Ein Hamburger Arzt rechnet ab
Jede dritte Praxis in Geldnot. Bei jeder fünften hat die Bank das Sagen.
Hamburg. Das schicke Cabriolet parkt vor der großzügigen Eigentumswohnung in Hamburg-Eppendorf, auf der Nordseeinsel Sylt wartet zur Entspannung das eigene, reetgedeckte Ferienhaus, und die Ehefrau geht regelmäßig am Neuen Wall, Hamburgs teuerster Einkaufsmeile, shoppen. So oder ähnlich stellen sich viele Patienten den Lebensstil ihres Haus- oder Facharztes vor. Geld wird er ja genug verdienen, meinen sie, schließlich ist die Praxis immer voll. Das Klischee vom Arzt als Besserverdiener - es stimmt nicht mehr. Zwar gibt es immer noch viele überdurchschnittlich gut verdienende Ärzte. Doch: Fast jeder dritte Kassenarzt in Hamburg steht mittlerweile finanziell mit dem Rücken zur Wand. Viele können ihre Praxismiete offenbar nur noch mit Mühe zahlen. "30 Prozent der Ärzte sind in einer liquiditätsmäßig engen Situation", beschreibt Hans-Rudolf Algier von der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH) das Problem. Um nicht Pleite zu gehen, müssen etliche Hamburger Ärzte nach Abendblatt-Informationen ihre Honorarforderungen an die Bank abtreten - und die teilt ihnen dann ein "Taschengeld" für den Lebensunterhalt zu, nachdem sie die Honorare von der Kassenärztlichen Vereinigung kassiert hat. "Insgesamt 22 Prozent meiner Kollegen geht es bereits so, sie stehen unter der so genannten Bankkuratel", sagte der Hamburger Sportmediziner und Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesiologie Til Steinmeier dem Abendblatt. "Nicht mal ein Auto wird vielen dieser Betroffenen gegönnt, solange sich ihre Einkommenssituation nicht bessert", will Steinmeier aus Kollegenkreisen erfahren haben. "Ich will diese Zahl nicht bestreiten", sagt Hans-Rudolf Algier, der bei der KVH als Abteilungsleiter für die Praxis- und Niederlassungsberatung zuständig ist. Auch der Chef der KVH, Michael Späth, bestätigte dem Abendblatt die dramatische Lage vieler Hamburger Mediziner: "Wir wissen von etlichen Praxen, die in Zahlungsschwierigkeiten sind." Normalerweise, so Späth, erhielten die Ärzte ihre Honorare pro Quartal in vier gleich großen Tranchen. Die ersten drei würden am Monatsende gezahlt, nach einigen Monaten käme dann die Schlussabrechnung mit dem letzten Viertel des Honorars. Doch diese letzte Überweisung falle zurzeit bei einem Drittel der Ärzte weg, weil die vorigen Abschlagszahlungen bereits das gesamte Honorar enthielten. "Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es vielen Praxen sehr schlecht geht", so der KVH-Chef. Wie es um die Einnahmen der Hamburger Kassenärzte bestellt ist, mit welchem Honorar pro Patient und Quartal gearbeitet werden muss, das enthüllt der Hamburger Sportmediziner und Allgemeinarzt Til Steinmeier gegenüber dem Abendblatt. Seine Praxis, sagt er, erwirtschafte monatlich einen Umsatz mit Kassenpatienten von knapp 12 000 Euro. "Damit kann ich aber gerade die Kosten für Miete, Personal, Versicherungen decken", sagt Steinmeier. "Um meine Familie zu ernähren und meine private Miete zu bezahlen, benötige ich Privatpatienten, an denen ich verdienen kann." In seiner Praxis in den Colonnaden verfüge er "zum Glück" über einen Privatpatienten-Anteil von 20 Prozent. "Im Schnitt haben die Kollegen aber nur zehn Prozent, und ich kenne sogar Ärzte, die mit einer Quote von nur drei Prozent auskommen müssen", sagt Steinmeier. "Viele dieser Kollegen leben am Rande des Existenzminimums." Der 43 Jahre alte Mediziner legt die letzten Abrechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH) auf den Schreibtisch. Die Zahlen überraschen. Im Schnitt 35,60 Euro hat Steinmeier von der KVH für jeden seiner rund 1000 Patienten im ersten Quartal zugewiesen bekommen. Vor zwei Jahren waren es im gleichen Zeitraum noch knapp 38 Euro. Doch der Umsatzverlust - immerhin sechs Prozent - ist nur ein zusätzliches Ärgernis. "Mit diesen 35,60 Euro muss ich die komplette ambulante Versorgung des Patienten abdecken, egal wie lange und wie oft ich ihn im Laufe des Quartals untersuche und behandele", sagt Steinmeier. Gespräche, Blutabnahmen, Ultraschalluntersuchungen - alles inklusive. Besonders treffe ihn diese Budgetbegrenzung bei Hausbesuchen. "Ich habe zum Beispiel eine hoch betagte Patientin, die ich bis zu 20-mal im Quartal zu Hause besuche", erzählt Steinmeier. "Das heißt: Ein Hausbesuch wird mir mit umgerechnet 1,75 Euro honoriert. Da arbeite ich praktisch ehrenamtlich." Er selbst, sagt Steinmeier, erhalte für seine nächtlichen Taxifahrten als Notarzt lediglich ein Pauschalhonorar von 40 Euro pro Patient. Dabei regt ihn dieses auf: "Letztens kam ich nach Hause, hatte meinen Haustürschlüssel verloren und konnte nicht rein. Da habe ich einen Schlossnotdienst gerufen. Der hat mir auch innerhalb weniger Minuten die Tür geöffnet - und durfte dafür satte 110 Euro kassieren." Nach dem geltenden Gesetz, sagt Steinmeier, seien Ärzte freie Unternehmer. "Aber da gibt es ein Problem: Als Kassenarzt bekomme ich für jedes Quartal ein Budget zugewiesen, das ich nicht überschreiten darf. Ich kann also nicht mehr verdienen, ganz gleich, wie viele Patienten ich behandele, egal wie gut ich bin." Der deutsche Kassenarzt, stellt Steinmeier resigniert fest, "ist der einzige freie Unternehmer, dem gesetzlich diktiert wird, wie viel Umsatz er maximal erwirtschaften darf". Die Folge sei bitter: "Unsere Einkommensmöglichkeiten werden nach oben auf ein Minimalniveau beschnitten. Aber nach unten, da haben wir die freie Marktwirtschaft mit sämtlichen Risiken zu tragen."




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