Asperger-Syndrom

Hamburger Firma vermittelt ausschließlich Autisten

Mitarbeiterin Simone Kämpf(l.) ist eine Spezialistin für Computersprachen mit Asperger-Diagnose. Die Pädagogin Johanna Blunk ist bei Auticon ihr Jobcoach

Foto: Roland Magunia

Mitarbeiterin Simone Kämpf(l.) ist eine Spezialistin für Computersprachen mit Asperger-Diagnose. Die Pädagogin Johanna Blunk ist bei Auticon ihr Jobcoach

Der Alltag fällt den Betroffenen oft schwer, doch viele haben spezielle Fähigkeiten – Auticon setzt sie als Software-Spezialisten ein.

Ein Computermonitor, auf dem nichts zu sehen ist als Zahlen und Codes. Was bei den meisten Menschen tiefes Unverständnis oder gar Fluchtreflexe auslöst, ist für Daniel Wächter das Allerschönste. Den ganzen Arbeitstag, wenn nötig auch länger, verbringt der 24-Jährige vor dem Rechner. Gerade hat er für eine große Versicherung die Online-Vertragssoftware getestet. "Ich habe überprüft, ob die Beitragsberechnungen richtig funktionieren und die Prozesse optimiert", sagt Wächter. Nur er und der Computer. Es war der beste Job, den er bislang hatte. Nach vier Monaten war er fertig. Schneller als erwartet.

An diesem Nachmittag sitzt Daniel Wächter in einem Büro in der Hamburger Innenstadt. Ein Beamer wirft das Bild eines Software-Quellcodes auf eine Leinwand. Die vier Menschen in dem Raum lösen komplexe Probleme, es ist sehr still. Jeder sitzt an einer Ecke des großen Konferenztisches, mit so viel Abstand zum Nachbarn wie möglich. "So kann ich gut arbeiten", sagt Simone Kämpf, die einzige Frau im Raum. Alle sind erfahrene Programmierer, alle haben außergewöhnliche Fähigkeiten – alle sind Autisten. Und alle hatten ihr ganzes bisheriges Leben lang Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden. Jetzt arbeiten sie für Auticon. Als erstes Unternehmen in Deutschland beschäftigt der IT-Dienstleister ausschließlich Menschen mit Autismus und schickt sie als Software-Berater zu Auftraggebern.

Autisten haben eine spezielle Sicht auf die Dinge

"Was sehen Sie?", fragt Bernd Günter, Chef der Hamburger Auticon-Niederlassung, und zeigt auf ein Plakat. Die Antwort ist einfach: einen Tannenzweig. Dann zeigt er auf ein zweites Bild. Darauf ist der nackte Zweig in Einzelteilen abgebildet, daneben ein Haufen Nadeln. "Das sieht ein Mensch mit Autismus", sagt der langjährige IT-Manager. Das Bild illustriert deren Wahrnehmungs- und Informationsstörung ganz gut. "Autisten sehen Dinge, die wir nicht sehen können. Alle Informationen kommen ungefiltert an", erklärt der Auticon-Manager den Unterschied, den die meisten anderen Menschen sehen. Diese Sicht auf die Dinge hat Vorteile. Autisten erkennen schneller Muster, sind viel genauer und denken streng logisch. Ihren Arbeitsalltag aber macht das Fehlen der selektiven Wahrnehmung oft schwieriger. Denn Autisten nehmen alles wortwörtlich, verstehen keine Zwischentöne. Small Talk wird zur Qual. Und sie sind extrem ehrlich – was auch schon mal unhöflich wirkt.

In Deutschland finden Schätzungen zufolge nur 15 Prozent aller Autisten einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Genau da setzt Auticon an. Und das sehr erfolgreich. Für das 2011 in Berlin von Dieter Müller-Remus, selbst Vater eines autistischen Sohnes, gegründete Start-up sind deutschlandweit mehr als 70 Software-Experten im Einsatz, die meisten von ihnen mit der schwächeren Autismus-Variante Asperger. Unternehmen in Belgien und Dänemark waren das Vorbild.

"Wir machen Schwächen zu Stärken", erklärt Nord-Chef Günter. Zu den Kunden zählen Großunternehmen wie Allianz, Beiersdorf, BMW, Commerzbank, Siemens und Tchibo. Seit Anfang 2016 hat Auticon auch Niederlassungen in Frankreich und Großbritannien. Investoren einer gerade bekannt gegebenen Kapitalerhöhung sind Sir Richard Bransons Virgin Group sowie die Esmée Fairbairn Foundation.

