Euro-Master statt Meister
Handwerk: Kammerpräsident Peter Becker über die Zukunft des Meistertitels, die EU-Ost-Erweiterung und die Sehnsucht der Menschen nach einer überschaubaren Welt
ABENDBLATT: Herr Becker, 2000 bis 3000 Arbeitsplätze sollen im Hamburger Handwerk dieses Jahr entstehen. Woher kommt Ihr Optimismus?
BECKER: Es gibt einen Trend zurück zum Leben im eigenen Stadtviertel, der den kleinen Handwerksbetrieben entgegenkommt. In einer Welt, die immer unpersönlicher wird, sehnen sich die Menschen nach Überschaubarkeit und Vertrauen, wie auch eine Studie der Technischen Universität Harburg festgestellt hat. Da bieten sich für fast alle Gewerke, vom Tischler bis zum Elektriker, neue Chancen.
ABENDBLATT: Im Augenblick sehnen sich die Kunden doch eher nach allem, was billig ist.
BECKER: Der Handwerker aus dem eigenen Viertel ist günstig, allein schon wegen der kürzeren Anfahrtwege. Die Leute sparen Geld, weil ihnen nur die effektive Arbeitszeit berechnet wird und haben gleichzeitig einen Handwerker, den sie kennen und dem sie vertrauen können. Viele Betriebe und damit Arbeitsplätze können in den Quartieren entstehen. Dazu müssen wir aber auch stadtplanerisch wieder zu einer stärkeren Vermischung von Wohnen und Arbeiten kommen.
ABENDBLATT: Wer soll die neuen Firmen denn gründen?
BECKER: Ich gehe davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland weiter zunehmen wird. Diejenigen, die ihren Job verlieren, werden praktisch gezwungen sein, neue Unternehmen zu gründen, um der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Sie müssen wir ermutigen und ihnen klarmachen, dass es Spaß macht, sein eigener Chef zu sein.
ABENDBLATT: Also das, was die Bundesregierung mit dem Hartz-Konzept und der Ich-AG vorhat.
BECKER: Nein, die Ich-AG ist ein großer Schwindel, eine Scheinselbstständigkeit hoch fünf. Wir brauchen anständige Unternehmen, nicht welche, wo die Leute ein bisschen vor sich hinwurschteln. Erst hat die Regierung die Scheinselbstständigkeit bekämpft, nun rudert sie zurück und schafft sie selbst. Das bringt kaum Arbeitsplätze.
ABENDBLATT: Was denn?
BECKER: Hier in Hamburg würde es schon helfen, wenn die Politiker die Existenzgründer, die es ohnehin schon gibt, mehr unterstützen würden, auch ideell. Wenn ich sehe, dass es der Senat gerade einmal schafft, einen Staatsrat zu unserer Meisterfeier mit 400 Meistern und 300 Diplomanden der Technischen Universität zu schicken, dann habe ich den Eindruck, dass den künftigen Existenzgründern nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird.
ABENDBLATT: Viele der Jungunternehmer werden in den kommenden Jahren erhebliche Konkurrenz von Firmen aus Polen oder Tschechien bekommen. Sind die Hamburger Firmen auf die EU-Ost-Erweiterung gut vorbereitet?
BECKER: Zunächst einmal ist die Ost-Erweiterung eine riesige Chance für unsere Firmen, weil sich ganz neue Absatzmärkte auftun. Es bietet sich auch die Möglichkeit, Vorprodukte aus Polen zu beziehen und sie hier weiterzuveredeln. Oder die Hamburger können Joint-Ventures in Osteuropa gründen. Um das zu fördern, wollen wir zusammen mit den norddeutschen Landesregierungen und den Kammern eine Förderungsschiene aufbauen. Dazu gehört auch der Aufbau eines gemeinsamen Büros. Über die Handwerks-Hanse haben wir bereits exzellente Kontakte nach Polen.
ABENDBLATT: Gleichzeitig werden aber polnische Firmen auf den deutschen Markt drängen.
BECKER: Das wird zu einem Aufbrechen verkrusteter Strukturen, auch im Tarifgefüge führen müssen. Damit die deutschen Handwerker weiter wettbewerbsfähig sein können, müssen sie etwa die Löhne flexibler und leistungsgerechter gestalten können.
ABENDBLATT: Ein polnischer Handwerker kann sich hier aber ohne Meisterbrief bald selbstständig machen, ein deutscher kann das nicht.
BECKER: Ich sehe den Meisterbrief eher als Wettbewerbsvorteil, der den Unternehmern das nötige Rüstzeug für die Selbstständigkeit vermittelt und die Qualität sichert. Aber es wird künftig weitere Ausnahmeregelungen geben. Derzeit diskutieren wir im ZDH (Zentralverband des deutschen Handwerks), ob man nicht auch selbstständige Teiltätigkeiten erlaubt, etwa für Fugen oder Estrich legen.
ABENDBLATT: Wäre es nicht konsequenter, sich vom Meisterzwang zu verabschieden, anstatt immer neue Ausnahmeregelungen zu schaffen?
BECKER: Es geht eher darum, die deutsche Meisterausbildung, die in Ländern wie Frankreich oder England einen guten Ruf besitzt, weiterzuentwickeln. Etwa in Form eines Euro-Masters für ganz Europa. Gleichzeitig muss der Meistertitel auch gegenüber der universitären Ausbildung aufgewertet werden. In Deutschland arbeiten wir gerade an einer dualen, vierjährigen Ausbildung, die die handwerkliche Lehre mit einem Studium an der Fachhochschule und dem Meisterbrief verbindet.
ABENDBLATT: Gibt es den Meisterzwang in zehn Jahren in Deutschland noch?
BECKER: Es wird ihn für bestimmte Gewerke, bei denen die Sicherheit eine große Rolle spielt, weiter geben. In anderen Gewerken kann ich mir den Meistertitel auch als reines Qualitätssiegel vorstellen.
Interview: BOB GEISLER














