08.05.12

Finanzen

Geld auf dem Sparbuch ist ein gutes Geschäft für die Banken

Die Verzinsung liegt im Schnitt bei nur 0,6 Prozent. Dennoch haben viele noch Geld auf dem Sparbuch. Wechsel zum Tagesgeld ist sinnvoll.

Foto: picture-alliance/ gms/Jens_Schierenbeck
Die Verzinsung auf dem Sparbuch ist meist viel zu gering
Die Verzinsung auf dem Sparbuch ist meist viel zu gering

Hamburg. In mehr als jedem zweiten Haushalt liegt es noch in der Schublade: das Sparbuch. 63 Prozent der Bundesbürger haben diesen Klassiker, wie aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa hervorgeht. Rund 100 Milliarden Euro sind in dieser Anlageform gebunden. "Doch Geld dort anzulegen zahlt sich meist nicht aus", sagt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Die Zinsen auf dem Sparbuch sind in der Regel sehr niedrig. Das ist nur ein gutes Geschäft für die Banken und nicht für die Kunden." Nach Berechnungen der FMH-Finanzberatung liegt die durchschnittliche Verzinsung aktuell bei 0,60 Prozent. Große Institute wie Deutsche Bank oder Commerzbank zahlen mit 0,25 Prozent sogar noch deutlich weniger (siehe Tabelle).

Die Treue zum Sparbuch bezahlen die Deutschen teuer. "Sie verzichten Jahr für Jahr auf bis zu zwei Milliarden Euro an Zinseinnahmen, weil sie ihr Geld nicht vom Sparbuch abheben und auf ein höher verzinstes Tagesgeldkonto übertragen", sagt der Düsseldorfer Finanzexperte Udo Keßler. In einer Studie, die auf Daten der Deutschen Bundesbank und der FMH-Finanzberatung beruht, hat er nachgewiesen, dass die Treue zum Sparbuch die Deutschen in den vergangenen zehn Jahren mehr als zehn Milliarden Euro kostete: Zinseinnahmen, die die Bankkunden aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit verschenkten. So hat es im Durchschnitt auf Tagesgeldkonten doppelt so hohe Zinsen gegeben wie auf dem Sparbuch. "Jeder Sparbuchbesitzer kann durch Übertragung des Guthabens auf ein Tagesgeldkonto seine Zinserträge deutlich steigern", sagt Keßler.

Aus 10 000 Euro wurden auf dem durchschnittlich verzinsten Sparbuch innerhalb von zehn Jahren 11 032 Euro (ohne Steuerabzüge). Auf dem am besten verzinsten Tagesgeldkonto (s. Tabelle) wären es bis zu 2126 Euro mehr gewesen. Selbst bei einem durchschnittlich verzinsten Tagesgeldkonto sind es noch gut 1100 Euro mehr als auf dem Sparbuch.

Zusammen für alle Sparer summieren sich diese verschenkten Erträge auf Milliardenbeträge. Experte Keßler rechnet das an einem Beispiel vor. 2008 lagen 91,4 Milliarden Euro auf den Sparbüchern. Berücksichtigt wurden dabei nur die Sparanlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist und bis zu 2000 Euro pro Kalendermonat vorschusszinsfrei verfügbar. "Sondersparformen mit längeren Bindungsfristen blieben unberücksichtigt", sagt Keßler. Für die rund 90 Milliarden wurden den Anlegern für 2008 insgesamt 0,978 Milliarden Euro an Zinsen gutgeschrieben. Auf einem durchschnittlich verzinsten Tagesgeldkonto hätte das Geld aber 2,934 Milliarden Euro an Zinsen eingebracht. "Die Sparer verschenkten also 1,956 Milliarden Euro", rechnet Keßler vor. 2008 war der Unterschied zwischen Sparbuch- und Tagesgeldzins besonders groß. Wegen des Vertrauensschwundes der Sparer in der Finanzkrise mussten die Banken besonders hohe Zinsen zahlen, damit die Sparer ihr Geld nicht abzogen. Offenbar fürchteten die Banken bei ihren Sparbuchkunden eine solche Reaktion nicht. "Rechnet man die verschenkten Zinsen aus zehn Jahren zusammen, kommt man auf einen Betrag von 10,56 Milliarden Euro", sagt Keßler.

