28.06.12

Sichere Investionen

Niedrige Zinsen: Deutsche Konzerne profitieren

Während die Euro-Staaten im Süden hohe Zinsen für frisches Geld zahlen müssen, sind die Zinsen für deutsche Firmen so niedrig wie nie.

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Internationale Investoren sind auf der Suche nach sicheren Investionen. Davon profitieren deutschen Konzerne, die weltweit einen guten Ruf genießen, und fremdes Kapital zu niedrigen Zinsen erhalten
Internationale Investoren sind auf der Suche nach sicheren Investionen. Davon profitieren deutschen Konzerne, die weltweit einen guten Ruf genießen, und fremdes Kapital zu niedrigen Zinsen erhalten

Frankfurt/Main. Während ganz Europa mit Bangen auf die immer weiter eskalierende Schuldenkrise blickt, können sich die Finanzvorstände deutscher Unternehmen die Hände reiben. Noch nie mussten sie so wenig für fremdes Geld bezahlen wie derzeit. Dabei profitieren große Konzerne wie Daimler, Telekom oder Linde vor allem von der Schuldenkrise in Europa – die Investoren weltweit suchen händeringend nach sicheren Anlagezielen und stürzen sich dabei auch auf Anleihen deutscher Unternehmen.

Während in den Problemländern wie Italien und Spanien für Staat und Konzerne Fremdkapital immer teurer wird, sinken die Zinsen hierzulande rapide. Für die Unternehmen ist das gut – schließlich könnte das in den kommenden Jahren Milliarden an Zinsen sparen. Sie müssen sich nur jetzt das Geld ins Haus holen.

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Der Gashersteller Linde hat dies bereits getan. Der Finanzvorstand Georg Denoke brachte Ende Mai eine Anleihe für 500 Millionen Euro am Markt unter und musste den Investoren nur 1,75 Prozent an Zinssatz bieten – ein historisch niedriger Wert. Noch im Dezember mussten die Münchener deutlich mehr bezahlen. Nächster aussichtsreicher Kandidat ist der deutsche Autobauer Daimler. Ende März standen bei den Stuttgartern Schulden aus Anleihen in Höhe von 27,5 Milliarden Euro in der Bilanz, 3,9 Milliarden davon fällig innerhalb eines Jahres.

Bereits im vergangenen Jahr zahlten die Stuttgarter deutlich weniger Zinsen. Und das Sparen geht weiter: Bei einer in der vergangenen Woche platzierten Anleihe mussten sie den Anlegern lediglich knapp über zwei Prozent Zinsen für 6 Jahre Laufzeit versprechen. Spanien musste am Donnerstag vergangener Woche mit gut sechs Prozent für 5 Jahre Laufzeit rund das Dreifache bieten.

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Für die Unternehmen ist der Anleihemarkt zur Geldbeschaffung zuletzt immer wichtiger geworden. Zudem ist es derzeit kaum möglich, sich viel Kapital am Aktienmarkt zu holen – wie die immer wieder verschobenen Börsengänge des Chemieunternehmens Evonik , der Siemens-Sparte Osram oder des Autogeschäfts von Rheinmetall zeigen. Doch auch die Banken tragen ihr Scherflein dazu bei. "Wir sehen, dass die Banken konservativer geworden sind und sich etwas aus der Unternehmensfinanzierung zurückziehen", sagt Axa-Expertin Anne Velot. So würden viele Banken wegen der anstehenden neuen Kapitalanforderungen (Basel III) ihre Kreditvergabe zurückfahren.

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Wie der deutsche Staat profitieren die Unternehmen in den Kernländern der Eurozone von der Risikoscheu der Anleger: Riskante Anlagen werden gemieden, vergleichsweise sichere erhalten einen Bonus. Die Sorgen bei Staatsanleihen übertragen sich nach Ansicht der Axa-Strategen auf die Welt der Unternehmen. War Anlegern vor der Finanzkrise noch weitgehend egal, aus welchem Land ein Anleihe-Emittent kam, so sind die Risikoaufschläge in den Randlagen der Eurozone zuletzt deutlich angestiegen. "Die Kreditvergabe in Deutschland bleibt insgesamt sehr robust, auch wenn das anders wahrgenommen wird. In der europäischen Peripherie entwickelt sich die Kreditvergabe hingegen weiter schwach", erklärt Velot die unterschiedliche Entwicklung.

