11.06.12

Finanzkrise in Spanien

Die schwarzen Löcher der Banken - Reicht die Hilfe?

Nicht alle spanischen Geldhäuser benötigen EU-Hilfen. Nach Ansicht des IWF gelten 70 Prozent als konsolidiert, 30 Prozent als problematisch.

Foto: dapd/DAPD
Ob Spanien die Milliarden aus dem aktuellen Rettungsschirm EFSF oder dem Nachfolger ESM erhält, ist noch offen
Ob Spanien die Milliarden aus dem aktuellen Rettungsschirm EFSF oder dem Nachfolger ESM erhält, ist noch offen

Madrid. Es ist nicht lange her, da waren die Spanier noch stolz auf ihre Banken. Geldhäuser wie Banco Santander oder BBVA (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria) hatten sich in Europa einen Namen gemacht, die Branchenaufsicht der spanischen Zentralbank galt als vorbildlich. Als in den USA und Deutschland Banken mit Staatsgeldern gestützt wurden, meinte Spaniens damaliger Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero: "Spanien spielt in der Champions League der Volkswirtschaften."

+++ Wichtige Fragen und Antworten zu Hilfen durch den Rettungsfonds +++

+++ Spanien nimmt Hilfe für marode Banken an +++

Keine fünf Jahre später stehen spanische Banken im Brennpunkt der Finanzkrise. Madrid muss die EU um Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro für seine in Schräglage geratenen Geldhäuser bitten. Dabei war man in Spanien bis vor kurzem davon ausgegangen, dass die Probleme sich auf kleinere Sparkassen beschränkten. Als die Caja Mediterráneo (CAM) vor dem Zusammenbruch stand und verstaatlicht werden musste, sagte der damalige Zentralbankchef Miguel Fernández Ordóñez: "Das ist das Schlimmste vom Schlimmen."

Er sollte sich irren, denn es sollte noch schlimmer kommen. Bankia, das viertgrößte Geldinstitut des Landes, musste feststellen, dass zu seiner Sanierung eine Kapitalzufuhr von 23,5 Milliarden Euro nötig ist. CatalunyaCaixa und Novagalicia benötigen weitere 9 Milliarden. Der Weltwährungsfonds (IWF) bezifferte die Gesamtsumme, die für den spanischen Bankensektor erforderlich sein wird, auf 40 Milliarden Euro. Madrid geht daher davon aus, dass die erbetene Hilfe von 100 Milliarden Euro in jedem Fall ausreichen sollte.

Nach Ansicht des IWF gelten 30 Prozent der spanischen Bankenwirtschaft als problematisch und 70 Prozent als konsolidiert. Die drei führenden Geldhäuser Santander, BBVA und Caixabank halten sich in der Krise relativ gut. Sie erlitten zwar Gewinneinbußen, weil sie aufgrund der Bankenreformen der Regierung größere Rücklagen bilden mussten. Aber sie brachten die Mittel auf, ohne Hilfen in Anspruch nehmen zu müssen. Daran wird sich voraussichtlich nichts ändern. Allerdings setzte die Ratingagentur Fitch die Bonität von Santander und BBVA am Montag um zwei Stufen herab. In der vorigen Woche hatte sie die Kreditwürdigkeit Spaniens gar um drei Stufen gesenkt.

Die Unklarheiten konzentrieren sich vor allem auf das Mittelfeld der Branche. Dazu gehören mittelgroße Geldhäuser, die bisher ohne staatliche Hilfen ausgekommen waren. Von ihnen weiß man nicht, ob sie erhöhte Auflagen für Rückstellungen mit eigenen Mitteln erfüllen könnten. Die Regierung gab bei den Prüfungsgesellschaften Roland Berger und Oliver Wyman Gutachten in Auftrag, die Klarheit schaffen sollen. Madrid unternimmt aber keine Anstalten herauszufinden, wer die Verantwortung für das Desaster trägt. "Das wäre zu dieser Zeit nicht angebracht", sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy.

Wieso haben Banken und Sparkassen so großzügig Kredite gewährt, die sich nun als "faul" erweisen? "Spaniens Wirtschaftsmodell beruhte damals auf der Bauwirtschaft", erläutert ein Ex-Vorstandsmitglied der Sparkasse Caja Madrid, die jetzt zu Bankia gehört, der Zeitung "El País". "Wir haben dieses Modell mit den nötigen Finanzen versorgt." Von 2004 bis 2006 wurde in Spanien pro Jahr mit dem Bau von 600 000 Wohnungen begonnen, 2010 waren es nur noch 100 000.

