11.05.12Gefahr im Kinderzimmer
Bundesregierung klagt gegen höhere Schadstoffgrenzen
Neue EU-Richtlinie soll Grenzwerte für gefährliche Stoffe in Spielzeug aufweichen. Regierung reicht Klage gegen EU-Kommission ein.
Von abendblatt.de
Foto: dpa/DPA
Eine neue EU-Richtlinie soll ab Juli 2013 höhere Belastungen von Blei, Arsen und Quecksilber in Spielzeug erlauben. Dagegen will die Bundesregierung Klage einreichen
Berlin.
Die EU-Kommission plant, die strengen Grenzwerte zum Schutz der Kinder mit einer neuen Richtlinie aufzuweichen. Die Bundesregierung will höhere Gesundheitsrisiken bei Spielzeug verhindern und plant deswegen eine
Klage gegen die EU-Kommission
.
Wenn es um die Sicherheit von Kindern gehe, dürfe es keine Kompromisse geben, sagte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) am Freitag in Berlin. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) betonte, die hohen deutschen Schutzstandards müssten beibehalten werden.
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Die Klage, die Anfang nächster Woche eingereicht werden soll, richtet sich gegen eine EU-Spielzeugrichtlinie. Demnach sollen ab Juli 2013 höhere
Belastungen von Blei, Arsen und Quecksilber
in Spielzeug zulässig sein als derzeit in Deutschland erlaubt.
"Es geht darum, dass man möglichst wenig aufnimmt", sagte Aigner. Nach Analysen des Bundesinstituts für Risikobewertung droht mit der EU-Richtlinie, dass zulässige die Höchstmengen bei mehreren Schadstoffen um ein Vielfaches höher lägen als bisher. Hintergrund ist auch eine neue Grenzwertdefinition: Wird sie bisher danach bemessen, wie viel Stoffe im Körper aufgenommen werden, soll künftig gelten, welche Stoffmengen ein Spielzeug abgeben darf. Anlass der Klage ist nun, dass Berlin bei der EU-Kommission vergeblich nationale Grenzwerte etwa für Blei, Arsen und Quecksilber beantragt hatte.
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Ein erster Teil der Richtlinie war schon im Juli 2011 in Kraft getreten. Darin werden unter anderem strengere Vorgaben für Produktion, Kontrollen und Warnhinweise gemacht – etwa für Spielzeug, das aus vielen kleinen Teilen besteht. Die Regelungen der Richtlinie für die chemischen Anforderungen an Spielzeug sollen ab Juli 2013 wirksam werden. Chemikalien werden etwa als Weichmacher für Plastik oder in Farben eingesetzt. Arsen gilt als krebserregend und kann Hautveränderungen auslösen, Blei kann die Hirnentwicklung stören.
Der FDP-Verbraucherexperte Erik Schweickert nannte die Klage den richtigen Weg. "Die EU-Kommission hat uns keine andere Wahl gelassen, da auf europäischer Ebene bisher keine Einigung auf das strengere deutsche Grenzwertniveau zu erreichen war." Die Grünen im Bundestag warfen der Regierung vor, ihr Agieren bei Schadstoff-Grenzwerten in Kinderspielzeug sei "eine Chronik der bürokratischen Verschleppung". Baden-Württembergs Verbraucherminister Alexander Bonde (Grüne) sagte: "Die nationalen strikten Grenzwerte für Schadstoffe dürfen nicht durch laxere EU-Vorgaben verwässert werden." (dpa/abendblatt.de)
Gift in Puppen, unsichere Kleinteile, gefährliche Kanten: In der Vergangenheit wurde Kinderspielzeug mehrfach aus Sicherheitsgründen zurückgerufen, ein Überblick.
Januar 2012: Die Warenhaus-Kette Karstadt ruft das Spielzeugauto "Babalu Aufzieh-Flitzer" zurück, weil sich Kleinteile lösen könnten. Bei Verschlucken drohten Kleinkindern Atemnot oder sogar Ersticken.
