15.02.12

Sachverständigenrat

Ökonomin Claudia-Maria Buch wird neue "Wirtschaftsweise"

Die Tübinger Professorin wird eines der fünf Mitglieder des Sachverständigenrates, der unabhängig die Politik in Wirtschaftsfragen berät.

Foto: dapd
Ökonomin Buch wird neue „Wirtschaftsweise“
Ökonomin Buch wird neue "Wirtschaftsweise"

Berlin/Tübingen. Die Tübinger Ökonomin Claudia-Maria Buch soll neue "Wirtschaftsweise" und damit Nachfolgerin von Beatrice Weder di Mauro werden. Das Bundeskabinett beschloss am Mittwoch in Berlin auf Vorschlag von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) die Berufung der 45-jährigen Bank- und Währungsexpertin in den Sachverständigenrat. Die offizielle Ernennung Buchs für die Amtszeit bis Ende Februar 2017 erfolgt durch Bundespräsident Christian Wulff.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung besteht aus fünf "Wirtschaftsweisen", die unabhängig die Politik in ökonomischen Fragen beraten. Weder di Mauro war die einzige Frau in dem Gremium, alle Mitglieder sind Professoren.

Die Tübinger Lehrstuhlinhaberin ist Direktorin des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen (IAW) und Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium. Weder di Mauro, die in Mainz lehrt, hatte ihren Rückzug aus dem Sachverständigenrat angekündigt, weil sie einen Sitz im Verwaltungsrat der Schweizer Großbank UBS übernimmt.

"Ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe, denn gerade derzeit müssen sowohl in der Politikberatung als auch in der Forschung eine Reihe wichtiger Fragen beantwortet werden", sagte Buch dem "Handelsblatt" (Donnerstag). Es habe sie immer gereizt, aus Forschungsergebnissen Antworten für die Wirtschaftspolitik abzuleiten. Die 45-Jährige beschäftigt sich derzeit vor allem mit zwei Fragestellungen: "Wie sollten Banken reguliert werden, und welche Rückwirkungen hat die Tätigkeit von Banken für die Gesamtwirtschaft? Und wie ordnet sich Europa in Folge der Krise neu?", sagte sie der Zeitung.

Porträt: Claudia Buch – Politikberaterin mit ganz eigenen Ideen

Mit Männerdomänen wie dem Rat der Wirtschaftsweisen hat Claudia Buch Erfahrung. Egal wo: Mal ist sie die erste Frau, mal die einzige Frau und mal die jüngste Frau, die sich in der männlichen Welt der Wirtschaftswissenschaftler nach oben gekämpft hat.

Mit 45 Jahren zählt die Tübinger Professorin schon zu den angesehensten Experten für Banken und Währungen und blickt auf eine Karriere in der Politikberatung zurück. Längst nicht immer war sie den Mächtigen dabei eine angenehme Beraterin. Denn wenn es um die Bankenaufsicht und die europäische Schuldenkrise geht, hat Claudia Buch ihre ganz eigenen Vorstellungen.

Die Berufung in den fünfköpfigen Sachverständigenrat der Bundesregierung stellt den vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere da. Die als zurückhaltend geltende Wissenschaftlerin ist dort wieder einmal die einzige Frau – und nach ihrer Vorgängerin Beatrice Weder di Mauro die zweite Frau überhaupt, die es in der fast 50-jährigen Geschichte in das Gremium geschafft hat.

Buch studierte von 1985 bis 1991 in Bonn und im US-Bundesstaat Wisconsin Wirtschaftswissenschaften, spezialisierte sich auf die Volkswirtschaft. Nach dem Studium wechselte sie ans Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, promovierte, habilitierte und wurde dort 2001 zur Leiterin des Forschungsbereichs Finanzmärkte.

Nach zahlreichen Stationen als Gastforscherin kam sie 2004 mit 37 Jahren als Professorin für Wirtschaftstheorie mit Schwerpunkt Geld und Währung nach Tübingen. Ein Jahr später wurde sie parallel Direktorin des Instituts für Angewandte Wirtschaftswissenschaften (IAW), das häufig im Auftrag von Landes- und Bundesregierung Studien vor allem zur Arbeitsmarktpolitik erstellt. Am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ist sie Forschungsprofessorin.

Auch in die Politikberatung stieg sie früh ein: Vor acht Jahren wurde sie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium, 2008 stieg sie dort zur Vorsitzenden auf. Zuletzt war sie außerdem Mitglied eines Expertengremiums, das für die Bundesregierung Ausstiegsszenarien aus teilverstaatlichten Banken wie der Commerzbank entwickelt hat.

Dabei äußerte Buch immer wieder Kritik am Kurs, den die Bundesregierung in der europäischen Schuldenkrise eingeschlagen hatte. Wenn die Politik weitere Krisen verhindern wolle, müsse sie die Gläubiger stärker in die Pflicht nehmen, forderte sie. Wenn die europäischen Staaten wie in Fall Griechenlands immer wieder mit Finanzhilfen einsprängen, würden die Gläubiger zulasten der Steuerzahler aus ihrer Verantwortung entlassen, kritisierte sie im Juni 2011 in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung".

Seit Jahren ermahnt sie die Bundesregierung außerdem, die Regulierung der Banken zu verschärfen. Vor allem eine deutlich höhere Eigenkapitalquote hält sie für zwingend nötig. Bislang ist sie mit diesen Forderungen vor allem in Fachkreisen wahrgenommen worden. Doch mit ihrer Berufung zur Wirtschaftsweisen werden ihre Ratschläge nun auch in der breiten Öffentlichkeit mehr Beachtung finden. Bequem wird es die Bundesregierung mit ihrer neuen Wirtschaftsweisen nicht haben. (dpa)

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