Im Mittelpunkt der Kritik steht Rodrigo Rato, der bis Mai an der Spitze von Bankia gestanden hat. Der Ex-Generaldirektor des IWF ist ein ehemaliger Ministerkollege von Rajoy und galt bislang als die wirtschaftspolitische Koryphäe der regierenden Volkspartei. Dabei kann man ihm die Kreditvergabe während des Baubooms kaum ankreiden, denn er übernahm den Chefposten bei Bankia erst im Januar 2010. Allerdings hatte er maßgeblichen Anteil daran, dass eine Gruppe maroder Sparkassen um die Caja Madrid zu einer Großbank fusioniert und an die Börse gebracht wurden. Beides bezeichnete Wirtschaftsminister Luis de Guindos als Fehler. Mehrere Initiativen wollen Rato vor Gericht verklagen.

Abseits der Bankenkrise: Spanien hat viele Baustellen
Abseits der Bankenkrise: Spanien hat viele Baustellen
Spaniens Kampf gegen die Schuldenkrise spielt auf vielen Baustellen: Immobilienblase und Bankenkrise, Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit belasten die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone. Die Sparpläne zeigen wenig Wirkung, nun soll Madrid von der EU Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro für die Sanierung des kriselnden Bankensektors bekommen. Die wichtigsten Probleme:
Arbeitsmarkt:
Die Arbeitslosenquote beträgt laut Statistikbehörde 24,4 Prozent und befindet sich auf den höchsten Stand seit 18 Jahren. Insgesamt sind in Spanien 5,6 Millionen Menschen arbeitslos. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Riesenproblem.
Die europäische Statistikbehörde Eurostat berichtete unlängst, die Quote der Jugendarbeitslosigkeit sei in Spanien mit einem Wert von 50,5 Prozent am höchsten. Zum Vergleich: Mit 8,2 Prozent hatte Deutschland die niedrigste Quote.
Immobilienmarkt:
In der Vor-Krisenzeit lockte die Kombination aus hohem Wirtschaftswachstum und niedrigem Zinsniveau die Spanier an den Immobilienmarkt. Viele legten sich eine zweite, dritte oder gar vierte Wohnung zu. Doch der Boom war größtenteils auf Pump finanziert.
Nachdem auch internationale Anleger wie Pensions- und Investmentfonds in großem Stil einstiegen, wurden Immobilien rasch zu Spekulationsobjekten. Die Finanzkrise 2008 bereitete dem ein jähes Ende: Die spanischen Banken – anfangs noch gelobt wegen ihrer Zurückhaltung bei Schrottpapieren – gerieten in den Krisenstrudel und wurden Opfer der lockeren Kreditvergabe.
Bankenkrise:
Die Lage am Immobilienmarkt schlägt voll auf den Bankensektor durch: Die Großbanken Santander und BBVA (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria) verzeichneten wegen der Vorsorge für faule Immobilienkredite Gewinnrückgänge.
Spaniens Regierung hatte höhere Rücklagen der Banken angesichts der kriselnden Wirtschaft verlangt. Anderen Geldhäusern erging es noch schlechter: Die Großbank Bankia will vom Staat mehr als 23 Milliarden Euro für ihre Sanierung.
Haushaltslage:
In der Eurozone war Spanien 2011 mit einem Fehlbetrag von 8,9 Prozent der drittgrößte Haushaltssünder. Das Haushaltsloch war zwar kleiner als 2010 (9,3 Prozent), aber deutlich höher als angestrebt. Die spanische Wirtschaft stürzte zudem zu Jahresbeginn in die Rezession.
Mit drastischen Sparmaßnahmen und weitreichenden Reformen versucht die Regierung des konservativen Regierungschefs Mariano Rajoy gegenzusteuern. Ursprünglich sollte das Defizit schon 2013 wieder unter die erlaubten 3 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, nun soll Spanien dafür ein Jahr länger Zeit bekommen. (dpa)
Die Chronik der Euro-Krise
Die Chronik der Euro-Krise
Oktober 2009: Die neue griechische Regierung korrigiert die Staatsverschuldung drastisch nach oben, das Vertrauen in die Staatsfinanzen beginnt zu schwinden
16. Dezember: Standard & Poor's (S&P) stuft als zweite Ratingagentur Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Spekulationen um eine Staatspleite gehen um. Der Euro-Kurs bricht ein
25. März 2010: Die Eurogruppe sagt Athen ein Hilfspaket von 110 Milliarden Euro aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu
7. Mai: Trotz des Rettungsschirms für Athen rauscht der Euro weiter in den Keller. Spanien und Portugal drohen in den Sog zu geraten. Weltweite Kursverluste schüren die Nervosität. Die EU-Staaten beschließen einen Rettungsschirm für die Euro-Zone
