01.06.12

Drogeriemarktkette Schlecker

Sonderfonds? Im Norden werden 2000 Schlecker-Frauen arbeitslos

Nach der geplatzten Rettung der Drogerie-Kette will die Gewerkschaft Ver-di die Einrichtung eines Fonds vorantreiben, den die Politik mittragen soll.

Foto: REUTERS
Vor dem Kanzleramt protestierten die Schleckerfrauen gegen das Wegsehen der Politik
Vor dem Kanzleramt protestierten die Schleckerfrauen gegen das Wegsehen der Politik

Berlin/Hamburg. Die Rettung der Drogeriekette Schlecker ist gescheitert, jetzt gehen die Anschuldigungen los. Verantwortliche werden gesucht und auch die Hilfe der Politik wird jetzt von den Gewerkschaften gefordert. In Berlin gingen die "Schlecker-Frauen" auf die Straße, alleine im Norden verlieren 2000 von ihnen ihre Arbeit. Sie forderten von Merkel, nicht mehr wegzuschauen. Doch von der Kanzlerin kam schon eine Absage: Die Arbeitsagenturen würden alles tun, um die Frauen wieder in Arbeit zu bringen. Die Gewerkschaft Ver.di hat schon einen Plan, sie will sich für die Einrichtung eines Sonderfonds einsetzen. "Der Sonderfonds hätte eine Wirkung wie ein verlängertes Insolvenzgeld. Er könnte die Vermittlung aller in neue und zukunftsträchtige Jobs mit Perspektive erheblich erleichtern", sagte die stellvertretende Landesleiterin von ver.di in Hamburg, Agnes Schreieder, am Freitag. Auch ver.di Nord in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sowie ver.di Niedersachsen-Bremen sprachen sich für den Fonds aus und forderten die Politik auf, sich dafür stark zu machen. McAllister sollte dies zur Chefsache machen.

Die Politik dürfe die Mitarbeiterinnen nicht fallen lassen, sondern müsse schnelle Hilfe leisten, sagte Conny Töpfer, stellvertretende Landesleiterin von ver.di Nord. "Das ist eine absolute Katastrophe für die rund 800 Schlecker-Frauen und ihre Familien in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern".

Heiner Schilling, Fachbereichsleiter der Gewerkschaft in Niedersachsen und Bremen, forderte den niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister auf, das Thema Schlecker zur Chefsache zu machen. "Wir erwarten jetzt, dass der Ministerpräsident es nicht wieder zulässt, dass sein FDP-Wirtschaftsminister jegliche Unterstützung verweigert", sagte er. Der trage eine Mitschuld an dem endgültigen Aus der Drogeriekette, da er mit seiner Partei eine Bürgschaft für eine Transfergesellschaft verhindert und so eine Klageflut gekündigter Mitarbeiter mit verursacht habe.

Auch Schreieder warf der FDP vor, "den Investorenprozess massiv behindert" zu haben. Nun setze sie darauf, dass die Politik die Verkäuferinnen unterstütze.

Nach Angaben der Gewerkschaft stehen in Hamburg nun etwa 100 Mitarbeiterinnen vor der Kündigung. In Niedersachsen sind es rund 1.000, in Bremen etwa 100 und in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern insgesamt 800. Bereits Ende März hatte in einer ersten Kündigungswelle eine ähnliche Anzahl ihren Job verloren.

SPD, Grüne und Linke geben unterdessen der Bundesregierung eine Mitschuld an der bevorstehenden Zerschlagung der Drogeriemarktkette Schlecker. Besonders heftig attackierten die Oppositionsparteien am Freitag die FDP. Sie warfen den Freidemokraten "unterlassene Hilfeleistung" vor.

+++ Die Drogeriemarktkette wird endgültig zerschlagen +++

+++ Die Zitterpartie hat bald ein Ende – Ausgang offen +++

+++ Schlecker: Rund 10.000 Kündigungen sind in der Post +++

Mittags hatte der Insolvenzverwalter bekannt gegeben, dass die Schlecker-Märkte dichtmachen und mehr als 13.700 Mitarbeitern der Jobverlust droht. Das zahlungsunfähige Unternehmen wird nun zerschlagen, weil die Verluste und die Risiken zu hoch waren – und sich deswegen kein Investor finden ließ.

Die Grünen-Sprecherin für Arbeitsmarktpolitik, Brigitte Pothmer, ging mit der FDP scharf ins Gericht. "Ihre Weigerung, Transfergesellschaften für die in der ersten Runde entlassenen Beschäftigten zu unterstützen, haben den Rettungsversuchen des Insolvenzverwalters den Garaus gemacht", bilanzierte sie. Gescheitert sei aber auch das "System Schlecker" an sich. "Expansion auf Billigniveau mit Schikanen und Lohndumping ist kein Geschäftsmodell, das auf Dauer funktioniert."

