Donnerstag, 23. Februar 2012, 00:37

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Wirtschaft

Stürmische Zeiten für die Windkraft

Ökostrom: Der Wirtschaftsminister will den Geldhahn zudrehen. Die Branche wehrt sich. Worum es in dem Streit geht.

Hamburg. Geht der Windenergie in Deutschland die Puste aus? Seit Jahresbeginn haben die Rotoren der Windkraftwerke wetterbedingt neun Prozent weniger Strom als im Vorjahreszeitraum erzeugt. Und das, obwohl in den vergangenen sechs Monaten bundesweit 536 neue Anlagen errichtet wurden. Auch finanziell durchleben viele Anlagenbauer eine Flaute. So schreiben die beiden großen Anbieter Nordex und REpower aus Hamburg zurzeit rote Zahlen. Nordex verzeichnete sogar einen Rückgang der Neuaufträge in den vergangenen neun Monaten von 60 Prozent. Aus Branchensicht bedrohlich sind zudem Pläne von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), die kräftig sprudelnden Einnahmequellen der Windkraftbetreiber zu drosseln, also die Pflichtpreise zu senken, zu denen die Energiekonzerne den Ökostrom der Windmüller einkaufen müssen. Wie es um die Windkraft in Deutschland steht und worüber gestritten wird - das Abendblatt erläutert die Hintergründe. Wie viel Windenergie gibt es? Seit 1990 steigt die Zahl der Windräder und deren Kapazität jedes Jahr im Schnitt zweistellig. Und die Wachstumsraten werden nach Meinung des Bundesverbands WindEnergie auch in den kommenden Jahren hoch bleiben. Ende Juni 2003 gab es in Deutschland 14 302 Windkraftanlagen mit einer möglichen Stromleistung von zusammen 12 836 Megawatt. In einem durchschnittlichen Windjahr können diese Anlagen insgesamt 24,7 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. Das entspricht einem Anteil der Windenergie am Nettostromverbrauch in Deutschland von 3,5 Prozent. Eine EU-Richtlinie schreibt vor, dass Deutschland den Anteil regenerativer Energie (Wind, Wasser, Sonne, Biomasse) bis 2010 auf 12,5 Prozent anheben muss. Wo stehen die Windräder? Fast die Hälfte der Windkraftanlagen befindet sich in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. In Hamburg gibt es 53 Windräder, in Berlin nicht ein einziges. Im weltweiten Vergleich ist Deutschland mit einer installierten Leistung von knapp 13 000 Megawatt Windkraftweltmeister. In Spanien und den USA gibt es jeweils weniger als 5000 Megawatt, die Dänen verfügen über knapp 3000 und die Niederländer über weniger als 700 Megawatt. Im traditionell atomstromlastigen Frankreich beträgt die Leistung nicht einmal 200 Megawatt. Wer betreibt die Windräder? Die Nummer eins unter den rund 10 000 Windkraftbetreibern in Deutschland ist die Enercon GmbH aus Aurich. Das Unternehmen hat allein in diesem Jahr einen Marktanteil von fast 40 Prozent bei der neu installierten Windenergieleistung erreicht. Nummer zwei ist die Vestas-Gruppe mit einem Marktanteil von mehr als 25 Prozent, gefolgt vom US-Unternehmen GE Wind Energy (11,9) und den Hamburger Anbietern REpower (7,3) und Nordex (4,9). Wie wird die Windkraft gefördert? Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz vom April 2000 wird Strom aus Windkraft, Wasser, Sonne und Biomasse finanziell indirekt gefördert. Die Windradbetreiber dürfen von den Energiekonzernen eine Mindestvergütung von durchschnittlich 8,9 Cent pro eingespeister Kilowattstunde verlangen. Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde aus Atom- oder Kohlestrom aus eigener Erzeugung kostet E.ON, Vattenfall und Co nur 2,5 Cent. Deshalb legen die Stromriesen die zusätzlichen Kosten auf die Kunden um. Dadurch ist der Strompreis um 1,5 Cent pro Kilowattstunde teurer geworden. Was will Clement ändern? Glaubt man den Vertretern der Windenergiebranche, dann steht die noch junge Technologie zur Stromerzeugung vielleicht schon bald vor dem Aus. Nämlich dann, wenn sich Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) mit seinem Vorhaben durchsetzt, die Rahmenbedingungen zur Förderung der Windkraft zu ändern. Dann würden die großzügig bemessenen Vergütungen, die die Windkraftbetreiber von den großen Stromkonzernen erhalten, 2005 um 15 Prozent gekürzt, anschließend sogar um weitere fünf Prozent pro Jahr. Außerdem soll die Förderdauer von derzeit 20 auf zehn Jahre begrenzt werden. Zudem ist im Gespräch, dass die Summe der Zahlungen, welche die Energieriesen an alle Windmüller überweisen müssen, begrenzt werden soll. Im vergangenen Jahr mussten E.ON und Co rund 1,3 Milliarden Euro zahlen. Künftig ist denkbar, dass dieser Betrag eingefroren oder sogar gesenkt wird. Die Konsequenz: Der Wettbewerb unter den Windmüllern verschärft sich und die Vergütungssätze fallen. Der Bundesverbands WindEnergie befürchtet den Verlust von bis zu 50 000 Arbeitsplätzen. Wie wichtig sind Privatanleger? Jährlich fließen nach Expertenschätzungen mehr als 300 Millionen Euro von Privatanlegern in den Bau von Windenergieanlagen in Deutschland. "Auch in diesem Jahr rechnen die Betreiber mit 300 bis 400 Millionen Euro", sagt Peter Kastell vom Hamburger Analysehaus FondsMedia. Die rund 40 bis 50 Fondsanbieter (Mindestbeteiligung meist 5000 Euro) locken Anleger mit einer Ausschüttung von 280 Prozent vor Steuern nach Ablauf von 20 Jahren. "Das entspricht einer Renditeerwartung von sieben bis neun Prozent im Jahr", so Kastell. Ob dieses Ziel zu erreichen sei, bleibe abzuwarten. Man müsse mit einem "eher düsteren Bild" rechnen, weil die Planungen vieler Anbieter möglicherweise nicht aufgehen. Sein Tipp: "Die Anbieter sorgfältig unter die Lupe nehmen." Hilfe gibt eine Broschüre des Bundesverbands WindEnergie (im Internet unter www.wind-energie.de oder per Telefon: 0541-350600). Was sagen Landschaftsschützer? Die "Verspargelung" der Landschaft durch die bis zu 130 Meter hohen Windräder ist mittlerweile auch vielen Umweltschützern ein Dorn im Auge. Hinzu kommt die Lärmbelästigung oder der "Discoeffekt", wenn die Rotoren das Sonnenlicht reflektieren. Kritisiert wird zudem, dass sich die Räder im Schnitt nur an 77 Tagen im Jahr drehen, und dass sie erst nach mehreren Jahren so viel Energie erzeugt haben, wie zu ihrer Herstellung benötigt wurde.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus