29.05.12

Regenerative Energie

Sonne lässt Wirtschaft strahlen: Solarstromrekord in Deutschland

Bei sommerlichem Wetter über Pfingsten haben die Fotovoltaikanlagen hierzulande in der Spitze so viel Strom geliefert wie 20 Atomkraftwerke.

Foto: Getty Images
Ein Schaf sucht im Schatten eines Solarparks in Nordfriesland Schutz vor der Sonne
Ein Schaf sucht im Schatten eines Solarparks in Nordfriesland Schutz vor der Sonne

Münster/Berlin. Die Sonne bringt auch die Wirtschaft zum Strahlen: Das sommerliche Wetter hat Deutschland zu Pfingsten zeitweise einen neuen Rekord bei der Sonnenstromproduktion beschert. Fotovoltaikanlagen lieferten erstmals eine Gesamtleistung von über 20.000 Megawatt. Das belegen Zahlen der Leipziger Strombörse EEX. "Wir gehen von 22.000 Megawatt aus. Das entspricht der Leistung von mehr als 20 Atomkraftwerken", sagte der Direktor des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) in Münster, Norbert Allnoch. Nimmt man als Basis die neueren AKW-Typen, entspricht dies der Leistung von 15 Meilern.

Während sich der Solarrekord auf einzelne Stunden am Mittag bezieht, sind Kern- oder Kohlekraftwerke grundlastfähig. Sie können rund um die Uhr feste Strommengen liefern und nicht einmalig bei idealen Bedingungen. Der Rekord wurde am Freitag zwischen zwölf und 13 Uhr erreicht. Aber auch am Sonnabendmittag wurden 20 000 Megawatt überschritten. Bis gestern ging die Produktion dann etwas zurück und pendelte als Höchstwert zwischen 16.000 und 18.000 Megawatt.

"Das ist ein Rekord. Es gibt kein anderes Land auf der Erde, in dem Solaranlagen mit einer Leistung von 20.000 Megawatt Strom produzieren", sagte Allnoch. Der Ausbau der alternativen Energien habe zum Bestwert beigetragen, allerdings auch das frühsommerliche Wetter und der Sonnenstand. Genau ein Jahr früher, am 25. Mai 2011, hatten die Solaranlagen mittags nur 14.000 Megawatt geliefert.

Wie viel Sonne braucht die Energiewende?

Allnoch betonte, dass deutsche Solaranlagen mittlerweile in der Lage seien, den Mehrbedarf in den besonders verbrauchsintensiven Mittagsstunden in großem Maße abzupuffern. "Es wird so häufig unterschätzt, dass die Sonne genau dann erhebliche Leistung bringt, wenn sie am meisten gebraucht wird: in den Spitzenzeiten am Mittag." Nachts lieferten konventionelle Quellen wie Atom und Braunkohle eine Grundlast von mindestens 32.000 Megawatt.

Die Börse honorierte die Nachricht gestern sogar mit Kursaufschlägen. Zahlreiche Solaraktien präsentierten sich fest. So kletterten die Titel des Branchenprimus Solarworld in der Spitze um 7,66 Prozent auf 1,561 Euro. Durch die Konkurrenz aus China stehen viele Solarfirmen in Deutschland unter erheblichem Kostendruck, einige mussten bereits Insolvenz anmelden.

Koalition glaubt an die Solar-Kostenbremse

Der Zuwachs der Sonnenstromproduktion in einem eher sonnenschwachen Land wie Deutschland hängt vor allem damit zusammen, dass hier bereits mehr als eine Million Solaranlagen installiert sind. Dank guter Förderbedingungen und zugleich eines Preisverfalls bei Modulen durch einen starken Konkurrenzdruck aus China, schrauben sich immer mehr Bürger Fotovoltaikanlagen auf das Dach. Allein 2010 und 2011 wurden fast 15.000 Megawatt an neuen Anlagen installiert.

Regierung stellt Kürzungspläne vor

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) drängt unterdessen darauf, dass der Solarausbau stärker mit dem Netzausbau in Einklang gebracht werden muss. Denn sonst droht gerade bei viel Sonne die Zwangsabschaltung von Solarparks. Die Regierung will die Solarförderung um bis zu 30 Prozent kürzen, doch die Länder blockierten dies mit einer Zweidrittelmehrheit im Bundesrat.