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles forderte, zumindest die Gehälter der Beschäftigten müssten vorübergehend gesichert werden. "Die Bundesarbeitsministerin muss jetzt einen Sonderfonds bei der Bundesagentur für Arbeit einrichten, aus dem die Gehälter und Sozialversicherungsbeiträge für den Übergangszeitraum weiter bezahlt werden."

Die Linke sprach von einem "Scheitern von Management und Politik". Die Politik habe es zugelassen, "dass Anton Schlecker als sogenannter eingetragener Kaufmann ein Großunternehmen wie eine Würstchenbude führte, ohne Gewinn- und Verlustrechnung und ohne einen kontrollierenden Aufsichtsrat", erklärte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linke-Fraktion, Sabine Zimmermann. Als skandalös wertete sie die Weigerung der Bundesregierung, eine Bürgschaft für die Transfergesellschaft der Entlassenen zu übernehmen.

Der FDP-Landes- und Fraktionsvorsitzende Christian Lindner versuchte, das Verhalten seiner Partei zu erklären. "Wir sind solidarisch mit den Beschäftigten, aber nicht mit einem Unternehmen, das von den Bürgern abgelehnt wird. Deshalb ist es in dieser Situation nicht staatliche Aufgabe, mit einer Transfergesellschaft aus Steuergeldern Arbeitsplätze künstlich zu erhalten oder mit einem Sonderfonds die Abwicklung des Unternehmens zu verschleppen." Jetzt sei die Bundesagentur für Arbeit gefordert. "Die hohe Zahl freier Stellen im Handel ist für die Schlecker-Mitarbeiter die bessere Chance, schnell wieder dauerhaft in Arbeit zu finden."

Auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler verteidigte seine umstrittene Position. "Grundsätzlich gilt in der sozialen Marktwirtschaft, dass es nicht Aufgabe des Staates ist, Unternehmen zu retten", sagte der FDP-Politiker. "Dies wäre wettbewerbsverzerrend und würde an anderer Stelle viele Arbeitsplätze kosten."

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle gab gar den Gewerkschaften eine Mitschuld für das Aus. Zuallererst habe es zwar unternehmerische Fehlentscheidungen gegeben. "Aber auch die Gewerkschaften haben mit ihren wiederholten Aufrufen zum Käuferstreik bei Schlecker dazu beigetragen, dass die Marktposition von Schlecker gegenüber den Mitbewerbern geschwächt wird", sagte er dem "Tagesspiegel" (Samstagausgabe).

Der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs lehnte zusätzliche staatliche Hilfen ebenfalls ab. Der "Rheinischen Post" sagte er: "Es gibt überall einen großen Bedarf an Arbeitskräften – gerade im Handel." (dapd)

