28.06.12Insolvenzen
Pleiten verursachen milliardenschwere Folgeschäden
Schlecker und die Pleitewelle in der Solarindustrie sorgen für Anstieg. Privatinsolvenzen liegen im Norden über Bundesdurchschnitt.
Von abendblatt.de
Foto: dpa
Das Aus von Schlecker und die Pleitewelle in der Solarbranche haben die Schäden im ersten Halbjahr um ein Drittel auf 16,2 Milliarden anschnellen lassen
Hamburg/Düsseldorf.
Das Aus der
Drogeriemarktkette Schlecker
und die Pleitewelle in der
Solarbranche wie Q-Cells
haben die Insolvenzschäden sprunghaft nach oben schnellen lassen. Im ersten Halbjahr 2012 sei der durch Firmenzusammenbrüche verursachte Schaden um ein Drittel auf 16,2 Milliarden Euro angestiegen, teilte die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Donnerstag mit.
Dabei hätten die in die Schieflage geratene Solarindustrie und Großinsolvenz von Schlecker ein tragende Rolle gespielt. Die Zahl der bedrohten Arbeitsplätze kletterte hierdurch um Vorjahresvergleich ebenfalls stark um über 36 Prozent auf 150.000.
+++ Zahl der Insolvenzen nimmt wieder zu +++
+++ Jeder zehnte Hamburger ist überschuldet +++
Die
Euro-Krise und ihre Folgen für die Realwirtschaft
könnten die Zahl der Firmen-Insolvenzen in Deutschland wieder in die Höhe treiben: "Es geht ein Gespenst um in Europa – das Gespenst der Pleite", warnte Michael Bretz, Experte der Wirtschaftsauskunft Creditreform. "Eine Umkehr beim Insolvenzgeschehen deutet sich an", fügte er hinzu: "Wir werden mehr Insolvenzen kriegen."
Bereits im ersten Halbjahr 2012 legte die Zahl der Firmen-Pleiten leicht um 0,7 Prozent auf 15.200 zu. Im Gesamtjahr 2012 könnten bis zu 32.000 Firmen in den Zusammenbruch schlittern, sagte Bretz. 2011 lag die Zahl der Firmenzusammenbrüche bei 30.200.
Neben Schwankungen an den Kreditmärkten könnte auch eine sich abkühlende Konjunktur die Zahl der Firmenpleiten befeuern. Erste Anzeichen macht die Creditreform bereits aus: Im Frühjahr 2012 habe sich die Zahlungsmoral von Unternehmen verschlechtert, so die Experten der Auskunftei. Verzögern sich Zahlungen, kann dies vor allem für Firmen mit einer dünnen Kapitaldecke Folgen haben.
Zahl der Privatpleiten im Norden über Bundesdurchschnitt
In Norddeutschland ist die Zahl der Privatinsolvenzen im April überdurchschnittlich hoch gewesen. Auf eine Million Einwohner gab es mit 204 Fällen bundesweit die meisten Privatpleiten in Bremen, wie die Hamburger Wirtschaftsauskunftei Bürgel am Mittwoch mitteilte. Auch Hamburg mit 174, Schleswig-Holstein mit 170 und Niedersachsen mit 164 Privatinsolvenzen pro eine Million Einwohner lagen deutlich über dem Bundesschnitt von 124.
Deutschlandweit sank die Zahl der Privatinsolvenzen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 6,5 Prozent. Im Norden ging sie außer in Niedersachsen hingegen nicht zurück. Angesichts sinkender Arbeitslosenzahlen rechnet die Wirtschaftsauskunftei für die kommenden Monate bundesweit mit einem rückläufigen Trend.
Auch meldeten die vier norddeutschen Bundesländer im April im Vergleich zum Bundesdurchschnitt überdurchschnittlich viele Firmenpleiten. Bremen lag dabei mit 96 Insolvenzen auf 100.000 Unternehmen an der Spitze, aber auch in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gab es im April mehr als 80 Betriebsinsolvenzen. Der Bundesdurchschnitt lag im April bei 72 Insolvenzen je 100.000 Unternehmen. (dpa/dapd/Reuters/abendblatt.de)
Was der Exportnation Deutschland zu schaffen macht
Schuldenkrise und schwächelnde Weltkonjunktur belasten die deutsche Wirtschaft immer stärker. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sackte im Juni auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren ab. Hauptgrund dafür: Die Industrie schraubte ihre Exporterwartungen deutlich zurück, weil es in der Weltwirtschaft so laut knirscht wie während der Finanzkrise 2009 nicht mehr.
