Wirtschaft
Mega-Börse gestoppt
EU-Kommission verhindert Elefantenhochzeit
01.02.2012, 16:12
Uhr
01.02.2012, 16:12
Uhr
Tobias Schmidt
Brüssel hat die Fusion von Deutscher Börse und NYSE verhindert. Deutsche-Börsen-Chef Francioni spricht von einer verpassten Chance.
EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia hat die geplante Börsenfusion zwischen der Deutschen Börse und der New Yorker NYSE Euronext unterbunden
Foto: REUTERS
Frankfurt/Brüssel.
Nach dem Veto aus Brüssel wird es keine transatlantische Megafusion zur
größten Börse der Welt geben. Am Mittwoch stoppten die EU-Wettbewerbshüter
die geplante Fusione der Deutschen Börse mit der New Yorker NYSE Euronext.
Zu dieser Entscheidung sah sich EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia
gezwungen, da sonst ein Quasi-Monopol im globalen Markt für Termingeschäfte
entstanden wäre. Es galt eine erhebliche Schädigung der europäischen
Wirtschaft zu verhindern, so Almunia in seiner Begründung.
Für die Deutsche Börse ist das Nein eine weitere herbe Schlappe in ihrem
Expansionsbestreben. Über einen „schwarzen Tag für Europa“ klagte der
Vorstand. Anders die Anleger: Der Kurs des DAX-Unternehmens legte nach der
Nachricht zu. Auch die Arbeitnehmer der Deutschen Börse reagierten
erleichtert.
NYSE Euronext erklärte, es werde nun über die Auflösung der
Fusionsvereinbarung diskutiert. Ein klares Signal, dass man in New York
nicht mehr auf eine Revidierung der Kommissionsentscheidung durch den
Europäischen Gerichtshof hofft. „Es ist jetzt Zeit, nach vorne zu blicken“,
sagte NYSE-Euronext-Vorstand Jan-Michiel Hessels.
+++ Börsenfusion: EU-Kommission verbietet
Zusammenschluss +++
Bei einer Elefantenhochzeit der beiden führenden transatlantischen
Börsenbetreiber hätten diese mehr als 90 Prozent des börsengebundenen
Derivatehandels mit europäischen Werten kontrolliert, sagte Almunia. Die
Tochterfirmen Eurex (Deutsche Börse) und Liffe (NYSE Euronext) teilen sich
den Markt derzeit auf. Das äußerst lukrative Geschäft bilde „den Kern des
Finanzsystems“, sagte der Kommissar. Die Fusion hätte den Wettbewerb
ausgeschaltet - und den Einstieg neuer Konkurrenten blockiert.
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Das Aus für den Zehn-Milliarden-Dollar-Deal ist ein
Dämpfer für beide Unternehmen: Sie wollten sich durch die Fusion auch besser
gegen große Konkurrenten in den USA und Asien wappnen. Allerdings nicht um
jeden Preis. Die Auflagen Almunias, das Trennen vom Derivate-Geschäft,
lehnten sie ab.
„Die Deutsche Börse ist gut gerüstet und hat genügend Kraft, um auch ohne die
Fusion weiter zu wachsen und erfolgreich zu sein“, beteuerte Vorstandschef
Reto Francioni. Gleichwohl machte er seinem Ärger über Brüssel Luft: Mit dem
Nein „wird die Schaffung einer in Europa beheimateten und global führenden
Börsengruppe verhindert“, sagte er in Frankfurt am Main. „Dies ist auch eine
verpasste Chance für den Finanzplatz Frankfurt.“
+++ Hintergrund: Alternative Handelsplattformen +++
Almunia wies den Vorwurf zurück, er habe den Aufbau eines „europäischen
Champions“ verhindert. Die New Yorker Börse sei schließlich nicht
mehrheitlich in europäischen Händen. Die geplante Mega-Börse hätte zudem
keinen europäischen Geschäftsführer gehabt. Und nicht zuletzt habe die
Deutsche Börse „nicht zu hundert Prozent europäische Aktionäre“. Nationale
Überlegungen seien für die Kommissionsentscheidung irrelevant gewesen.
Im Brüsseler Kollegium war nur Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier für die
Hochzeit eingetreten, weil er sich davon eine Aufwertung des europäischen
Finanzplatzes erhoffte. Am Mittwoch ließ er seinen Widerstand aber fallen;
es sei gar nicht zur Abstimmung gekommen, sagte Almunia.
Die Arbeitnehmer der Deutschen Börse, die sich gegen die Fusion gestemmt
hatten, atmeten auf. Sie sei „froh, dass dieses Megaprojekt gescheitert
ist“, sagte Betriebsratschefin Irmgard Busch zu „Spiegel Online“. Der
geplante Deal hätte enorme Risiken für die Mitarbeiter in Deutschland mit
sich gebracht.
Für die Deutsche Börse ist es nicht die erste Niederlage beim Versuch, durch
die Übernahme eines Konkurrenten zu wachsen. In den vergangenen Jahren hatte
sich der Börsenbetreiber gleich zweimal dabei verhoben, die
prestigeträchtige London Stock Exchange zu kaufen. Außerdem ging die
Übernahme der europäischen Vierländerbörse Euronext schief, die mittlerweile
zum Wall-Street-Betreiber NYSE gehört.
Ohnehin platzten jüngst mehrere Übernahmeversuche von Börsenbetreibern: Die
Börse in Toronto wurde 2011 nicht an London verkauft. Auch die versuchte
Übernahme des Handelsplatzes Sydney durch die Börse Singapur scheiterte an
nationalen Interessen. (dapd/abendblatt.de)