15.06.12

Griechenland-Wahl

Deutsche Firmen und Banken blicken nach Athen

Gewinnen Euro-Gegner oder -Befürworter? Vorbereitungen für Grexit laufen – "Ansteckung" anderer Länder befürchtet. Ifo-Chef für Grexit.

Foto: dapd
Steigt Griechenland nach der Wahl aus der Währungszone aus oder können sich die Euro-Befürworter halten? Unternehmen und Banken in Deutschland haben die Wahl genau im Blick und Vorbereitungen für einen Grexit bereits getroffen
Steigt Griechenland nach der Wahl aus der Währungszone aus oder können sich die Euro-Befürworter halten? Unternehmen und Banken in Deutschland haben die Wahl genau im Blick und Vorbereitungen für einen Grexit bereits getroffen

München. Der Ausgang der Parlamentswahlen am Sonntag (17. Juni) in Griechenland kann sich auch auf das Geschäft der deutschen Unternehmen und Banken auswirken. Falls sich die Euro-Gegner durchsetzen und danach einen Austritt aus der gemeinsamen europäischen Währung beschließen, drohen Umsatzrückgange.

Von einem konkreten Plan B für diesen Fall wollte in einer dapd-Umfrage zwar kein Konzern oder Kreditinstitut sprechen. Viele erklärten, zum Teil hinter vorgehaltener Hand, dass die Umsätze in Griechenland verhältnismäßig gering seien und das Risiko überschaubar wäre. Allerdings verfolgen sie die Ereignisse genau und haben auch Vorkehrungen getroffen – zum Teil seit Monaten.

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Ökonomen sehen bei einem möglichen Euro-Austritt Griechenlands große Risiken für die europäische Wirtschaft. Andere Länder könnten angesteckt werden. Das Münchner Ifo-Institut sieht in einem Abschied der Griechen vom Euro jedoch die bessere Alternative im Gegensatz zu einer Verlängerung des Status Quo.

Ein Sprecher des Lastwagenbauers MAN sagte: "Wir beobachten die Situation in Griechenland sehr genau, um auf mögliche Auswirkungen schnell reagieren zu können." Sobald sich für MAN ein verändertes Risiko ergebe, würden Gegenmaßnahmen wie Zahlungssicherungsinstrumente oder veränderte Vertragsbedingungen ergriffen. Der DAX-Konzern erzielte im vergangenen Jahr weniger als ein Prozent des Gesamtumsatzes in Griechenland.

Siemens hat kein Szenario durchgespielt. Ein Sprecher betonte jedoch, dass die gemeinsame Währung "extrem wichtig für die europäische Industrie" sei. "Wir glauben an die Zukunft des Euro."

+++ Europa wappnet sich für Euro-Austritt Athens +++

Die Deutsche Telekom ist als größter Aktionär des früheren staatlichen Telekommunikationskonzerns OTE einer der wichtigsten ausländischen Investoren in Griechenland. "Natürlich beobachten wir die Situation dort mit großer Aufmerksamkeit", sagte eine Unternehmenssprecherin. Die Finanzierung von OTE sei aber bis weit über die zweite Jahreshälfte 2013 gesichert. Der Konzern brauche also keine Hilfen der Mutter.

+++ Griechische Währung: Wenn die Drachme wiederkommt +++

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Die Commerzbank hat sich seit Monaten auf alle Eventualitäten vorbereitet und Szenarien durchgespielt, sagte ein Sprecher. "Das erwarten unsere Kunden und die Aufsichtsbehörden." Das heiße aber nicht, dass die Bank sie für wahrscheinlich halte.

Die staatliche KfW-Bank sieht das Bestandsgeschäft wegen der guten Sicherheiten und hohen Qualitätsanforderungen an die wichtigsten Geschäftspartner nicht gefährdet. Die Folgewirkungen eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone auf die Finanzmärkte ließen sich allerdings nur schwer vorhersehen, sagte eine Sprecherin.

Der Chefvolkswirt der Berenberg-Bank, Holger Schmieding, befürchtet eine "Ansteckung" anderer Länder. "Am gefährlichsten wäre eine Übertragung auf das große Italien: Wenn italienische Sparer, aufgeschreckt durch ein Umstellen griechischer Bankeinlagen von Euro in ein neues Schwachgeld, massenhaft Geld ins Ausland schafften, hätte Europa ein riesiges Problem."

