11.06.12

Finanzkrise

Hilferuf bringt Spanien nicht aus der Schusslinie

Spanien muss nach Hilfsantrag höhere Renditen am Kapitalmarkt bieten - Marktgewinne verpuffen - Merkel: Hilfen für Spanien Zeichen der Handlungsfähigkeit Europas

Foto: dapd/DAPD
Ob Spanien die Milliarden aus dem aktuellen Rettungsschirm EFSF oder dem Nachfolger ESM erhält, ist noch offen
Ob Spanien die Milliarden aus dem aktuellen Rettungsschirm EFSF oder dem Nachfolger ESM erhält, ist noch offen

Madrid. Spanien steht trotz des Hilferufs für seine maroden Banken in der Euro-Krise weiter voll in der Schusslinie. Die Investoren verlangten am Montag sogar höhere Renditen für die Anleihen des EU-Landes, das auch wegen seiner Schuldenprobleme im Visier der Finanzmärkte steht. Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht die zugesagten EU-Hilfen für Spaniens Banken von bis zu 100 Milliarden Euro positiv: Sie seien "ein gutes Zeichen für Märkte und Partner, dass Europa handlungsfähig ist". Die Gewinne an den internationalen Finanzmärkten als Reaktion auf den Hilferuf entpuppten sich als Strohfeuer. In Griechenland wurde der Ruf nach besseren Bedingungen für das eigene Milliarden-Paket laut. Für Italien wird der Schuldendienst immer teurer. Dennoch will das Land nicht als nächstes unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen.

+++ Wichtige Fragen und Antworten zu Hilfen durch den Rettungsfonds +++

+++ Spanien nimmt Hilfe für marode Banken an +++

Der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn erklärte, die Eurogruppe habe sich am Samstag bewusst für eine hohe Summe an Hilfen entschieden, um keinerlei Zweifel über die Abwehrbereitschaft aufkommen zu lassen. Mit dem relativ großen Betrag sei das klamme Land für das allerschlimmste Szenario und den größten Stress im Bankensektor gewappnet. Allerdings werde der Regierung in Madrid zur Auflage gemacht, den Bankensektor umzubauen, damit die Institute der Realwirtschaft dienten statt sich wie in der Vergangenheit auf Spekulationen zu verlegen. Die EZB mahnte Spanien allerdings, seine Pläne zum Aufbau von Bad Banks zu überarbeiten, in die Geldhäuser ihre toxischen Vermögenswerte aus dem Immobiliensektor auslagern können. "Es bleibt unklar, ob das angestrebte Rahmenwerk ausreichend ist, um eine effiziente Trennung der Risiken der Banken zu erreichen", kritisierten die Frankfurter Währungshüter.

Die Erleichterung an den Finanzmärkten über den Hilferuf Spaniens hielt nur kurz vor: Viele Anleger blieben am Montag skeptisch, ob die in Aussicht gestellten Finanzhilfen ausreichen, um die Schuldenkrise insgesamt in den Griff zu bekommen. Auch in China fiel die Reaktion eher verhalten aus: "Wir hoffen, dass diese Maßnahmen hilfreich sein werden, die Krise einzudämmen", sagte Vize-Finanzminister Zhu Guangyao. Der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz kritisierte das Vorgehen als "Voodoo-Ökonomie". "Das System ist: Die spanische Regierung rettet die spanischen Banken, und die spanischen Banken retten die spanische Regierung", sagte der Forscher im Reuters-Interview. Der belgische Zentralbankchef Luc Coene teilte vorsorglich mit, die Hilfen bedeuteten nicht, dass die EZB ihr umstrittenes Anleihen-Aufkauf-Programm wieder auflegen werde.

Standard & Poor's kündigte an, Spanien nach dem Hilfsgesuch nicht anders bewerten zu wollen. Fitch senkte dagegen das Rating für die Institute Banco Santander und BBVA. Der Schritt kam nach der Herabstufung Spaniens um gleich drei Stufen durch die Agentur in der vergangenen Woche nicht überraschend.

Das Geld für Spaniens Banken wird womöglich aus dem provisorischen Rettungsschirm EFSF statt aus dem Nachfolgefonds ESM fließen. Damit werde vermieden, dass private Geldgeber des spanischen Staates abgeschreckt würden von dem Umstand, dass der ESM ihnen gegenüber einen bevorzugten Gläubigerstatus habe, sagte ein EU-Vertreter in Brüssel. Woher die Hilfe für Spanien am Ende kommen wird, ließ die Bundesregierung am Montag offen. Dies hänge davon ab, wann Spanien den Antrag stellen werde, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Die Auflagen für die Hilfen seien in beiden Fällen dieselben. Der ESM soll ab dem 1. Juli handlungsfähig sein. Der Sprecher des Bundesfinanzministeriums ergänzte, er gehe davon aus, dass es auf den ESM hinauslaufe.

