05.04.12

Leo Kirch

Aufstieg und Fall eines Medienmoguls

Kirch baute eines der größten TV-Imperien Europas auf. Die Kirch-Pleite von vor zehn Jahren beschäftigt noch heute die Gerichte.

Von Christof Rührmair
Foto: dapd/DAPD
Der verstorbene Medienunternehmer Leo Kirch (l.) hatte die Deutsche Bank wegen deren damaligen Vorstandsvorsitzenden Rolf-Ernst Breuer (r.) einst auf Schadenersatz verklagt. Als Zeugin wurde unter anderem auch Friede Springer geladen
Auch zehn Jahre nach der Pleite ist die Insolvenz ein Fall für die Gerichte: Der verstorbene Medienunternehmer Leo Kirch (l.) hatte die Deutsche Bank wegen deren damaligen Vorstandsvorsitzenden Rolf-Ernst Breuer (r.) einst auf Schadenersatz verklagt

München. Als Medienmogul Leo Kirch 2001 sagte: "Ich habe kein Geld, ich habe Schulden", hielten die meisten Menschen das für Koketterie. Schließlich galt er damals als einer der reichsten Deutschen. Anfang 2002 aber stellte sich heraus, dass Kirch die Wahrheit gesagt hatte – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein. Wie ein Kartenhaus brach sein Imperium unter Milliardenschulden zusammen. Vor zehn Jahren, am 8. April 2002, musste die KirchMedia, der Kern seines Imperiums, Insolvenz anmelden.

Es war die bis dahin teuerste Insolvenz in Deutschland und sie erschütterte die Medienlandschaft wie ein Erdbeben. Denn zu Kirchs Imperium gehörten unter anderem die Sender ProSieben, Sat.1, Kabel 1, DSF, N24 und Premiere. Im Sport hielt er die Rechte an der Fußball-Bundesliga, den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sowie an der Formel 1. Und in Kirchs legendärer Filmbibliothek lagerten damals mehr als 63.000 Stunden Programm. Daneben war er mit 40 Prozent am Springer-Verlag beteiligt, hielt weitere Anteile an Constantin Film, der Kinokette Cinedom oder den Musik- und Produktionsfirmen FKM und Unitel.

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+++ Wortlaut des Interviews mit Rolf Breuer zu Kirch +++

Auch in der Politik waren die Schockwellen zu spüren, hing doch die Bayerische Landesbank mit Krediten über zwei Milliarden Euro in der Kirch-Pleite. Grund genug für SPD-Politiker Sigmar Gabriel - damals Ministerpräsident von Niedersachsen -, nach einem Untersuchungsausschuss zu rufen, der die Rolle des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und dessen Finanzminister Kurt Faltlhauser (beide CSU) klären sollte. Kirch hatte stets gute Kontakte zur Politik gepflegt, speziell zur Union. Altkanzler Helmut Kohl zählte er zu seinen persönlichen Freunden.

Schon am Anfang des Medienimperiums des fränkischen Winzersohns hatten Schulden gestanden. 1956 war er nach Rom gefahren, um Fellinis Spielfilm "La Strada" zu kaufen. Mit 20.000 Mark Kredit vom Schwiegervater legte er den Grundstein für seinen Aufstieg. Kirch ging immer aufs Ganze. Gewinne investierte er in neue, noch größere Geschäfte und lieh sich dafür noch mehr Geld.

Doch mit dem Abokanal Premiere World verrechnete sich der studierte Mathematiker. Mit immer neuen Investitionen in Exklusivrechte für Spielfilme, Fußball- und Formel-1-Übertragungen türmte er Schulden auf. Ob es am Ende dieser Schuldenberg oder ein Interview des damaligen Deutsche-Bank-Chefs Rolf Breuer war, was Kirch in die Pleite stürzte – diese Frage beschäftigt noch heute die Gerichte. Kirch, der stets behauptet hatte "der Rolf" habe ihn "erschossen", klagte über Jahre gegen die Bank und ihren Ex-Chef und forderte Milliarden. Ein Kampf, den seine Erben noch heute fortsetzen.

