Neue Technik
Lebensretter-Chip aus Hamburg ist einsatzbereit
Von 2015 an sollen in der EU alle Neuwagen einen Notrufsender bekommen. Die Entwicklung stammt von NXP, der ehemaligen Philips-Chiptochter.
NXP-Geschäftsführer Kurt Sievers mit dem in Hamburg entwickelten Herzstück des geplanten Notrufsystems eCall, das die EU 2015 einführen soll
Foto: HA / A.Laible/HA
Hamburg. Länger als zwei Jahre tüftelten 25 Spezialisten in Hamburg an der Lösung. Mehrere Millionen Euro steckte NXP, die ehemalige Philips-Chiptochter, in der Hansestadt in die Entwicklung. Jetzt ist das kleine, nur wenige Zentimeter lange Kästchen mit einem Chip, einer Platine und einer Antenne einsatzbereit. "Wir haben schon mit der Serienproduktion begonnen", sagt NXP-Geschäftsführer Kurt Sievers, der beim niederländischen Konzern auch für das weltweite Autogeschäft zuständig ist, dem Abendblatt. Künftig soll die neue Technik Tausende Menschenleben in der EU retten.
Die frisch entwickelte Elektronik ist der Kern eines neuen Autonotrufsystems, das EU-Kommissarin Neelie Kroes vom 1. Januar 2015 an in der Gemeinschaft als eCall für alle Neuwagen einführen will. Im Fall eines schweren Unfalls setzt es, sofern die Insassen dazu nicht mehr in der Lage sind, automatisch einen Notruf zu einer Zentrale über die Nummer 112 ab. Dabei wird der Standort des Wagens über das Satellitensystem GPS bestimmt, sodass die Retter rasch den richtigen Weg finden. Verletzte können zudem über Mobilfunk mit den Helfern sprechen oder auch über einen roten Knopf das System selbst in Gang setzen.
+++ Hamburger NXP entwickelt sparsamen Chip für Autos +++
Doppelt so schnell wie heute sollen so künftig Ärzte und Sanitäter in ländlichen Gebieten am Ort des Geschehens sein. Innerhalb von Städten soll sich die Zeit bis zum Unfallort immerhin noch um 40 Prozent verkürzen. Dadurch rechnet Kroes mit jährlich 26 Milliarden Euro geringeren Kosten im Gesundheitswesen und vier Prozent weniger Verkehrstoten. "Das würde bedeuten, dass alle sechs Stunden ein Menschenleben gerettet werden kann", sagt die europäische Kommissarin.
Die EU hat nun zunächst eine Empfehlung für das neue System ausgesprochen. "Eine verpflichtende Richtlinie muss noch folgen", sagte ein Sprecher des Verkehrsministeriums. Nach deren Umsetzung durch die Bundesregierung wird das Notrufsystem dann als vorgeschriebener Bestandteil in das Typ-Genehmigungsverfahren für Autos eingehen. Damit müssen sich auch Hersteller aus Japan oder den USA auf die Zusatzausstattung einstellen. Die Rechtslage ist klar. "Wer ein Auto in der EU zulassen will, muss die dort geltenden Kriterien erfüllen", sagt Harry Evers, der mit einem Mandat des Verkehrsministeriums das deutsche eCall-Projekt leitet.
Auch ältere Wagen können Fachleute mit dem System nachrüsten, das in der Produktion "deutlich weniger als 100 Euro kosten wird", wie Sievers sagt. Für den Einsatz seien Fahrzeuge etwa vom Baujahr 1995 an geeignet. Hintergrund: Das Auslösen des Alarms ist an das Airbagsystem gekoppelt. Dessen Sensorik misst die beim Bremsen auftretenden Kräfte und löst im Notfall das schützende Luftkissen aus. Die Verbindung mit dem Chip stellt nun sicher, dass bei Bagatellunfällen die Notrufzentralen nicht unnötig angerufen werden. Ältere Fahrzeuge erfüllen diese Voraussetzungen oftmals aber nicht.
Befürchtungen, dass mit dem System auch alle Wege des jeweiligen Wagens verfolgt werden könnten, lässt Sievers nicht gelten. "Die Chips sind verschlüsselt und schlafen, solange kein Alarm ausgelöst wird", sagt er. Um dies sicherzustellen, nutzte NXP auch Erkenntnisse, die von den ebenfalls in Hamburg entwickelten Chips für die neuen Personalausweise stammen.
Für die Hamburger Tochter des an der New Yorker Börse notierten niederländischen Konzerns bietet die Neuentwicklung erhebliche Chancen. Immerhin werden jährlich in der EU zwischen 15 und 20 Millionen Neuwagen zugelassen. "Wir haben eine führende Position, die wir halten wollen", sagt Sievers. Dazu laufen Gespräche mit Herstellern in den USA und Japan. "Wir sind überzeugt, dass auch dort Interesse besteht", so der NXP-Manager.
Bisher haben trotz immer wieder gestarteter Versuche nur 0,7 Prozent der Autos in der EU ein Notrufsystem an Bord. Dabei handelt es sich nach Angaben von NXP vor allem um Oberklassefahrzeuge, bei denen ähnliche Einrichtungen zusätzlich geordert werden können. "Planungen für eine umfassende Einführung gibt es schon seit mehr als zehn Jahren", sagt ADAC-Sprecher Thomas Strobl. Doch auf freiwilliger Basis war der Durchbruch für das Notrufsystem nie gelungen. "Dass die EU es nun zur Pflicht macht, halten wir für richtig", sagt Strobl. "Es handelt sich schließlich um eine Investition für das eigene Leben."





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