Ökonomen warnten allerdings davor, dass bei einer Auszahlung durch den ESM dessen Status als vorrangiger Gläubiger für Unsicherheit unter privaten Investoren sorgen könnte. Dies könnte dazu führen, dass spanische Anleihen weniger attraktiv würden und die Renditen noch weiter in die Höhe schnellten. Aus hochrangigen Kreisen der Euro-Zone verlautete, der Kredit für Spanien könne daher zunächst vom EFSF gewährt und später vom ESM übernommen werden. In Kreisen des EFSF hieß es, es werde damit gerechnet, dass Spanien weiter Garantiegeber des Rettungsfonds bleiben werde.

Spaniens Banken kämpfen nach dem Platzen einer Immobilienblase mit faulen Krediten in ihren Bilanzen. Das klamme Land kann sich selbst aber an den Kapitalmärkten nur noch zu hohen Zinsen frisches Geld besorgen. Mit dem Hilferuf an Brüssel erhoffte sich Spanien eine Linderung dieser Probleme - jedoch vergeblich: Die Kurse der zehnjährigen Papiere Spaniens rutschten nach einem kurzen Erholungsmoment wieder ab, im Gegenzug stiegen die Renditen. Ihre italienische Pendants rentierten in der Spitze ebenfalls wieder über der als längerfristig kaum tragbar geltenden Marke von sechs Prozent. (rtr)

