Das große Geschäft mit dem Grusel
Hamburg Dungeon: Horror in der Speicherstadt. Mit dem Grauen Kasse machen. Jetzt sollen weitere "Kerker" entstehen.
Hamburg. "Wer ist unser Feind?", brüllt der Seemann mit den muskulösen Oberarmen in den Schiffsbauch der Kogge. "Die Hanse", tönt es vielstimmig aus der Schülerschar. "Und wen wollen wir befreien?" - "Klaus Störtebeker", rufen die Kinder und klatschen vor Aufregung in die Hände. Das Schiff der berüchtigten Vitalien-Brüder und Feinden der Hamburger Pfeffersäcke beginnt kräftig zu schaukeln, die "Piraten" sind eingeschworen. Schade nur, dass Hamburgs Seeräuberlegende nur noch wenige Minuten zu leben hat. Denn als die Schülergruppe kurz darauf an Land geht und sich einen dunklen Gang mit knarrenden Holzdielen entlangtastet, kommt sie gerade noch rechtzeitig zur Exekution des Piraten auf dem Grasbrook. Störtebeker, der Schrecken der Meere und Volksheld aus dem späten 13. Jahrhundert, ist nur eine von vielen Stationen im Hamburg Dungeon in der Speicherstadt. Die Mischung aus Geisterbahn, Theater und Museum hinter Backsteinfassaden und wurmstichigen Holztüren schickt täglich Hunderte Hamburger und Touristen auf eine gruselige Reise durch Hamburgs dunkle Geschichte. Mit dem "Fahrstuhl des Grauens" geht es zurück in die Zeit der Wikinger, der Inquisition, der Feuersbrünste und der Pest. Inszenierte Geschichte mit falschen Kulissen und einem Dutzend Schauspielern - "aber historisch korrekt erzählt", betont Johannes Mock (38), Deutschlandchef der englischen Merlin Entertainments Group, die neben dem im Mai 2001 eröffneten Dungeon (zu deutsch: Kerker) in Hamburg auch die gleichnamigen Gruselshows in London, York und Edinburgh betreibt. "Bei den Briten geht es natürlich einen Tick schräger zu", sagt Mock. "Wir Hanseaten gelten ja als etwas zurückhaltend." Das Konzept, die dunklen Seiten der Städte zu vermarkten - Störtebecker in Hamburg, Jack the Ripper in London - geht offenbar auf. "Wir hatten 2002 allein in Hamburg rund 250 000 Besucher, das sind 50 000 mehr als im Vorjahr", rechnet Mock vor. Beim Umsatz habe man sogar um 50 Prozent zugelegt - vor allem wegen der vielen Abendveranstaltungen für Firmen, die sich inmitten von Skeletten, Folterwerkzeugen und anderen schauerlichen Effekten steigender Beliebtheit erfreuen. Als Beispiel führt Dungeon-Chef Mock den Fußballclub St. Pauli an. "Die Spieler mussten sich vor den Inquisitoren verantworten, das war natürlich ein Heidenspaß." Wegen des anhaltenden Erfolgs denkt Mock bereits an eine Ausweitung des Konzepts auch auf andere Städte in Deutschland. "München, Köln und Berlin wären auf Grund ihrer Größe, der Zahl der Touristen und der Geschichte ideale Standorte." Die möglichen schauerlichen Themen: Türken- und Bauernkriege, Römer, deutsche Geschichte. "Wir greifen aber ausschließlich auf Geschichten zurück, die vor 1899 passiert sind, also keine Themen, an denen sich die Menschen noch persönlich erinnern können", sagt Mock. Schließlich stehe der Unterhaltungsaspekt beim Dungeon im Vordergrund. "Es wäre pietätlos, sich auf unterhaltende Art und Weise mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen", so Mock. Einen weiteren Grund für die Popularität des Hamburg Dungeon, in das bislang rund 6,5 Millionen Euro investiert wurde, sieht Mock im geänderten Freizeitverhalten der Deutschen angesichts der schwierigen Konjunkturlage. "Wenn der Auslandsurlaub aus Kostengründen gestrichen wird, macht die Familie eben öfter mal einen Tagesausflug - und das kommt unserem Konzept entgegen." Schwerer haben es da im Vergleich die knapp 70 Freizeitparks in Deutschland. "Die Besucherzahl lag 2002 mit 21 Millionen nur auf Vorjahresniveau", sagt Ulrich Müller-Oltay, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen, dem Abendblatt. Für 2003 sei die Branche nur verhalten optimistisch: "Die Leute drehen den Euro immer noch zweimal um, bevor sie ihn ausgeben." "Die Leute geben weniger Geld aus, wir merken das", sagt auch Klaus Müller vom Heide-Park Soltau in der Lüneburger Heide. "2002 hatten wir einen heftigen Besucherrückgang, jetzt versuchen wir, mit neuen Ideen gegenzusteuern." So wurden die Gastronomie aufgepeppt und Gruppen- und Seniorentickets deutlich im Preis gesenkt. Außerdem soll der Park in den Ferien bis 21 Uhr geöffnet bleiben. Währenddessen will die Merlin Entertainments Group weiter wachsen. Das Unternehmen, das seinen Gewinn vor Steuern in Europa zuletzt um 12,5 Prozent auf 12,5 Millionen Euro steigern konnte, setzt dabei vor allem auf die Sea-Life-Zentren, die im Schnitt 300 000 Besucher pro Jahr locken. Allein in Deutschland werden 25 Millionen Euro investiert. In Speyer wurde gerade ein Riesenaquarium eröffnet, Berlin folgt Ende des Jahres, Oberhausen im Herbst 2004. "Wir werden bis Ende 2004 Deutschlands größter Anbieter von Freizeitattraktionen sein", kündigt Konzernchef Nick Varney gegenüber dem Abendblatt an.





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