Was gehört zum Schlecker-Konzern?
Was gehört zum Schlecker-Konzern?
Zur Drogeriekette Anton Schlecker e.K. gehört neben der Schlecker Homeshopping GmbH die hundertprozentige Tochter Schlecker XL und IhrPlatz – alle sind insolvent.
Für IhrPlatz zeigt der Münchner Dubag Interesse, beide Seiten seien "handelseinig", hieß es zuletzt. Noch ist nichts unterschrieben.
Über den Verkaufstisch ging zuletzt Schleckers Frankreich-Geschäft, die Tochter Schlecker SNC ging an den französischen Supermarktkonzern Système U.
Zuvor war auch das Tschechien-Geschäft an das Prager Handelsunternehmen P.K. Solvent verkauft worden. Über die Kaufpreise ist nichts bekannt.
Die Auslandsgesellschaften sind nicht insolvent, gehören aber zum Vermögen von Firmengründer Anton Schlecker.
Schlecker betreibt noch Märkte in Luxemburg, Belgien, Italien und Portugal.
In Holland existiert die Versandapotheke Vitalsana. (dpa)
Schleckers Weg ins Aus – eine Chronologie
Schleckers Weg ins Aus – eine Chronologie
Die insolvente Drogeriekette Schlecker hat seit Monaten gegen das endgültige Aus gekämpft – vergeblich. Die Gläubiger stimmten am Freitag für die Abwicklung des Unternehmens.
20. Januar 2012: Vor allem die geplatzte Finanzierung von Lieferungen der Einkaufsgemeinschaft Markant führt dazu, dass die ehemals größte deutsche Drogeriekette Schlecker zahlungsunfähig ist.
23. Januar: Anton Schlecker e.K., die Schlecker XL GmbH und die Schlecker Homeshopping GmbH melden Insolvenz beim Amtsgericht Ulm an, später folgt die Schlecker-Tochter IhrPlatz (Osnabrück).
28. Januar: Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) spricht von der Möglichkeit einer Landesbürgschaft für Schlecker, falls Investoren eine tragfähige Lösung für die Kette vorschlagen.
29. Februar: Der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz kündigt an, rund 11 750 der über 25 000 Jobs zu streichen und bis zu 2400 der 5400 deutschen Schlecker- und Schlecker-XL-Filialen zu schließen.
2. März: Bei IhrPlatz sollen mehr als 900 von 5350 Stellen und 142 von 612 Märkten wegfallen; später werden die Zahlen auf 650 und 122 reduziert.
5. März: Schmid schlägt eine länderübergreifende Hilfe für die von Entlassung bedrohten Schlecker-Mitarbeiter vor. Für eine Transfergesellschaft, die bei der Suche nach neuen Jobs hilft, ist ein Kredit von 70 Millionen Euro erforderlich. Die staatseigene Förderbank KfW will ihn bereitstellen, die schwarz-gelbe Bundesregierung aber nicht dafür haften, stattdessen sollen die Bundesländer mit Schlecker-Filialen einspringen.
18. März: Verdi und der Schlecker-Betriebsrat erreichen, dass statt der ursprünglich angestrebten 2400 nur rund 2200 Filialen schließen.
28. März: Kündigungsschreiben an über 10 000 Schlecker-Beschäftigte gehen raus.
29. März: Das Amtsgericht Ulm eröffnet das Insolvenzverfahren für die Schlecker-Gesellschaften. Zugleich verhandelt Stuttgart über eine Bürgschaft aller Bundesländer für eine Transfergesellschaft, aber eine gemeinsame Lösung scheitert. Vor allem die FDP-Wirtschaftsminister leisteten Widerstand.
1. April: Die verbliebenen Schlecker-Beschäftigten hoffen auf den Erhalt ihrer Jobs. Insolvenzverwalter Geiwitz berichtet von drei bis fünf Investoren mit konkretem Interesse am Unternehmen.
19. April: Die osteuropäische Penta-Gruppe springt als potenzieller Investor ab.
2. Mai: Schlecker findet einen Käufer für seine 145 Filialen in Tschechien. Geiwitz bestätigt die Übernahme durch das Unternehmen P.K. Solvent (PKS). Der Kaufpreis für das tschechische Filialnetz mit rund 460 Mitarbeitern wurde nicht bekanntgegeben.
4. Mai: Bisher reichten rund 3850 Ex-Schlecker-Beschäftigte Klage gegen ihre Kündigung ein.
10.Mai: Der Münchner Investor Dubag bekundet sein Interesse an einer Übernahme der insolventen Schlecker-Tochter IhrPlatz.
24. Mai: Der einstige Karstadt-Retter Berggruen-Holdings interessiert sich für Schlecker. Ein Sprecher der Nicolas Berggruen Holdings GmbH bestätigte Gespräche mit Schlecker-Insolvenzverwalter Geiwitz.
25. Mai: Der Schlecker-Gläubigerausschuss berät über die Zukunft des Unternehmens. Eine endgültige Entscheidung vertagen die Gläubiger. Geiwitz bekommt eine Galgenfrist von einer Woche, bis dahin muss er ein tragfähiges Fortführungskonzept vorlegen.
30. Mai: Der französische Lebensmittel-Einzelhändler Système U übernimmt das Frankreich-Geschäft der insolventen Drogeriekette. Système U kaufte damit die Tochterfirma Schlecker SNC mit 139 Filialen und rund 750 Mitarbeitern.
1. Juni: Die größten Schlecker-Gläubiger kommen in Berlin zusammen und stimmen für die Abwicklung des Unternehmens. Das bedeutet das Aus für die Drogeriemarktkette. (dpa)
Die Forderungen der Gläubiger von Schlecker
Die Forderungen der Gläubiger von Schlecker
Die insolvente Drogeriekette Schlecker hat mehrere große Gläubiger.
Dem Kreditversicherer Euler Hermes schuldet das insolvente Unternehmen rund 300 Millionen Euro.
Weiterer Gläubiger ist der Finanzdienstleister Markant Finanz AG für die gleichnamige Lieferantengruppe.
Die Höhe der Markant-Forderungen ist bislang unbekannt.
Der Staat in Form der Agentur für Arbeit macht Ansprüche in Höhe von rund 150 Millionen Euro geltend.
Bei den Forderungen handelt es sich unter anderem um das gezahlte Insolvenzgeld von Januar bis März diesen Jahres.
Die Höhe der Gesamtforderungen an Schlecker ist unbekannt. Zuletzt war von einem hohen dreistelligen Millionenbetrag die Rede. (dpa)
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