Wirtschaft
Eurogruppe einig
Neues Rettungspaket: 130 Milliarden Euro für Griechenland
21.02.2012, 06:49
Uhr
21.02.2012, 06:49
Uhr
Tobias Schmidt
Einigung erst weit nach Mitternacht. Notenbanken beteiligen sich an Schuldenabbau. Privatgläubiger müssen auf 53,5 Prozent verzichten.
Der griechische Finanzminister Evangelos Venizeloskann sich über ein neues Rettungspaket freuen
Foto: REUTERS
Brüssel.
Athen kann wieder auf die Auferstehung hoffen: Die Eurogruppe hat am Dienstag
nach heftigem Ringen grünes Licht für eine zweites Rettungspaket von 130
Milliarden Euro gegeben. Zudem wollen die privaten Gläubiger Hellas 53,5
Prozent seiner Schulden erlassen, also gut 107 Milliarden Euro. Das sind
sieben Milliarden Euro mehr als ursprünglich vorgesehen. Premierminister
Lukas Papademos jubelte nach den 13-stündigen Marathonverhandlungen über
einen „historischen Tag für die griechische Wirtschaft“.
+++Was bringt das zweite Hilfspaket für Griechenland?+++
+++
Finanzminister Schäuble besteht auf Kontrolle +++
Auch der öffentliche Sektor leistet einen höheren Beitrag: Die nationalen
Notenbanken werden die Gewinne aus ihren Griechenland-Anleihen zum
Schuldenabbau einsetzen, wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble
verkündete. Zudem werden die Zinsen für die Notkredite auf 1,5 Prozentpunkte
oberhalb des Euribor gesenkt.
+++ Fragen & Antworten: Wie der Schuldenschnitt
funktioniert +++
Mit der aufgestockten Hilfe soll es gelingen, die Gesamtverschuldung der
Hellenen trotz Wirtschaftseinbruchs bis 2020 auf 120,5 Prozent zu drücken.
Das liegt nur um 0,5 Prozentpunkte über dem im Oktober vereinbarten Ziel und
reicht auch dem Internationalen Währungsfonds (IWF) für eine Beteiligung.
Über die muss allerdings noch verhandelt werden.
In der Erklärung der Eurogruppe heißt es, man erwarte einen „substanziellen“
Beitrag des Fonds. Festlegen muss diesen das IWF-Direktorium. Dessen Chefin
Christine Lagarde machte aber in Brüssel klar, dass sie im Gegenzug eine
Stärkung der Brandmauern der Eurozone verlange, also eine Zusammenlegung der
Mittel von EFSF und ESM. Genau dagegen hat sich Berlin bislang energisch
gewehrt.
|
1 |
|
Der Euro legte nach den ersten Meldungen über den
Deal schlagartig um 0,7 Prozent auf 1,328 Dollar zu. Auch Schäuble zeigte
sich erleichtert, denn die drohende Pleite konnte abgewendet werden: Ohne
die neuen Finanzspritzen wäre Griechenland am 20. März in den Bankrott
gestürzt, weil der Staat dann 14,5 Milliarden Euro Schulden begleichen muss.
Das Ergebnis sei „zu verantworten“, sagte Schäuble, weil Athen nun auf den
nachhaltigen Pfad der Gesundung zurückkehren könne. Das Gesamtpaket werde
nun dem Bundestag zur Abstimmung vorgelegt.
Die Hellenen müssen für die neuen Finanzspritzen bittere Pillen schlucken. So
wird der Regierung eine dauerhafte Kontrolle der EU-Kommission vor die Nase
gesetzt, die die exakte Umsetzung der Rosskur in den kommenden zwei Jahren
sicherstellen soll. Noch bevor im März die ersten Notkredite überwiesen
würden, werde die Implementierung weiterer Sparbeschlüsse überprüft, sagte
Schäuble. Darüber hinaus wird das von Berlin verlangte Sperrkonto
eingerichtet, auf dem ausreichend Geld für die Rückzahlung der Schulden der
folgenden drei Monate geparkt werden muss.
Trotz der strikten Auflegen war auch Athens Finanzchef Evangelos Venizelos
anzumerken, dass ihm eine Zentnerlast von den breiten Schultern gefallen
war. Das Ergebnis sei „besser, als wir bei unserer Anreise geplant hatten“,
sagte er. Vor allem, weil der Schuldenverzicht des Privatsektor deutlich
über die verabredeten 100 Milliarden Euro hinaus gehe.
Ob die Rechnung aufgeht, wird indes erst bis Anfang März klar. Denn zunächst
muss Venizelos den Banken und Fonds das formelle Angebot zum Umtausch ihrer
Anleihen gegen neue mit weit niedrigeren Zinsen (von zwei bis 4,3 Prozent)
unterbreiten. Und nur, wenn sich ausreichend Institute beteiligen, kommen
die anvisierten 107 Milliarden auch zusammen. Der Chef des Internationalen
Bankenverbandes (IIF), Charles Dallara, sprach nach dem Deal von einem
„bedeutenden Schritt zur Umsetzung des Schuldenumtausches“.
Ob die Rettung auf lange Sicht gelingt, daran gibt es auch in der Troika von
Experten der EU-Kommission, des Internationalen Währungsfonds und der
Europäischen Zentralbank Zweifel. In ihrer Schuldenanalyse, die die Zeitung
„Financial Times“ in Auszügen im Internet veröffentlichte, wird vor einer
Vertiefung der Rezession gewarnt. Würden sich die notwendigen Reformen und
Privatisierungen weiter verzögern, dann drohe die Gesamtverschuldung Athens
auch in acht Jahren noch bei 160 Prozent zu verharren.