Beim Hamburger IT-Dienstleister Neusta Consulting sind seit August zwei Auticon-Berater in der Software-Entwicklung im Einsatz. "Sie haben sich in sehr kurzer Zeit in die Sachverhalte eingearbeitet und komplexe Programmcodes erfasst", sagt der Geschäftsführer des 850-Mitarbeiter-Unternehmens, Thorsten Prüser. Auch die Projektverantwortliche Alexandra Bobert ist begeistert: "Wir müssen die Fehler suchen, er guckt drauf und sieht, dass in Zeile sieben was nicht stimmt", sagt sie über einen der Berater. Nach Anlaufschwierigkeiten funktioniere das Projekt jetzt endlich. "Das ist dem Auticon-Berater zu verdanken", sagt die Managerin. Auch das Miteinander im Team laufe reibungslos. Wenn der Kollege sich zurückziehen müsse, könne er das ohne Probleme tun. Inzwischen ist Neusta in Verhandlungen, weitere Experten des Dienstleisters mit dem besonderen Ansatz ins Haus zu holen. "Wir suchen händeringend gute Entwickler, das ist für uns ein totaler Gewinn", sagt Alexandra Bobert.

Auticon ist keine Werkstatt für Behinderte, sagt der Gründer

Auticon ist "keine Behindertenwerkstatt oder Arbeitsvermittlung", wie Gründer Müller-Remus gern betont, sondern eine GmbH. Der Umsatz lag 2015 bei 5,6 Millionen Euro. Die Auftraggeber zahlen marktübliche Tarife, die Berater sind fest angestellt und bekommen übliche Gehälter – und zwar egal, ob sie gerade in einem Projekt beim Kunden sind oder sich in einer freien Phase weiterbilden. Die Suche nach Aufträgen übernimmt Auticon, genauso wie die gesamte Abwicklung. Diese Sicherheit ist besonders wichtig.

Simone Kämpf ist seit Anfang Oktober Auticon-Mitarbeiterin. Die 36-Jährige mit Asperger-Diagnose ist Anwendungsprogrammiererin und arbeitet mit den neuesten Computersprachen. In Kürze fängt sie in einem Kundenprojekt an. "Bislang hatte ich immer Arbeitsbedingungen, unter denen ich nicht effektiv genug war und mein volles Potenzial nicht ausschöpfen konnte", sagt die Bremerin, die zur Entspannung gern zu Mathematik-Fachliteratur greift. Für Auticon habe sie sich "wegen der Extra-Betreuung" entschieden, sagt sie. Weil es einen Jobcoach wie Johanna Blunk gibt. Die Erziehungswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Erwachsenenpädagogik ist für die 18 Hamburger Auticon-Berater zuständig. "Das fängt schon bei der Bewerbung an", sagt sie über ihre Aufgaben. Fast täglich hat sie neue Arbeitsgesuche auf dem Tisch. Studium oder Ausbildung sind keine Voraussetzung, um einen Job bei Auticon zu bekommen. "Aber manchmal müssen wir Schritt für Schritt herauskitzeln, was die Leute alles können. Sagen können sie das nicht immer." Aber auch bei Fragen wie der, ob man seinen Chef nach dem letzten Urlaub fragen sollte, oder ob man eine Betriebsweihnachtsfeier schwänzen kann, hilft Blunk. Zum Konzept gehört zudem, dass die Arbeitgeber beraten und informiert werden. Denn, so Blunk, "jeder Autist ist anders."

Die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein bieten Ausbildungsplätze im kaufmännischen Bereich für Autisten an

Bislang kamen als Arbeitgeber für Autisten vor allem Software-Unternehmen wie SAP, Oracle oder Microsoft infrage. Gerade zeigt der Hollywood-Film "The Accountant" Ben Affleck in der Rolle eines Autisten, der mit seiner mathematischen Begabung ein kriminelles Komplott aufdeckt. Aber nicht alle Autisten haben solche Inselbegabungen. In Hamburg bieten etwa die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein im kaufmännischen Bereich Ausbildungsplätze für Menschen mit Autismus an. "Sie haben oft großes Interesse am Öffentlichen Nahverkehr. Das ist eine Freude zu sehen", sagt Christiane Bossel-Schwenck aus der VHH-Personalabteilung.

Eine wichtige Anlaufstelle ist auch der Hamburger Verein Autsocial, der Autisten bei der Jobsuche hilft. "Wir haben in den vergangenen acht Jahren etwa 1000 Menschen begleitet", sagt Vereinschef Hajo Seng. Im Prinzip tut Autsocial das Gleiche, was Auticon kommerziell macht. "Auticon zeigt, dass man so ein Geschäftsmodell aufziehen kann", lobt Seng das Firmenkonzept unter dem Motto "Querdenker mit System".

Für viele Autisten ist es die Rettung. Daniel Wächter, bei dem erst vor Kurzem Asperger diagnostiziert wurde, hat zwar eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration absolviert, fand aber keinen Job. "Ich kann zum Beispiel nicht im Support arbeiten", sagt der Software-Experte, der in seiner Freizeit Maschinen zum Bierbrauen baut und an der vollautomatisierten Steuerung seines Haushalts per Smartphone arbeitet. Zuletzt war er arbeitslos. Jetzt macht er die Erfahrung, dass er als Test-Manager für hoch spezialisierte Software-Lösungen sehr begehrt ist. In Kürze startet sein nächster Auftrag. Es geht um ein Qualitätsmanagement-Projekt bei einer großen Hamburger Versicherung. Ein Auftrag ganz nach seinem Geschmack.