Noch mehr wären es gewesen, wenn alle Anleger ein Geldhaus gewählt hätten, das Jahr für Jahr auf dem Tagesgeldkonto mehr Zinsen gutschreibt als der Durchschnitt der Anbieter. Dazu zählten in den vergangenen zehn Jahren sieben Institute, wie die FMH-Finanzberatung ermittelte. Konkret sind dies die 1822 direkt der Frankfurter Sparkasse, die Netbank, die Santander Consumer Bank, die ING-DiBa sowie drei Autobanken: BMW-, Volkswagen- und die Mercedes-Benz-Bank.

Manche mag verwundern, dass darunter kein ausländisches Institut ist, die jetzt die höchsten Zinsen beim jederzeit verfügbaren Tagesgeld bieten. "Das liegt daran, dass keines dieser Institute schon vor zehn Jahren am deutschen Markt aktiv war, was Voraussetzung für den Vergleich war", sagt Max Herbst von der FMH-Finanzberatung. So sei zum Beispiel die Deniz Bank, die 2,50 Prozent für das Tagesgeld bietet, erst seit acht Jahren in Deutschland.

Es liegt aber nahe, dass die einst besten Institute bei einem späteren Langfristvergleich nicht mehr an der Spitze liegen werden. Denn die besten Tagesgeldzinsen von bis 2,65 Prozent kommen inzwischen ausschließlich von ausländischen Anbietern. Vier Spitzeninstitute der Vergangenheit wie BMW-Bank oder Netbank zahlen inzwischen weniger Zinsen als im Durchschnitt der Tagesgeldanbieter.

Und die Zinssätze von mehr als zwei Prozent von 1822 direkt, ING-DiBa und Volkswagen-Bank gelten nur für Neukunden und für maximal sechs Monate. Danach sinkt die Verzinsung zum Beispiel bei der ING-Diba auf 1,50 Prozent. Ein Zinssatz, der bei einer Inflationsrate von zwei Prozent nicht ausreicht, die Kaufkraft des Geldes zu erhalten. Da schneiden selbst die Sparbücher von Postbank (1,80 Prozent) oder Santander Bank (2,25 Prozent) besser ab. Generell müssen sich die Sparer auf weiter sinkende Zinsen einstellen. So gab es bei der Deniz Bank innerhalb kurzer Zeit gleich zwei Zinssenkungen - insgesamt von 2,75 Prozent auf 2,50 Prozent. Auch die ING-Diba reduzierte die Konditionen. Die Zinssenkungen bleiben nicht auf das Tagesgeld beschränkt, sondern erfassen zunehmend auch die Festgeldangebote.

"Viele Banken haben erst einmal genug Kundengelder eingesammelt und wurden zusätzlich von der Europäischen Zentralbank mit ausreichend Liquidität versorgt", begründet Herbst die Entwicklung. "Die Institute sind nicht mehr so auf die Einlagen der Privatkunden angewiesen wie noch vor einigen Monaten."

Der Experte rechnet mit sinkenden Konditionen. Es kann daher sinnvoll sein, sich das gegenwärtige Zinsniveau mit einem Festgeld über ein oder zwei Jahre zu sichern, wenn das Kapital in der nächsten Zeit nicht benötigt wird. Die drei besten Anbieter für ein einjähriges Festgeld sind Akbank (3,00 Prozent), MoneYou (2,95 Prozent) und NIBC Direct (2,90 Prozent). Wer sein Geld auf zwei Jahre festlegen kann, erhält bei der Akbank 3,25 Prozent und bei der NIBC Direct 3,10 Prozent.

Gemessen an den üblichen Sparbuchkonditionen sind das sogar hohe Zinsen. Wer den Bankenwechsel scheut, kann sich häufig auch schon innerhalb seines Instituts verbessern. "Derzeit bieten wir unseren Kunden auf dem Tagesgeldkonto mit 1,4 Prozent einen deutlich besseren Zins", sagt Targobank-Sprecher Peter Herkenhoff. Damit ist der Zins fast dreimal höher als auf dem Sparbuch. Sich von dieser Anlageform zu verabschieden lohnt sich folglich auf alle Fälle.

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