10. Mai: Die EU-Finanzminister einigen sich auf einen 750 Milliarden Euro schweren Abwehrschirm EFSF unter Beteiligung des IWF
29. Oktober: Der EU-Gipfel gibt grünes Licht für begrenzte Vertragsänderungen und eine private Gläubigerbeteiligung. Die Märkte reagieren nervös, nun gerät Irland immer stärker unter Druck
21. November: Irland beantragt Hilfe aus dem Euro-Rettungsschirm
28. November: Die EU-Finanzminister gewähren Dublin ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro und einigen sich auf eine begrenzte Gläubigerbeteiligung bei künftigen Schuldenkrisen
16. Dezember: Der EU-Gipfel beschließt das Aufspannen eines permanenten Rettungsschirms (ESM) für die Zeit ab 2013
14. Februar 2011: Die Euro-Finanzminister einigen sich darauf, den ESM mit 500 Milliarden Euro verfügbaren Mitteln auszustatten
16. Mai: Die Finanzminister der Euro-Zone beschließen ein 78 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für Portugal
21. Juli: Auf einem Sondergipfel einigt sich die EU prinzipiell auf weitere Griechenland-Hilfen in Höhe von 109 Milliarden Euro
16. September: Die Verschärfung des Stabilitätspakts wird beschlossen. Durch die größte Reform der Währungsunion seit der Euroeinführung 1999 sollen die Regierungen künftig mit härteren und früheren Sanktionen zum Sparen gezwungen werden
29. September: Der Bundestag winkt den erweiterten EFSF durch
26. Oktober: Der EU-Gipfel beschließt einen Schuldenschnitt für Griechenland von 50 Prozent. Banken und Fonds müssen auf 100 Milliarden Euro ihrer Forderungen verzichten
5. Dezember: Merkel und Sarkozy einigen sich darauf, über Vertragsänderungen automatische Sanktionen und Schuldenbremsen in der Eurozone einzuführen. Standard & Poor's droht mit der Herabstufung von Deutschland, Frankreich und 13 weiteren Euroländern
9. Dezember: Nahezu alle Mitgliedstaaten einigen sich beim EU-Gipfel in Brüssel nach zähen Verhandlungen auf eine Fiskalunion. Großbritannien steht im Abseits. Eine Spaltung der EU wird abgewendet
13. Januar: Standard & Poor's senkt die Bonität Frankreichs um eine Stufe auf AA. Acht weitere Euro-Länder sind ebenfalls betroffen
30. Januar: EU-Gipfel einigt sich auf Fiskalpakt für Euro-Länder
23. Februar: Die Eurozone rutscht laut Konjunkturprognose der EU-Kommission im laufenden Jahr in die Rezession
9. März: Die Beteiligung privater Gläubiger an der Umschuldung Athens liegt bei 85,8 Prozent. Der Schuldenschnitt wird damit trotz hoher freiwilliger Beteiligung erzwungen
14. März: Die Eurogruppe gibt zweites Griechenland-Paket frei. Der IWF beteiligt sich daran mit 28 Milliarden Euro
27. März: Die OECD verlangt eine ESM-Aufstockung auf mindestens eine Billion Euro
30. März: Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt größtes Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 über 27 Milliarden Euro
13. April: Portugal ratifiziert EU-Fiskalpakt
20. April: Griechenland bekommt erste Hilfstranche für Bankensektor
23. April: Der Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal von 0,4 Prozent lässt Spanien wieder in die Rezession rutschen
26. April: Standard & Poor's stuft Spanien herab von "A" auf "BBB+"
9. Mai: Die spanische Regierung übernimmt Kontrolle über angeschlagene Großbank Bankia
17. Mai: Bankia-Aktien brechen nach Bericht über Abhebungen der Kunden ein
22. Mai: Die OECD warnt vor Risiko einer "schweren Rezession" in der Eurozone
30. Mai: EU-Kommission will Spanien unter Auflagen ein Jahr länger zur Erreichung der Defizitgrenze von drei Prozent geben
31. Mai: Mario Monti fordert direkte Bankenhilfe aus den Euro-Rettungsfonds
1. Juni: Die Iren stimmen mit 60,3 Prozent für den EU-Fiskalpakt
5. Juni: Die spanische Regierung räumt zunehmende Probleme ein, sich an den internationalen Finanzmärkten Geld zu beschaffen. Finanzminister Cristobal Montoro ruft die EU zu direkten Hilfen für die spanischen Banken auf
8. Juni: Die spanischen Banken benötigen nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) mindestens 40 Milliarden Euro
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