Oktober 2011: Die Möbelkette Ikea nimmt das Spielzelt "Busa" aus dem Sortiment. Das Stahldrahtgestänge könne beim Benutzen zerbrechen. Außerdem könnten sich scharfe Drahtenden durch den Zeltstoff bohren.
Februar 2008: Der Hersteller Simm Marketing mit Sitz im fränkischen Roth ruft mit Schwermetallen belastete Kunststoff- Seepferdchen zurück. Blei und Chrom in der Lackierung könnten schwerwiegende Gesundheitsschäden verursachen.
November 2007: In den USA werden "Aqua Dots" zurückgerufen. Die Kunststoffkugeln aus China, aus denen Kinder Figuren formen können, enthalten giftige Chemikalien. Kinder könnten nach dem Verschlucken das Bewusstsein verlieren. Die Kugeln waren in Deutschland in "Bindeez"-Bastelsets enthalten, die ebenfalls zurückgerufen werden.
September 2007: Der Spielzeughersteller Mattel ruft Hunderttausende seiner in China produzierten Artikel zurück. Deren Lack enthalte zu viel Blei. Betroffen sind damals die Marken Barbie, Fisher-Price und Geotrax.
2009 verhängt die US-Verbraucherschutzkommission CPSC wegen des belasteten Spielzeugs eine Strafe von 2,3 Millionen Dollar (1,7 Mio Euro) gegen Mattel.
August 2007: Wegen zu hohen Bleigehalts nimmt der US-Spielwarenhändler Toys R Us Baby-Lätzchen aus China aus dem Sortiment. Das US-Handelsunternehmen Martin Designs nimmt zudem rund 250.000 in China hergestellte Kinder-Notizbücher vom Markt.
Juli 2004: In den USA werden 150 Millionen Automaten-Schmuckstücke für Kinder wegen hoher Bleiwerte aus dem Verkehr gezogen. (dpa)
Viele Spielwaren sind mit gesundheitsgefährdenden Schadstoffen belastet. Von einigen Substanzen droht im Extremfall unmittelbar Gefahr, andere wirken langfristig im Körper. Eine Auswahl:
Arsen wird für Metall-Legierungen, in der chemischen Industrie und zur Herstellung von Spezialglas und Halbleitern eingesetzt. Akute Vergiftungen führen zu blutigen Brechdurchfällen, Kreislaufkollaps und Atemlähmung. Gelangt Arsen über einen längeren Zeitraum in kleinen Mengen in den Körper, so kann es Störungen des Nervensystems und Krebs verursachen.
Blei und seine Verbindungen kommen in Farben und Kunststoffen vor. Es wird auch in Batterien und als Lötmetall verwendet. Das Schwermetall ist giftig, egal ob es über den Mund, die Atemwege oder die Haut in den Körper gelangt. Wer Blei über längere Zeit aufnimmt, wird blass, schwach, müde und leidet an Appetitlosigkeit. Seltene akute Bleivergiftungen rufen Koliken und Erbrechen hervor und können zum Tod führen. Weitaus häufiger gibt es schleichende Schäden. Insbesondere bei Kindern kann die geistige Entwicklung zurückbleiben. Einige Bleiverbindungen wirken auch krebserregend.
Quecksilber reagiert im Körper mit lebenswichtigen Enzymen und hemmt deren Wirkung. Es kann zu Erbrechen und Durchfall führen, bei längerer Aufnahme auch zu Seh- und Gedächtnisstörungen sowie zu Halluzinationen. Gelangt das giftige Schwermetall in die Umwelt, kann es von Mikroorganismen in Verbindungen umgewandelt werden, die das zentrale Nervensystem schädigen und schlimmstenfalls zum Tod führen. Quecksilber wird unter anderem für Neonröhren, Energiesparlampen und Batterien verwendet. Die Verbindung Quecksilberchlorid kommt bei der Porzellanmalerei vor und wird als Desinfektionsmittel eingesetzt. (dpa)