02.01.12Investmentfonds verärgert
Wegen VW-Übernahme: Porsche droht Milliardenklage
Mehrere Investmentfonds wollen mit einer Klage gegen Sportwagenbauer Porsche Schadenersatz von fast zwei Milliarden Euro erstreiten.
Stuttgart. Porsche droht eine Milliardenklage. Gleich mehrere Investmentfonds wollen gegen den Sportwagenhersteller im neuen Jahr vor Gericht ziehen. Die Forderung: Schadenersatz in Höhe von fast zwei Milliarden Euro. Hintergrund ist der gescheiterte Versuch Porsches, 2008 den viel größeren Volkswagen-Konzern zu übernehmen. Die Investoren sind verärgert, dass die Dachgesellschaft Porsche SE ihre Übernahmestrategie zunächst verheimlicht habe. Auf diese Weise hätte sie später Kursturbulenzen verursacht. Am Freitag wurde die Klage beim Landgericht Stuttgart eingereicht. Es sind nicht die ersten Vorwürfe dieser Art, die bereits vor Gericht geltend gemacht worden. Welche Anteile die insgesamt sieben angelsächsischen Investmentgesellschaften – darunter auch Hedge-Fonds – genau hielten, ist bislang nicht bekannt.
+++ Klagen gegen Porsche +++
Ein Porsche-Sprecher sagte, das Unternehmen kenne die Klage bislang nicht. Darüber hinaus erklärte er: "Wir halten die Vorwürfe für unbegründet." Diese Position vertrete der Autobauer seit Jahren, daran ändere auch eine neue Klage nichts. Zu Details wollte er sich nicht äußern. "Wir warten erstmal darauf, dass uns die Klage zugestellt wird." Das Gericht war zunächst für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Hintergrund: Porsche wollte den vielfach größeren VW-Konzern übernehmen - und verspekulierte sich mächtig. Kostenfaktor: Elf Milliarden Euro. Inzwischen hat sich die Situation umgedreht: Porsche soll als eigene Marke vollständig in den VW-Konzern integriert werden. Die ursprüngliche Fusionslösung rückt aus rechtlichen Gründen jedoch in immer weitere Ferne. Die Aktionäre werfen dem Unternehmen vor, es habe die Informationen zum VW-Einstiegsplan zu lange verheimlicht. Die plötzliche Veröffentlichung löste eine extreme Kurssteigerung durch sogenannte Eindeckungskäufe aus. Die Klage legt laut Mitteilung dar, wie die Porsche-Holding "den Preis der VW-Stammaktien kontrollierte, indem sie heimlich Optionspositionen aufbaute, die nahezu die gesamten frei handelbaren VW-Stammaktien erfassten".
In den USA und Deutschland liegen im Zusammenhang mit der Übernahmeschlacht bereits weitere Klagen vor. Die Sprecherin der Kanzlei, die die Aktionäre vertritt sagte, einige der nun klagenden Fonds seien auch in Amerika vor Gericht gezogen. Der Vorwurf lautet stets: Enorme Kursturbulenzen aufgrund von Manipulationen und Täuschungen sollen Anleger um Millionenbeträge gebracht haben. In Stuttgart ermittelt die Staatsanwaltschaft zudem gegen ehemalige Porsche-Manager. Vor wenigen Monaten erst war eine Schadenersatzklage von Anlegern gegen Porsche und VW bei den Stuttgartern eingegangen. Dabei geht es nach Angaben der Münchner Kanzlei CLLB um Ansprüche von knapp 1,1 Milliarden Euro. Mit dem Verfahren beschäftigt sich das Landgericht Braunschweig.
Das die Klage noch so kurzfristig im letzten Jahr eingereicht wurde, hat seinen Grund: Im neuen Jahr wären die entsprechenden Fristen verstrichen. Porsche ist mittlerweile Gerichtserprobt: Vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht wird seit Mitte Dezember etwa eine Aktionärsklage des Vereins "Verbraucherzentrale für Kapitalanleger" gegen die Porsche-Dachgesellschaft verhandelt. Der Prozess spielt zwar eher eine untergeordnete Rolle. Trotzdem versprechen sich die Gegner der Holding eine Signalwirkung für die weiteren Auseinandersetzungen.
Porsche will seinen Absatz in diesem Jahr um mehr als 6,5 Prozent im Vergleich zu 2011 steigern. Das sagte Vertriebs- und Marketingvorstand Bernhard Maier der Zeitschrift "Automotive News Europe". Porsche sei auf Unsicherheiten an den Märkten "sehr gut vorbereitet und kann einen Auf- oder Abschwung in einem gewissen Rahmen abfedern". Auch das Händlernetz solle ausgebaut werden. 2011 sei das beste Jahr in der Geschichte des Unternehmens gewesen, sagte Maier: Die Auslieferungen würden bei mehr als 115 000 Einheiten liegen und damit den bisherigen Absatzrekord von 103 000 Auslieferungen im Jahr 2007 übertreffen.
