dividendenanspruch der VW-Aktien. Winterkorn erklärte am Montag, dass das Geld in der PSE in Zukunft "für weitere strategische Beteiligungen" genutzt werden solle.
Automobilexperten sehen darin ein Indiz dafür, dass die PSE strategische Positionen in der Welt der Autobauer besetzen soll - etwa bei Energie oder Materialeinkauf – und diese Stellung mit einem Geschäftsmodell in Richtung VW verknüpft. Deren Chef sagte am Montag: "Volkswagen bleibt auch in Zukunft das Kerninvestment der Porsche SE. Die Porsche SE ist und bleibt untrennbar mit der Automobilindustrie verbunden."
Alle denkbaren neuen Geschäftsfelder bewegten sich "entlang der automobilen Wertschöpfungskette" – die PSE bleibe also der Autowelt treu. Details nannte Winterkorn am Montag nicht. (dpa)
Porsche Automobil Holding SE: Zahlen & Daten
Porsche Automobil Holding SE: Zahlen & Daten:
die Porsche SE hält 50,7 Prozent der Stammaktien an VW und 50,1 Prozent über eine Zwischenholding an der Porsche AG
2011 war das erste volle Geschäftsjahr, das dem Kalenderjahr entspricht; 2010 wies die Porsche SE ein Rumpfgeschäftsjahr von August bis Dezember aus
Ergebnis 2011 aus den Beteiligungen: 395 Millionen Euro aus der Porsche Zwischenholding und 4,27 Milliarden Euro aus dem Volkswagenkonzern
Konzernergebnis 2011 nach Steuern: 59 Millionen Euro
Dividendenvorschlag an Hauptversammlung: 76 Cent je Aktie für Vorzugsaktionäre, 75,4 Cent je Aktie für Stammaktionäre
Hauptversammlung am 25. Juni (dapd)
Volkswagen in Zahlen
Europas größter Autohersteller Volkswagen hat 2011 den höchsten Gewinn seiner Geschichte eingefahren. Die Zahlen in Milliarden Euro aus der Mitteilung vom 24. Februar 2012 (in Klammern das Jahr 2011):
Umsatz: 159,3 (126,8; plus 26,6 Prozent)
Ergebnis nach Steuern: 15,799 (7,226; plus 218 Prozent)
Absatz an Fahrzeugen in Millionen: 8,36 (7,29; plus 14,9 Prozent)
Mitarbeiter: 502.000 (399.400)
Ergebnis je Stammaktie: 33,10 Euro (15,17)
Dividende je Stammaktien: 3 Euro (2,20)
Nettoliquidität: 17 Milliarden (18,6), (dapd)
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