Abseits der Bankenkrise: Spanien hat viele Baustellen
Abseits der Bankenkrise: Spanien hat viele Baustellen
Spaniens Kampf gegen die Schuldenkrise spielt auf vielen Baustellen: Immobilienblase und Bankenkrise, Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit belasten die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone. Die Sparpläne zeigen wenig Wirkung, nun soll Madrid von der EU Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro für die Sanierung des kriselnden Bankensektors bekommen. Die wichtigsten Probleme:
Arbeitsmarkt:
Die Arbeitslosenquote beträgt laut Statistikbehörde 24,4 Prozent und befindet sich auf den höchsten Stand seit 18 Jahren. Insgesamt sind in Spanien 5,6 Millionen Menschen arbeitslos. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Riesenproblem.
Die europäische Statistikbehörde Eurostat berichtete unlängst, die Quote der Jugendarbeitslosigkeit sei in Spanien mit einem Wert von 50,5 Prozent am höchsten. Zum Vergleich: Mit 8,2 Prozent hatte Deutschland die niedrigste Quote.
Immobilienmarkt:
In der Vor-Krisenzeit lockte die Kombination aus hohem Wirtschaftswachstum und niedrigem Zinsniveau die Spanier an den Immobilienmarkt. Viele legten sich eine zweite, dritte oder gar vierte Wohnung zu. Doch der Boom war größtenteils auf Pump finanziert.
Nachdem auch internationale Anleger wie Pensions- und Investmentfonds in großem Stil einstiegen, wurden Immobilien rasch zu Spekulationsobjekten. Die Finanzkrise 2008 bereitete dem ein jähes Ende: Die spanischen Banken – anfangs noch gelobt wegen ihrer Zurückhaltung bei Schrottpapieren – gerieten in den Krisenstrudel und wurden Opfer der lockeren Kreditvergabe.
Bankenkrise:
Die Lage am Immobilienmarkt schlägt voll auf den Bankensektor durch: Die Großbanken Santander und BBVA (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria) verzeichneten wegen der Vorsorge für faule Immobilienkredite Gewinnrückgänge.
Spaniens Regierung hatte höhere Rücklagen der Banken angesichts der kriselnden Wirtschaft verlangt. Anderen Geldhäusern erging es noch schlechter: Die Großbank Bankia will vom Staat mehr als 23 Milliarden Euro für ihre Sanierung.
Haushaltslage:
In der Eurozone war Spanien 2011 mit einem Fehlbetrag von 8,9 Prozent der drittgrößte Haushaltssünder. Das Haushaltsloch war zwar kleiner als 2010 (9,3 Prozent), aber deutlich höher als angestrebt. Die spanische Wirtschaft stürzte zudem zu Jahresbeginn in die Rezession.
Mit drastischen Sparmaßnahmen und weitreichenden Reformen versucht die Regierung des konservativen Regierungschefs Mariano Rajoy gegenzusteuern. Ursprünglich sollte das Defizit schon 2013 wieder unter die erlaubten 3 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, nun soll Spanien dafür ein Jahr länger Zeit bekommen. (dpa)
Die Chronik der Euro-Krise
Die Chronik der Euro-Krise
Oktober 2009: Die neue griechische Regierung korrigiert die Staatsverschuldung drastisch nach oben, das Vertrauen in die Staatsfinanzen beginnt zu schwinden
16. Dezember: Standard & Poor's (S&P) stuft als zweite Ratingagentur Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Spekulationen um eine Staatspleite gehen um. Der Euro-Kurs bricht ein
25. März 2010: Die Eurogruppe sagt Athen ein Hilfspaket von 110 Milliarden Euro aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu
7. Mai: Trotz des Rettungsschirms für Athen rauscht der Euro weiter in den Keller. Spanien und Portugal drohen in den Sog zu geraten. Weltweite Kursverluste schüren die Nervosität. Die EU-Staaten beschließen einen Rettungsschirm für die Euro-Zone
10. Mai: Die EU-Finanzminister einigen sich auf einen 750 Milliarden Euro schweren Abwehrschirm EFSF unter Beteiligung des IWF
29. Oktober: Der EU-Gipfel gibt grünes Licht für begrenzte Vertragsänderungen und eine private Gläubigerbeteiligung. Die Märkte reagieren nervös, nun gerät Irland immer stärker unter Druck
21. November: Irland beantragt Hilfe aus dem Euro-Rettungsschirm
28. November: Die EU-Finanzminister gewähren Dublin ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro und einigen sich auf eine begrenzte Gläubigerbeteiligung bei künftigen Schuldenkrisen
16. Dezember: Der EU-Gipfel beschließt das Aufspannen eines permanenten Rettungsschirms (ESM) für die Zeit ab 2013
14. Februar 2011: Die Euro-Finanzminister einigen sich darauf, den ESM mit 500 Milliarden Euro verfügbaren Mitteln auszustatten
16. Mai: Die Finanzminister der Euro-Zone beschließen ein 78 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für Portugal
21. Juli: Auf einem Sondergipfel einigt sich die EU prinzipiell auf weitere Griechenland-Hilfen in Höhe von 109 Milliarden Euro
16. September: Die Verschärfung des Stabilitätspakts wird beschlossen. Durch die größte Reform der Währungsunion seit der Euroeinführung 1999 sollen die Regierungen künftig mit härteren und früheren Sanktionen zum Sparen gezwungen werden
29. September: Der Bundestag winkt den erweiterten EFSF durch
26. Oktober: Der EU-Gipfel beschließt einen Schuldenschnitt für Griechenland von 50 Prozent. Banken und Fonds müssen auf 100 Milliarden Euro ihrer Forderungen verzichten
5. Dezember: Merkel und Sarkozy einigen sich darauf, über Vertragsänderungen automatische Sanktionen und Schuldenbremsen in der Eurozone einzuführen. Standard & Poor's droht mit der Herabstufung von Deutschland, Frankreich und 13 weiteren Euroländern
9. Dezember: Nahezu alle Mitgliedstaaten einigen sich beim EU-Gipfel in Brüssel nach zähen Verhandlungen auf eine Fiskalunion. Großbritannien steht im Abseits. Eine Spaltung der EU wird abgewendet
13. Januar: Standard & Poor's senkt die Bonität Frankreichs um eine Stufe auf AA. Acht weitere Euro-Länder sind ebenfalls betroffen
30. Januar: EU-Gipfel einigt sich auf Fiskalpakt für Euro-Länder
23. Februar: Die Eurozone rutscht laut Konjunkturprognose der EU-Kommission im laufenden Jahr in die Rezession
9. März: Die Beteiligung privater Gläubiger an der Umschuldung Athens liegt bei 85,8 Prozent. Der Schuldenschnitt wird damit trotz hoher freiwilliger Beteiligung erzwungen
14. März: Die Eurogruppe gibt zweites Griechenland-Paket frei. Der IWF beteiligt sich daran mit 28 Milliarden Euro
27. März: Die OECD verlangt eine ESM-Aufstockung auf mindestens eine Billion Euro
30. März: Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt größtes Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 über 27 Milliarden Euro
13. April: Portugal ratifiziert EU-Fiskalpakt
20. April: Griechenland bekommt erste Hilfstranche für Bankensektor
23. April: Der Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal von 0,4 Prozent lässt Spanien wieder in die Rezession rutschen
26. April: Standard & Poor's stuft Spanien herab von "A" auf "BBB+"
9. Mai: Die spanische Regierung übernimmt Kontrolle über angeschlagene Großbank Bankia
17. Mai: Bankia-Aktien brechen nach Bericht über Abhebungen der Kunden ein
22. Mai: Die OECD warnt vor Risiko einer "schweren Rezession" in der Eurozone
30. Mai: EU-Kommission will Spanien unter Auflagen ein Jahr länger zur Erreichung der Defizitgrenze von drei Prozent geben
31. Mai: Mario Monti fordert direkte Bankenhilfe aus den Euro-Rettungsfonds
1. Juni: Die Iren stimmen mit 60,3 Prozent für den EU-Fiskalpakt
5. Juni: Die spanische Regierung räumt zunehmende Probleme ein, sich an den internationalen Finanzmärkten Geld zu beschaffen. Finanzminister Cristobal Montoro ruft die EU zu direkten Hilfen für die spanischen Banken auf
8. Juni: Die spanischen Banken benötigen nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) mindestens 40 Milliarden Euro
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RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / FSB" - NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS
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