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Um den Sparern Sicherheit zu geben, schlägt er eine "gemeinsame Absicherung von Bankeinlagen" vor – ähnlich wie es die Bundesregierung nach der Pleite der Lehman-Bank gemacht hat. Die Schuldenkrise wird Schmieding zufolge noch eine Weile dauern. Es sei aber "höchst unwahrscheinlich, dass die ganz großen Katastrophen, vor denen Sparer sich fürchten, wie ein Ende des Euro oder eine große Inflation, eintreten werden".

Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone hätte laut Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen zwar erhebliche wirtschaftliche Turbulenzen im Land zur Folge. "Die Erfahrung mit vergleichbaren Fällen legt aber nahe, dass nach gut einem Jahr das Schlimmste ausgestanden ist", sagte Carstensen.

Die zu erwartende Abwertung der Währung verbillige die griechischen Produkte gegenüber der ausländischen Konkurrenz. "Dies birgt den Keim für neues Wachstum", erläuterte der Konjunkturexperte des Münchner Ifo-Instituts. Ein Austritt wäre für Griechenland also sehr schwierig, "aber viel besser als die Fortsetzung des Status Quo", sagte Carstensen.

Mögliche Szenarien nach den griechischen Wahlen am 17. Juni
Mögliche Szenarien nach den griechischen Wahlen am 17. Juni
Allen Umfragen nach wird an diesem Sonntag keine der Parteien die absolute Mehrheit von 151 Abgeordneten im griechischen 300-Sitze-Parlament stellen. Griechenland braucht angesichts der Finanzkrise aber dringend eine handlungsfähige Regierung.
Die griechischen Parteien arbeiten aber sehr ungern mit ihren politischen Gegnern, Koalitionen haben in Athen einfach keine Tradition. Daher gibt es schon jetzt verschiedene Szenarien, die von der Presse durchgespielt werden:
1. Das Szenario der breiten Regierung der Nationalen Rettung:
An dieser könnten die drei wichtigsten Parteien, die Konservativen, die Linksradikalen und die Sozialisten teilnehmen. Hinzu könne auch die gemäßigte kleine linke Partei Demokratische Linke kommen. Gemeinsamer Nenner dieser Koalition wäre, dass das Land im Euroland bleibt.
Gleichzeitig soll aber auch eine Lockerung des Sparprogramms gefordert werden, weil die Sparmaßnahmen die Wirtschaft abgewürgt haben. Dies Regierung würde stabil und handlungsfähig sein, weil sie mehr als 70 Prozent der Bevölkerung vertreten und eine überragende Mehrheit im Parlament haben würde.
2. Das zweite Szenario wäre eine Kooperation zwischen den klar pro-europäischen Parteien der Konservativen der Nea Dimokratia (ND), der Sozialisten (Pasok) und der kleinen Demokratischen Linken (Dimar). Hier beginnen aber schon die ersten Probleme.
Denn das Bündnis der radikalen Linken (Syriza), zu dem mittlerweile die meisten etablierten und ehemals privilegierten Gewerkschaftsführer von den Sozialisten übergelaufen sind, könnten zusammen mit den Kommunisten (KKE) das Land mit Streiks und Demonstrationen ins totale Chaos stürzen.
3. Eine dritte mögliche Regierungskoalition wäre eine Kooperation der Linksradikalen mit der Demokratischen Linken, falls beide genug Sitze im Parlament erobern. Die Demokratische Linke scheint jedoch nicht bereit zu sein, an einer solchen linken Koalition teilzunehmen.
Das Gleiche gilt auch für die Kommunisten. Demnach wäre eine Koalition der Linksradikalen mit den Sozialisten und der Demokratischen Linken eine Lösung, aber diese könnte daran scheitern, dass viele linke Politiker nicht mit den Sozialisten zusammenarbeiten wollen.
4. Das letzte und schlimmste Szenario ist, dass die Politiker sich erneut nicht einigen. Dann müssten wieder Neuwahlen angesetzt werden.