25. September 2005: Porsche beteiligt sich mit rund 20 Prozent an VW. Porsche begründet den Einstieg mit gemeinsamen Projekten beider Firmen wie etwa dem Bau des Geländewagens Cayenne.
16. September 2008: Porsche übernimmt die Kontrolle bei Volkswagen. Mit der Aufstockung der VW-Anteile auf 35,14 Prozent erlangen die Stuttgarter die faktische Kontrolle über Europas größten Fahrzeughersteller.
26. Oktober 2008: Porsche kündigt an, seinen Anteil an VW im Jahr 2008 auf 50 Prozent und im Jahr 2009 auf 75 Prozent aufstocken zu wollen und einen Beherrschungsvertrag anzustreben. Der Sportwagenbauer hält zu diesem Zeitpunkt 42,6 Prozent der VW-Stammaktien sowie zusätzliche 31,5 Prozent in Optionen.
25. März 2009: Porsche sichert sich zur Aufstockung seiner Anteile bei Volkswagen eine neue Kreditlinie von zehn Milliarden Euro. Der Kreditrahmenvertrag erlaubt sogar ein Volumen von 12,5 Milliarden Euro.
6. Mai 2009: Nach einem Treffen der Eigentümerfamilien verzichtet der überschuldete Sportwagenbauer auf eine Übernahme von Volkswagen und will mit dem Wolfsburger Unternehmen stattdessen einen gemeinsamen Konzern gründen.
23. Juli 2009: Porsche-Chef Wendelin Wiedeking verlässt das Unternehmen. Seine Nachfolge bei der Porsche AG tritt der bisherige Produktionsvorstand Michael Macht an. Der Porsche-Aufsichtsrat beschließt eine Kapitalerhöhung von mindestens fünf Milliarden Euro. Ziel sei es, die Voraussetzungen für die Bildung eines integrierten Automobilkonzerns aus Porsche und Volkswagen zu schaffen.
20. August 2009: Die Staatsanwaltschaft durchsucht Geschäftsräume des Sportwagenherstellers in Stuttgart-Zuffenhausen. Ermittelt wird gegen den ehemaligen Porsche-Chef Wiedeking und den ehemaligen Finanzvorstand Holger Härter wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Später kam heraus, dass auch Privaträume der beiden Manager durchsucht wurden. Zudem gab es Durchsuchungen bei der Maple Bank in Frankfurt, über die Porsche den Einstieg beim VW-Konzern abwickelte.
25. Januar 2010: Eine Gruppe von Investmentfonds reicht bei einem Bundesgericht in New York Klage gegen die Porsche Automobil Holding sowie Wiedeking und Härter ein. Sie werfen Porsche vor, im Zuge der versuchten Übernahme von Volkswagen die Investoren getäuscht und belogen zu haben und fordern Schadenersatz für entstandene Verluste von mehr als zwei Milliarden Dollar
30. Januar 2010: Einem Medienbericht zufolge bereitet die Kanzlei CLLB aus München für mehrere institutionelle Investoren auch hierzulande Klagen vor. Der Streitwert soll im dreistelligen Millionenbereich liegen
29. April 2010: Weitere Investoren schließen sich der Klage in den USA an. Insgesamt beteiligen sich nun 35 Investoren.
31. August 2010: Porsche stellt einen Antrag auf Abweisung der Klage beim New Yorker Gericht.
17. November 2010: Das Oberlandesgericht Stuttgart hat die Klage zweier Aktionäre gegen die Beschlüsse der Porsche-Hauptversammlung 2009 abgewiesen und damit ein Urteil des Landgerichts bestätigt. Nach Ansicht der Kläger wurden die Aktionäre nicht ausreichend über riskante Wertpapiergeschäfte im Zuge der damals geplanten VW-Übernahme informiert.
8. Januar 2011: Einem Medienbericht zufolge hat Christoph von Arnim von der Berliner Anwaltskanzlei FPS beim Landgericht Stuttgart Klage gegen Porsche und die Maple Bank eingereicht. Der Anwalt fordert für einen Mandanten Schadenersatz in Höhe von 3,1 Millionen Euro.
17. Mai 2011: Erneut weist das Landgericht Stuttgart eine Klage gegen einen Beschluss der Hauptversammlung 2009 ab. Eine Klägerin wandte sich gegen die Entscheidung, den Aufsichtsrat zu entlasten. Ihrer Auffassung nach hatte er seine Pflichten verletzt.
2. August 2011: Porsche teilt mit, die Wahrscheinlichkeit einer Verschmelzung noch im selben Jahr liege bei 50 Prozent.
8. September 2011: VW und Porsche teilen mit, dass die angestrebte Verschmelzung bis Ende des Jahres wegen der anhängigen Klagen nicht zu erreichen sei
9. September 2011: Einem Medienbericht zufolge hat die Kanzlei CLLB ihre Klage beim Landgericht Braunschweig eingereicht. Darin gehe es um Schadenersatz in Höhe von knapp 1,1 Milliarden von VW und Porsche.