17.06.11

Europas Schicksalsfrage

Darf Griechenland pleitegehen? Wirtschaftsforscher antworten

Staatspleite hinnehmen oder Griechenland retten? Vier Wirtschaftsforscher beantworten im Abendblatt die Schicksalsfrage Europas.

Foto: picture alliance / dpa/ANA-MPA
Die Europäische Union und die Euro-Partner wollen unterdessen die drohende Staatspleite Griechenlands mit einem neuen Zeitplan für die Hilfsleistungen abwenden
Die Europäische Union und die Euro-Partner wollen unterdessen die drohende Staatspleite Griechenlands mit einem neuen Zeitplan für die Hilfsleistungen abwenden

Hamburg. Einen Tag nach den gewalttätigen Protesten in Athen gegen die Sparprogramme der griechischen Regierung hat sich der Streit über die weiteren Hilfsprogramme unter den Europäern verschärft. Während Deutschland eine Beteiligung privater Gläubiger wie Banken fordert, lehnen Frankreich und die Europäische Zentralbank einen solchen Weg ab. Auch renommierte Wirtschaftswissenschaftler in Norddeutschland sind über den richtigen Umgang mit dem schuldengeplagten Staat uneins, wie eine Umfrage des Abendblatts ergeben hat.

Während der Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, eindringlich vor einer ungeordneten Staatspleite Griechenlands warnt, sieht dies sein Kollege vom Institut für Öffentliche Finanzen an der Universität Hannover, Stefan Homburg, undramatisch: "In der Geschichte hat es Hunderte Staatspleiten gegeben, zudem ist Griechenland relativ klein." Straubhaar fürchtet dagegen, dass Griechenland nach einer Insolvenz keine neuen Kredite zu vernünftigen Konditionen erhalten würde, "was die griechische Wirtschaft ins Chaos stürzt". Die Pleite führe zum Dominoeffekt und könnte andere schwache Kandidaten wie Portugal oder Irland ins Taumeln bringen.

Das sagen die Experten zur Schicksalsfrage Europas:

Professor Stefan Homburg: Steuerzahler schonen

Professor Thomas Straubhaar: Staatspleite verhindern

Professor Rudolf Hickel: Marshallplan auflegen

Professor Rolf Langhammer: Pro Schuldenschnitt

Eine Beteiligung privater Gläubiger an dem notwendigen weiteren Hilfspaket über 90 bis 120 Milliarden Euro findet unter allen befragten Ökonomen dagegen einhellige Zustimmung. "Dem Schuldenproblem ist nur durch einen Schuldenschnitt beizukommen - und zwar eher hart als weich. Dazu müssen alle beitragen, auch die privaten Gläubiger, Banken und die Europäische Zentralbank, sonst wäre der unbeteiligte Steuerzahler der einzig Leidtragende", urteilt Rolf Langhammer, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Doch mit einer Umschuldung alleine sei es nicht getan, betont Rudolf Hickel, Direktor des Bremer Instituts für Arbeit und Wirtschaft: "Wichtiger ist noch, dass für Griechenland ein Modernisierungsprogramm - im Sinne eines Marshallplans - gestartet wird, um die marode Wirtschaft anzukurbeln." Sonst drohe dem Land eine Elendsökonomie.

Die Europäische Union und die Euro-Partner wollen unterdessen die drohende Staatspleite Griechenlands mit einem neuen Zeitplan für die Hilfsleistungen abwenden. Zunächst soll die Auszahlung der im Juli fälligen zwölf Milliarden Euro an Athen gesichert werden. Diesen Beschluss erwartet EU-Währungskommissar Olli Rehn vom Krisentreffen der Euro-Finanzminister am Sonntag und Montag in Luxemburg. Ein neues Rettungspaket mit der umstrittenen Beteiligung privater Geldgeber könnte später folgen. Erst am 11. Juli sollten die Minister über zusätzliche Griechenland-Hilfen entscheiden: "Damit vermeiden wir das Szenario eines Zahlungsausfalls." Ein endgültiger Beschluss ist nach Angaben aus Verhandlungskreisen erst im September möglich - vor der nächsten Kredittranche an Athen. Heute berät Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) darüber mit Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy. Der unter Druck stehende griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou, der sein Kabinett umbilden will, sieht sich jetzt einer Revolte in seiner sozialistischen Partei gegenüber. Zwei prominente Abgeordnete legten aus Protest gegen den Sparkurs ihr Mandat nieder. Es wird erwartet, dass Papandreou am Sonntag im Parlament die Vertrauensfrage stellt.

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