+++ Deutsche Bank lässt Vergleich mit Kirch-Erben platzen +++

Leo Kirch erlebt den Jahrestag seines Scheiterns nicht mehr. Vergangenes Jahr ist er gestorben. Ihm wären sicher passende Worte eingefallen. Schon 2002 hatte er den Untergang seines Imperiums bemerkenswert lakonisch kommentiert: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." (dapd/abendblatt.de)

Das Medienimperium von Leo Kirch
Das Medienimperium von Leo Kirch
Der Kirch-Konzern verfügte vor seiner Pleite unter anderem über:
die Aktienmehrheit an der ProSiebenSat.1 AG, zu der auch die Fernsehsender Kabel 1 und N24 gehörten
weitere Beteiligungen an Constantin Film, der Kinokette Cinedom sowie den Musik- und Produktionsfirmen FKM und Unitel
eine Filmbibliothek mit 63.000 Stunden Programm, darunter 13.000 Spielfilme, 3.100 Serien und 1.800 Fernsehfilme
die Rechte an der Fußball-Bundesliga, an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sowie an der Formel 1
40 Prozent am Axel-Springer-Verlag
Im Januar 2002 – kurz vor der Insolvenz – bezifferte der Konzern seine Schulden auf 6,1 Milliarden Euro (dapd)
Aufstieg und Fall des Kirch-Imperiums
Aufstieg und Fall des Kirch-Imperiums – eine Chronologie:
Der Aufstieg des Medienunternehmers Leo Kirch begann 1956 mit Schulden.
Mit geliehenem Geld kaufte er die Rechte für Federico Fellinis Film "La Strada".
In den folgenden Jahrzehnten baute er eines der größten Medienimperien in Europa auf.
2002 endete Kirchs Höhenflug mit weitaus höheren Schulden, unter denen sein kompliziertes Geflecht aus Unternehmen zusammenbrach.
Das Insolvenzverfahren läuft noch immer, und der Streit um die Ursache des Zusammenbruchs beschäftigt nach wie vor die Justiz. Die wichtigsten Stationen im Überblick:
1956: Kirch eröffnet ein Filmhandels-Geschäft und wird zu einem wichtigen Filmlieferanten für ARD und ZDF
1985: Kirch beteiligt sich an der Gründung des ersten Privatsenders Sat.1
1997: Kirchs Sender ProSieben geht an die Börse.
1999: Silvio Berlusconi steigt beim Film- und Sportrechtehandel KirchMedia ein.
2000: Rupert Murdoch steigt bei Kirchs defizitärem Abosender Premiere ein.
Sommer 2001: Kirch kauft die Formel-1-Rechte.
Dezember 2001: Es gibt Spekulationen über akute Geldnöte Kirchs. Murdoch bestreitet Pläne für eine feindliche Übernahme.
Januar 2002: Die Dresdner Bank fordert einen 460-Millionen-Euro-Kredit zurück. Springer will ProSiebenSat.1-Anteile für 770 Millionen Euro zurückgeben. Der Kirch-Konzern beziffert seine Schulden auf 6,1 Milliarden Euro.
Februar 2002: Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer äußert sich öffentlich kritisch zu Kirchs Kreditwürdigkeit. ProSiebenSat.1 meldet einen Gewinneinbruch. Murdoch kündigt seinen Ausstieg bei Premiere an und fordert 1,6 Milliarden Euro zurück.
8. April 2002: KirchMedia meldet Insolvenz an.
2002: Kirch beginnt mit seinen zahlreichen Klagen gegen die Deutsche Bank und Breuer.
14. Juli 2011: Kirch stirbt im Alter von 84 Jahren. Seine Erben setzen die Prozesse fort.
Februar/März 2012: Ein bereits ausgehandelter Vergleich, der die Prozessschlacht zwischen Deutscher Bank und Kirch-Erben für rund 800 Millionen Euro beenden soll, wird von der Deutschen Bank überraschend abgelehnt. Der Rechtsstreit geht weiter. (dapd)
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