Die Kreditanalysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) sehen in ihrer aktuellen Einschätzung der Anleihemärkte eine deutliche Verschlechterung der Bedingungen für die Südeuropäer. "Spanische Unternehmen sind seit Wochen komplett vom Markt verschwunden", heißt es von den Experten zu den Neuemissionen in Europa. Nach Daten der Bank of America mussten nicht aus der Finanzbranche stammende Unternehmen aus den Problemländern im Schnitt einen mehr als vier Prozent höheren Zins bieten als der deutsche Staat.

Daraus entsteht deutschen Unternehmen ein deutlicher Wettbewerbsvorteil. Die noch zum großen Teil in Staatsbesitz stehende Deutsche Telekom profitiert vom guten Leumund des größten Aktionärs: Die Anleihen der Bonner mit fünf Jahren Restlaufzeit rentieren am Markt bei knapp unter zwei Prozent. Der ehemalige spanische Staatsmonopolist und Telekom-Konkurrent Telefónica hingegen erleidet die Kehrseite der Medaille: Die Belastungen aus spanischer Banken-, Schulden- und Konjunkturkrise treiben die Renditen der Madrilenen bei einer Restlaufzeit von fünf Jahren derzeit auf 6,5 Prozent.

Die Spanier müssen sich deswegen derzeit von Tafelsilber trennen, um den Schuldenberg abzutragen und die immer erdrückender werdende Zinslast zu verringern. Ein Problem, das deutschen Unternehmen bei den günstigen Konditionen derzeit kaum droht.