Selbst in boomenden Schwellenländern wie China läuft es nicht mehr rund. Ein Überblick über Lage und Aussichten wichtiger Handelspartner:
Trotz Nullzinspolitik und gigantischer Finanzspritzen durch die Notenbank Fed stockt der Aufschwung. Die Fed nahm diese Woche ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 2,75 auf 2,1 Prozent zurück. Schon im ersten Quartal war der mit Abstand größten Volkswirtschaft der Welt die Puste ausgegangen. Sie wuchs nur noch um 1,9 Prozent, nachdem es Ende 2011 noch drei Prozent waren.
Für das Frühjahr deutet sich eine erneute Abschwächung ab: Im Mai wurden nur noch 69.000 Stellen geschaffen – so wenige wie seit einem Jahr nicht mehr. Die Arbeitslosenquote stieg auf 8,2 Prozent. Damit droht der private Konsum als Konjunkturmotor auszufallen. Etwa 70 Prozent der Wirtschaftsleistung der USA hängen von den Konsumausgaben ab. Die Vereinigten Staaten gehören zu den Hauptkunden des Export-Vizeweltmeisters Deutschland.
Auch in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt mehren sich die Anzeichen für eine spürbare Konjunkturabkühlung. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie fiel im Juni auf ein Sieben-Monats-Tief. Dem Exportweltmeister setzt die Krise in seinem wichtigsten Absatzmarkt Europa zu.
Für das Gesamtjahr sagen Ökonomen ein Wirtschaftswachstum von 8,2 Prozent voraus. Das wäre der schwächste Anstieg seit 1999. Für zahlreiche deutsche Unternehmen ist China inzwischen der wichtigste Kunde, etwa für Volkswagen und Porsche.
Das größte Sorgenkind der Weltwirtschaft ist die Europäische Währungsunion, deren Fortbestand wegen der Krise in Griechenland und anderen Ländern infrage gestellt wird. Wirtschaftlich liegt die Eurozone am Boden. Italien und Spanien stecken in der Rezession, von Griechenland ganz zu schweigen.
Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie nie zuvor. 17,4 Millionen Menschen sind derzeit ohne Job, was einer Arbeitslosenquote von elf Prozent entspricht. Rasche Besserung ist nicht in Sicht, weil die Industrie der Euro-Länder immer tiefer in die Krise schlittert: Ihr Einkaufsmanagerindex verharrte im Juni auf den schlechtesten Wert seit drei Jahren.
Die EU-Kommission befürchtet, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 0,3 Prozent fallen wird. Knapp 40 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in die Währungsunion.
Einer der am schnellsten wachsenden deutschen Auslandsmärkte gerät durch den Verfall der Rohstoffpreise unter Druck. Der Preis für Öl – dem wichtigsten Exportschlager Russlands – fiel klar unter die Marke von 100 Dollar je Barrel. Bleibt das so, fehlen dem industriell unterentwickelten Land viele Milliarden.
Der Rubel fiel deshalb zeitweise auf den tiefsten Stand seit drei Jahren, was wiederum Importe merklich verteuert. Das sind schlechte Nachrichten für die deutschen Exporteure, die ihren Umsatz in Russland 2011 um fast ein Drittel steigerten.
Das aufstrebende Schwellenland ist im ersten Quartal so langsam gewachsen wie seit neun Jahren nicht mehr. Von Januar bis März legte das Bruttoinlandsprodukt lediglich um 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu.
In den Jahren vor der Finanzkrise hatte Indien noch mit Wachstumsraten von mehr als neun Prozent geglänzt und sich ein Wettrennen mit China um das am schnellsten aufholende Schwellenland geliefert. Sorge bereitet vor allem das verarbeitende Gewerbe, das sogar um 0,3 Prozent schrumpfte.
Der Industrie macht die schwache Währung zu schaffen, die Importe verteuert. Die Zentralbank versucht, die Inflation mit hohen Zinsen zu dämpfen. Dadurch werden aber auch Kredite teurer, was Investitionen und Konsum belastet.
Neben China und Indien schwächelt mit Brasilien auch das dritte große Schwellenland. Das Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Quartal mit 0,2 Prozent zum Vorquartal nur halb so stark zu wie erwartet. Ökonomen gehen davon aus, dass die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt 2012 erneut um weniger als drei Prozent wachsen wird.
Zum Vergleich: 2010 waren es noch 7,5 Prozent. Dem Land zu schaffen machen die noch immer schlechte Infrastruktur, eine überbewertete Währung und schlecht ausgebildete, aber vergleichsweise teure Arbeitskräfte. (Reuters)