Nun soll bis Sommer im Vermittlungsausschuss von Bund und Ländern eine Lösung gefunden werden. Das Problem: Die Förderkosten zahlen die Bürger per Umlage über den Strompreis - zuletzt fielen mehr als sieben Milliarden Euro pro Jahr nur für die Solarförderung an. Der bei der Installation der Anlage gültige Fördersatz wird über 20 Jahre garantiert. Zwar dämpft mehr Solarstrom die Preise an der Strombörse, immer höhere Förderkosten treiben aber zugleich den Strompreis für Bürger und Industrie nach oben.

Die Solarwirtschaft in Zahlen
Im Bereich der Solarwirtschaft sind in Deutschland bereits rund 150 000 Menschen tätig.
Gerade die großen Solarparks werden aber überwiegend mit billigen Modulen aus China bestückt, wo es riesige Überkapazitäten gibt.
Daher geht es der deutschen Branche trotz des Zubaubooms in Deutschland schlecht – ein Großteil der auf 20 Jahre garantierten Fördergelder, die deutlich über Marktpreisen liegen, kommt chinesischen Firmen zugute.
Mittlerweile sind nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft 1,09 Millionen Photovoltaikanlagen in Deutschland installiert.
Die Anzahl der Unternehmen inklusive Handwerk und Zulieferer betrage 10.000. (dpa)
Solarförderung: Pro und Kontra
Um die Solarförderung ist fast wie früher um die Atomkraft eine Art Glaubenskrieg entbrannt. Eine Übersicht über die wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente:
PRO:
Im Sommer, aber auch jetzt im Winter senkt Solarstrom gerade bei hohen Verbrauchsspitzen in den Mittagsstunden den Börsenstrompreis.
Die Photovoltaik hat laut Bundesnetzagentur mitgeholfen, die Stilllegung von acht Atomkraftwerken aufzufangen.
Die kurzfristige Mehrbelastung durch die Förderung macht sich langfristig durch stabilere Strompreise bezahlt, denn es werden schon jetzt Importkosten für immer teurer werdende Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle in Milliardenhöhe vermieden.
Es gibt bereits 150.000 Jobs in dem Bereich, laut Solarwirtschaft wurden 2010 Steuermehreinnahmen von 1,45 Milliarden erzielt.
Es werden bereits rund 12,5 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2 eingespart, betont die Solarwirtschaft.
Die meisten Förderkosten sind Altlasten, durch enorme Kosten- und Fördersenkungen werde die über den Strompreis zu zahlende Solarumlage von knapp zwei Cent bis 2016 nur noch um 1,8 Prozent steigen, der Strommixanteil aber um bis zu 70 Prozent auf 6,8 Prozent zulegen.
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme betont, umweltschädliche Subventionen kosteten den Steuerzahler 48 Milliarden Euro pro Jahr, während die kumulierten Solarförderkosten von 2000 bis 2011 nur 22 Milliarden Euro ausmachten.
Die Energieform steht bei den Kosten kurz vor dem weltweiten Durchbruch, mit riesigen Exportchancen für Deutschland.
KONTRA:
Sonnenstrom hatte 2011 erst einen Anteil von rund drei Prozent am Strommix. In Deutschland gibt es je nach Region im Schnitt meist nur 1000 Sonnenstunden im Jahr. Für Konzerne wie RWE ist Solarenergie in Deutschland daher so sinnvoll wie Ananas züchten in Alaska.
Die Vergütungszahlungen belaufen sich auf fast acht Milliarden Euro pro Jahr. Daher ist Solarenergie für die Bürger, die die Förderung über den Strompreis zahlen, die mit Abstand teuerste Ökoenergie-Art.
Das Stromnetz ist bisher noch nicht fit für immer mehr Solarstrom, der Chef der Deutschen Energie-Agentur, Stephan Kohler fordert, dass der Ausbau mit dem Netzausbau Hand in Hand gehen müsse.
Der in einer Mietwohnung lebende Billiglöhner aus Berlin-Marzahn finanziert durch die im Strompreis eingepreiste Solarumlage dem Zahnarzt am Starnberger See die Rendite für seine Solar-Dachanlage.
Die auf 20 Jahre garantierten Förderkosten können sich am Ende auf mehr als 100 Milliarden Euro summieren. Statt Hilfe zur Markteinführung habe sich die Förderung in eine gewaltige Dauersubvention verwandelt.
Der nur wenige Stunden am Tag verfügbare Solarstrom ist mangels Stromspeichern die mit Abstand ineffizienteste Stromgewinnungsform.
70 bis 80 Prozent der Module kommen inzwischen aus China. Angesichts des Preisdrucks müssen unabhängig von der Förderhöhe viele deutsche Unternehmen ums Überleben kämpfen, während die Verbraucher mit Milliardenzahlungen Chinas Solarindustrie aufpäppeln. (dpa)
(dpa)
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