Wer in Deutschland investiert
Wer in Deutschland investiert (Neuinvestitionen ausländischer Investoren im Jahr 2011):
Rang 1: USA, 124 Investitionen, -12 Prozent zum Vorjahr
Rang 2: Schweiz, 64 Investitionen, +60 Prozent
Rang 3: Großbritannien, 54 Investitionen, +20 Prozent
Rang 4: China, 45 Investitionen, +36 Prozent
Rang 5: Frankreich, 38 Investitionen, +19 Prozent
Rang 6: Niederlande, 38 Investitionen, +23 Prozent
Rang 7: Japan, 25 Investitionen, keine Veränderung
Rang 8: Österreich, 24 Investitionen, +41 Prozent
Rang 9: Schweden, 19 Investitionen, +111 Prozent
Rang 10: Indien, 16 Investitionen, +45 Prozent (dapd)
Was der Exportnation Deutschland zu schaffen macht
Was der Exportnation Deutschland zu schaffen macht
Schuldenkrise und schwächelnde Weltkonjunktur belasten die deutsche Wirtschaft immer stärker. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sackte im Juni auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren ab. Hauptgrund dafür: Die Industrie schraubte ihre Exporterwartungen deutlich zurück, weil es in der Weltwirtschaft so laut knirscht wie während der Finanzkrise 2009 nicht mehr.
Selbst in boomenden Schwellenländern wie China läuft es nicht mehr rund. Ein Überblick über Lage und Aussichten wichtiger Handelspartner:
USA:
Trotz Nullzinspolitik und gigantischer Finanzspritzen durch die Notenbank Fed stockt der Aufschwung. Die Fed nahm diese Woche ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 2,75 auf 2,1 Prozent zurück. Schon im ersten Quartal war der mit Abstand größten Volkswirtschaft der Welt die Puste ausgegangen. Sie wuchs nur noch um 1,9 Prozent, nachdem es Ende 2011 noch drei Prozent waren.
Für das Frühjahr deutet sich eine erneute Abschwächung ab: Im Mai wurden nur noch 69.000 Stellen geschaffen – so wenige wie seit einem Jahr nicht mehr. Die Arbeitslosenquote stieg auf 8,2 Prozent. Damit droht der private Konsum als Konjunkturmotor auszufallen. Etwa 70 Prozent der Wirtschaftsleistung der USA hängen von den Konsumausgaben ab. Die Vereinigten Staaten gehören zu den Hauptkunden des Export-Vizeweltmeisters Deutschland.
China:
Auch in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt mehren sich die Anzeichen für eine spürbare Konjunkturabkühlung. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie fiel im Juni auf ein Sieben-Monats-Tief. Dem Exportweltmeister setzt die Krise in seinem wichtigsten Absatzmarkt Europa zu.
Für das Gesamtjahr sagen Ökonomen ein Wirtschaftswachstum von 8,2 Prozent voraus. Das wäre der schwächste Anstieg seit 1999. Für zahlreiche deutsche Unternehmen ist China inzwischen der wichtigste Kunde, etwa für Volkswagen und Porsche.
Eurozone:
Das größte Sorgenkind der Weltwirtschaft ist die Europäische Währungsunion, deren Fortbestand wegen der Krise in Griechenland und anderen Ländern infrage gestellt wird. Wirtschaftlich liegt die Eurozone am Boden. Italien und Spanien stecken in der Rezession, von Griechenland ganz zu schweigen.
Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie nie zuvor. 17,4 Millionen Menschen sind derzeit ohne Job, was einer Arbeitslosenquote von elf Prozent entspricht. Rasche Besserung ist nicht in Sicht, weil die Industrie der Euro-Länder immer tiefer in die Krise schlittert: Ihr Einkaufsmanagerindex verharrte im Juni auf den schlechtesten Wert seit drei Jahren.
Die EU-Kommission befürchtet, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 0,3 Prozent fallen wird. Knapp 40 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in die Währungsunion.
Russland:
Einer der am schnellsten wachsenden deutschen Auslandsmärkte gerät durch den Verfall der Rohstoffpreise unter Druck. Der Preis für Öl – dem wichtigsten Exportschlager Russlands – fiel klar unter die Marke von 100 Dollar je Barrel. Bleibt das so, fehlen dem industriell unterentwickelten Land viele Milliarden.
Der Rubel fiel deshalb zeitweise auf den tiefsten Stand seit drei Jahren, was wiederum Importe merklich verteuert. Das sind schlechte Nachrichten für die deutschen Exporteure, die ihren Umsatz in Russland 2011 um fast ein Drittel steigerten.
Indien:
Das aufstrebende Schwellenland ist im ersten Quartal so langsam gewachsen wie seit neun Jahren nicht mehr. Von Januar bis März legte das Bruttoinlandsprodukt lediglich um 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu.
In den Jahren vor der Finanzkrise hatte Indien noch mit Wachstumsraten von mehr als neun Prozent geglänzt und sich ein Wettrennen mit China um das am schnellsten aufholende Schwellenland geliefert. Sorge bereitet vor allem das verarbeitende Gewerbe, das sogar um 0,3 Prozent schrumpfte.
Der Industrie macht die schwache Währung zu schaffen, die Importe verteuert. Die Zentralbank versucht, die Inflation mit hohen Zinsen zu dämpfen. Dadurch werden aber auch Kredite teurer, was Investitionen und Konsum belastet.
Brasilien:
Neben China und Indien schwächelt mit Brasilien auch das dritte große Schwellenland. Das Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Quartal mit 0,2 Prozent zum Vorquartal nur halb so stark zu wie erwartet. Ökonomen gehen davon aus, dass die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt 2012 erneut um weniger als drei Prozent wachsen wird.
Zum Vergleich: 2010 waren es noch 7,5 Prozent. Dem Land zu schaffen machen die noch immer schlechte Infrastruktur, eine überbewertete Währung und schlecht ausgebildete, aber vergleichsweise teure Arbeitskräfte. (Reuters)
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