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Wirtschaft

Mit einer Gondel über die Elbe

Abendblatt-Forum im Hotel Elysée. Meinhard von Gerkan und seine Visionen fürHamburg. Auszüge der Rede.

Wenn man Hamburg als wachsende Stadt propagiert, muss man sich fragen, welchen Nutzen Wachstum hat und wie man dies erreichen kann. Wachstum bringt mehr Vielfalt, Ansehen, Chancen für Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Innovation. Für die meisten Menschen ist es eine Sehnsucht, in einer großen Stadt zu leben, die dynamisch ist. Wachstum kann man in einer schrumpfenden Gesellschaft erreichen, indem man Menschen für eine Stadt gewinnt mit Lebensqualität, Arbeitsplätzen, Freizeit und nicht zuletzt durch Image und Prestige. Architektur und Städtebau spielen im Szenario einer wachsenden Stadt eine zentrale und wichtige Rolle. Schlüsselworte sind Identität, Prestige und Attraktivität. Städtebauliche Identität entsteht immer durch Zeichen. Umso mehr eine Stadt über Alleinstellungsmerkmale verfügt wie Pyramiden oder Kathedralen, umso überragender ist die Rolle dieser Zeichen in punkto Identitätsbildung. Doch nahezu alle diese identitätsprägenden Bauwerke sind nicht kommerzieller Nutzung unterworfen. Sie werden also nicht als Büros genutzt, vermietet oder verkauft. Das ging früher gut, aber heute, in Zeiten knapper Kassen sind wir in einer Situation, in der nahezu alle öffentlichen Funktionen wie Schulen, Büchereien nicht mehr als Aufgaben der öffentlichen Hand verstanden werden. Man sucht nach Modellen, wie diese Gebäude kommerziell etwa mit Mantelbebauung finanziert werden. In Hamburg gibt es eine Reihe solcher Szenarien. Man versucht, Identitätsträger zu schaffen, die als Abfallprodukt des Marktes zu Stande kommen und die öffentliche Hand nichts kosten. Aber in der gesamten Baugeschichte können wir erkennen, dass alles, was sich einer touristischen Attraktion im Sinne von Identität für den Ort erfreut, nie an kommerzielle Nutzung gebunden ist. Sei es die Chinesische Mauer oder die Prachtbauten der Feudalzeit. Diese Gebäude entstanden, weil die Herrschenden versucht haben, sich durch Architektur Identität zu verschaffen, durch Zeichenhaftigkeit, die nichts mit Vermarktbarkeit zu tun hatte. In der Neuzeit aber wurden Bauten errichtet wie die Twin-Towers in Kuala Lumpur, die - aufgepropft mit einem Selbstdarstellungsanspruch - den Anspruch der Identitätsbildung einlösen sollen, der bei den traditionellen Bauten vorhanden ist. Bauen kann man alles, aber kaum eines dieser modernen Bauten hat den Wert, ein Zeichen zu sein. Eine andere Variante ist der Bilbao-Effekt: Da wurde ein Museum gebaut, das sich wegen seiner ausgefallenen Architektur selbst darstellt. Damit wurde erreicht, dass das bisher eher unbedeutende Bilbao eine Identität gefunden hat und bekannt wurde. Genau in dieser Grenzzone zwischen der Verpflichtung, etwas für die Stadt zu bauen, das sich einfügt, und der unterschwelligen Erwartung fast jedes Stadtbaudirektors, dass alle Welt sein Gebäude bestaunt, liegt die Gratwanderung der Architekten. Für Hamburg bedeutet dies, dass man zwar spektakuläre Entwürfe wie etwa ein schlangenförmiges Hochhaus präsentieren kann, aber diese entbehren jeder wirtschaftlichen Grundlage. Im Vergleich dazu das Hanseviertel, das unser Büro entworfen hat: Hier ist es gelungen, etwas zu kreieren, was Hamburg sehr wohl Attraktivität verliehen hat. Ein Passagenviertel, das weltweite Beachtung gefunden hat. Hamburgs wirkliche Identität ist die der Stadt am Wasser, die an dem Wasser und mit dem Wasser lebt. Identität für Hamburg schaffen nicht der Michel oder das Bismarck-Denkmal, sondern die Alster, die Fleete, die Elbe und der Hafen. Auf die Frage nach Visionen für Hamburg kann ich nur eines sagen: bewahren und fortschreiben, aber nicht brechen. Schon vor 31 Jahren haben wir ein Gutachten für Hamburg erstellt, dessen Grundsätze auch heute noch gelten, wenn wir etwas für die Stadt planen: Bauten am Wasser. Das Konzept ist getragen worden vom Wunsch, das Wasser den Menschen zugänglich zu machen. Ich will mich nun zu drei konkreten Vorschlägen äußern. Der eine ist, das Heiligengeistfeld zu überdachen. Mit einem Riesendach, aus dem das Riesenrad vom Dom herausschaut. Man könnte das Dach bei schönem Wetter öffnen. Technisch ist das kein Problem, aber die ökonomische Basis findet man nicht. Es sei denn, man findet Wege, die Nutzer an den Kosten zu partizipieren. Hamburg muss die Stadt der Kirchtürme bleiben und nicht die der Hochhäuser. Mit einer Ausnahme: Nicht in der City, und auch nicht in der HafenCity vorne, sondern sie müssen hinten stehen, also im Süden, und mit den Kirchen Hamburgs ein Ensemble bilden. So stellen sie optisch den Sprung über die Elbe dar. Meinen dritten Vorschlag habe ich schon dreimal gemacht: Eine Gondelbahn, die über die Elbe fährt. Verbunden wäre die Gondel mit einem neuen Stadt- und einem Seeturm. Die Menschen könnten damit über die Elbe zum Tollerort fahren. Beide Türme würden ein Hafentor bilden, durch das alle Kreuzfahrtschiffe fahren müssten. Mit der Gondel schafft man den Sprung über die Elbe. Das Projekt wäre finanzierbar und wäre eine Attraktivität für Besucher. Das "Hafentor" mit der Schwebebahn würde Hamburg durch Alleinstellung unerhörte Identität verschaffen. Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Sport an einen Tisch bringen. Gespräche, Pläne, Initiativen und Visionen für Hamburg entwickeln. Das sind die Ziele der Abendblatt-Veranstaltungsreihe "Unternehmen Hamburg - Gespräche im Elysee". Bei der sechsten Veranstaltung sprach der bekannte Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan, der gerade in China eine Großstadt plant, über "Architektonische Visionen für Hamburg".

 

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