Das Land wäre dann für weitere sechs Wochen ohne handlungsfähige Regierung und könnte irgendwann einfach zusammenbrechen. Das Geld für Medikamente, Löhne und Renten reicht nur noch bis Mitte Juli. (dpa)
Instrumente bei Marktturbulenzen nach Hellas-Wahl
Instrumente bei Marktturbulenzen nach Hellas-Wahl
Europa hält den Atem an: Vom Ausgang der Wahl in Griechenland hängt nicht nur die Zukunft des hoch verschuldeten Krisenlandes ab. Derzeit rechnet zwar kaum jemand mit dem absoluten Katastrophenszenario – die Griechen verabschieden sich vom Euro, die Troika stoppt die Hilfszahlungen und an den Börsen bricht die Panik aus. Doch welche Instrumente stünden für den Fall der Fälle zur Verfügung?
Europäischen Zentralbank:
Die Währungshüter intervenieren seit dem Ausbruch der Finanzkrise regelmäßig als Krisenfeuerwehr. Sie senkten die Zinsen, um die Konjunktur anzukurbeln, kauften im großen Stil Staatsanleihen strauchelnder Euro-Staaten und pumpten Milliarden in den Geldkreislauf, indem sie Banken langfristig billig Geld liehen.
Starken Wechselkursschwankungen können Notenbanken zudem mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Bei schweren Krisen wie nach der Lehman-Pleite 2008 schreiten die wichtigsten Notenbanken der Welt häufig gemeinsam ein.
Börsen:
Die Aktienmärkte könnten zeitweise geschlossen werden, um einen Crash zu verhindern. Nach den Terroranschlägen vom 11. September blieben die Börsen an der New Yorker Wall Street für mehrere Tage geschlossen.
Beobachter rechnen allerdings nicht damit, dass am Montag an den Märkten Panik ausbricht. Eine weitere Möglichkeit: Der Handel mit bestimmten Papieren – zum Beispiel Bank-Aktien – wird zeitweise ausgesetzt.
Kapitalverkehrskontrollen:
Um zu verhindern, dass Griechen nach der Wahl große Summen an Euro ins Ausland in Sicherheit bringen, müssten möglicherweise die Grenzen für einige Zeit kontrolliert werden. Artikel 65 des Lissaboner Vertrages erlaubt Kapitalverkehrskontrollen für den Fall, dass die öffentliche Ordnung oder die öffentliche Sicherheit bedroht sind.
Banken:
Das Bankensystem könnte ins Wanken geraten, falls die Sparer in Griechenland Geld im großen Stil abziehen. Um das zu verhindern, dürften Kunden an Geldautomaten wohl nur noch eine bestimmte Summe abheben. Die Banken müssten zeitweise geschlossen werden. Helfen kann auch – wie nach der Lehman-Pleite – eine Garantieerklärung der Politik, dass die Spareinlagen sicher sind. (dpa)
Die Chronik der Euro-Krise
Die Chronik der Euro-Krise
Oktober 2009: Die neue griechische Regierung korrigiert die Staatsverschuldung drastisch nach oben, das Vertrauen in die Staatsfinanzen beginnt zu schwinden
16. Dezember: Standard & Poor's (S&P) stuft als zweite Ratingagentur Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Spekulationen um eine Staatspleite gehen um. Der Euro-Kurs bricht ein
25. März 2010: Die Eurogruppe sagt Athen ein Hilfspaket von 110 Milliarden Euro aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu
7. Mai: Trotz des Rettungsschirms für Athen rauscht der Euro weiter in den Keller. Spanien und Portugal drohen in den Sog zu geraten. Weltweite Kursverluste schüren die Nervosität. Die EU-Staaten beschließen einen Rettungsschirm für die Euro-Zone
10. Mai: Die EU-Finanzminister einigen sich auf einen 750 Milliarden Euro schweren Abwehrschirm EFSF unter Beteiligung des IWF
29. Oktober: Der EU-Gipfel gibt grünes Licht für begrenzte Vertragsänderungen und eine private Gläubigerbeteiligung. Die Märkte reagieren nervös, nun gerät Irland immer stärker unter Druck
21. November: Irland beantragt Hilfe aus dem Euro-Rettungsschirm
28. November: Die EU-Finanzminister gewähren Dublin ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro und einigen sich auf eine begrenzte Gläubigerbeteiligung bei künftigen Schuldenkrisen
16. Dezember: Der EU-Gipfel beschließt das Aufspannen eines permanenten Rettungsschirms (ESM) für die Zeit ab 2013
14. Februar 2011: Die Euro-Finanzminister einigen sich darauf, den ESM mit 500 Milliarden Euro verfügbaren Mitteln auszustatten
16. Mai: Die Finanzminister der Euro-Zone beschließen ein 78 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für Portugal
21. Juli: Auf einem Sondergipfel einigt sich die EU prinzipiell auf weitere Griechenland-Hilfen in Höhe von 109 Milliarden Euro
16. September: Die Verschärfung des Stabilitätspakts wird beschlossen. Durch die größte Reform der Währungsunion seit der Euroeinführung 1999 sollen die Regierungen künftig mit härteren und früheren Sanktionen zum Sparen gezwungen werden
29. September: Der Bundestag winkt den erweiterten EFSF durch
26. Oktober: Der EU-Gipfel beschließt einen Schuldenschnitt für Griechenland von 50 Prozent. Banken und Fonds müssen auf 100 Milliarden Euro ihrer Forderungen verzichten
5. Dezember: Merkel und Sarkozy einigen sich darauf, über Vertragsänderungen automatische Sanktionen und Schuldenbremsen in der Eurozone einzuführen. Standard & Poor's droht mit der Herabstufung von Deutschland, Frankreich und 13 weiteren Euroländern
9. Dezember: Nahezu alle Mitgliedstaaten einigen sich beim EU-Gipfel in Brüssel nach zähen Verhandlungen auf eine Fiskalunion. Großbritannien steht im Abseits. Eine Spaltung der EU wird abgewendet
13. Januar: Standard & Poor's senkt die Bonität Frankreichs um eine Stufe auf AA. Acht weitere Euro-Länder sind ebenfalls betroffen
30. Januar: EU-Gipfel einigt sich auf Fiskalpakt für Euro-Länder
23. Februar: Die Eurozone rutscht laut Konjunkturprognose der EU-Kommission im laufenden Jahr in die Rezession
9. März: Die Beteiligung privater Gläubiger an der Umschuldung Athens liegt bei 85,8 Prozent. Der Schuldenschnitt wird damit trotz hoher freiwilliger Beteiligung erzwungen
14. März: Die Eurogruppe gibt zweites Griechenland-Paket frei. Der IWF beteiligt sich daran mit 28 Milliarden Euro
27. März: Die OECD verlangt eine ESM-Aufstockung auf mindestens eine Billion Euro
30. März: Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt größtes Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 über 27 Milliarden Euro
13. April: Portugal ratifiziert EU-Fiskalpakt
20. April: Griechenland bekommt erste Hilfstranche für Bankensektor
23. April: Der Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal von 0,4 Prozent lässt Spanien wieder in die Rezession rutschen
26. April: Standard & Poor's stuft Spanien herab von "A" auf "BBB+"
9. Mai: Die spanische Regierung übernimmt Kontrolle über angeschlagene Großbank Bankia
17. Mai: Bankia-Aktien brechen nach Bericht über Abhebungen der Kunden ein
22. Mai: Die OECD warnt vor Risiko einer "schweren Rezession" in der Eurozone
30. Mai: EU-Kommission will Spanien unter Auflagen ein Jahr länger zur Erreichung der Defizitgrenze von drei Prozent geben
31. Mai: Mario Monti fordert direkte Bankenhilfe aus den Euro-Rettungsfonds
1. Juni: Die Iren stimmen mit 60,3 Prozent für den EU-Fiskalpakt
5. Juni: Die spanische Regierung räumt zunehmende Probleme ein, sich an den internationalen Finanzmärkten Geld zu beschaffen. Finanzminister Cristobal Montoro ruft die EU zu direkten Hilfen für die spanischen Banken auf
8. Juni: Die spanischen Banken benötigen nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) mindestens 40 Milliarden Euro
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