Energiepolitik
Hohe Strompreise schaden der Industrie
Geht es um eine neue Energiepolitik, zählt für Jürgen Hambrecht die Wettbewerbsfähigkeit. Die Solarträumer schert das alles nicht.
Foto: dpa
Die aktuelle Diskussion um die Energie- und Klimapolitik in Deutschland und Europa gleicht mittlerweile einem absurden Theaterstück, in dem jede Woche der Vorhang für einen neuen Akt aufgezogen wird. So preschte Umweltminister Norbert Röttgen vor einigen Tagen mit der Regieanweisung vor, das Einsparziel für Treibhausgase in der Europäischen Union von 20 auf 30 Prozent zu erhöhen. Zuvor hatte schon Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamts, eine surreale Traumszene inszeniert. Sie soll uns vorgaukeln, dass Deutschland bis zum Jahr 2050 die komplette Stromversorgung auf erneuerbare Energien umstellen kann: Windenergie, Solarstrom, Biomasse, Wasserkraft und Geothermie spielen die Hauptrolle – Kernenergie, Kohle und Erdgas treten von der Bühne ab. Dieser Vorschlag hat mit volkswirtschaftlichem Realismus nichts zu tun. Als seichtes politisches Sommertheater kann man ihn aber nicht einfach auf die Seite schieben. Es steht viel zu viel auf dem Spiel!
Das präsentierte Szenario fußt auf zahlreichen, oft unsicheren Annahmen. Dazu gehören zum Beispiel heute noch nicht verfügbare Speichertechnologien oder immense Reduktionen des Stromverbrauchs, obwohl neue Anwendungen wie Elektromobilität noch hinzukommen. Fragen nach Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit werden erst gar nicht gestellt. Bei der Suche nach einem nachhaltigen, sprich ökonomisch, ökologisch und sozial verantwortlichen Energiemix der Zukunft hilft das nicht weiter. Politische Weichenstellungen brauchen Sinn für Realität, nicht Wunschdenken!
Nicht nur der Blick in die Zukunft, sondern schon die Gegenwart zeigt, wo in der Energie- und Klimapolitik Hausaufgaben zu machen sind. So kostet der massive Ausbau der erneuerbaren Energien bei der Stromversorgung den deutschen Bürger bereits rund zehn Milliarden Euro im Jahr. Tendenz steigend! Weder für den Klimaschutz noch für die Innovationsfähigkeit wird damit viel erreicht. Dagegen schaden die im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hohen Strompreise vor allem der Industrie – dem Rückgrat unserer Volkswirtschaft. Insbesondere energieintensive Branchen wie die Stahl- oder die Chemieindustrie brauchen langfristig kalkulierbare Energiepreise, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit sichern. Dafür müssen Politik und Wirtschaft unbedingt an einem Strang ziehen. Keine Partei und kein Industriezweig darf sich dabei aus der Verantwortung stehlen. Die Stromversorgung auf ein Minimum an CO*-Ausstoß umzustellen wird von allen befürwortet. Unverantwortlich ist aber, dafür Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen.
Gerade die chemische Industrie leistet einen entscheidenden Beitrag, um CO*-Emissionen zu reduzieren. Ehrgeizige und erfolgreich umgesetzte Maßnahmen in der Fertigung sowie unzählige Produkt-Innovationen für alle Branchen von der Automobil- bis zur Bauindustrie belegen dies. Ohne chemische Produkte dreht sich kein Windrad und funktioniert keine Solarzelle. Dabei weist die chemische Industrie selbst eine glänzende Klimabilanz auf: Ihre Produkte sparen über den gesamten Lebenszyklus durchschnittlich mehr als doppelt so viele Emissionen ein wie bei ihrer Herstellung erzeugt werden.
Wir brauchen also keine Nachhilfe in puncto Klimaschutz, sondern eine verlässliche Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen. Ein Ausfall des Stromnetzes käme uns alle sehr teuer zu stehen. Allein mit erneuerbaren Energien kann die Stabilität des Stromnetzes nicht gewährleistet werden: Wind- und Sonnenenergie unterliegen starken natürlichen Schwankungen. So liefern Solarpaneele in Deutschland nicht einmal 1000 Stunden Strom pro Jahr. Nur rund zehn Prozent des maximalen Strombedarfs lassen sich durch diese Technologie sicher abdecken. Zudem fehlen Technologien, mit denen die so erzeugte Energie effizient gespeichert werden kann. Zum Ausgleich von Schwankungen muss deswegen ein Großteil des Stroms aus konventionellen Quellen wie Kohle- und Gaskraftwerken bereitgehalten werden. An diesen Tatsachen kommen wir nicht vorbei. Das ist für das Klima trotzdem keine schlechte Nachricht. Denn bereits heute lässt sich aus fossilen Energieträgern dank Technologien wie der Kraft-Wärme-Kopplung klimafreundlich Strom erzeugen. Und ein Blick über die Grenzen zu unseren Nachbarn in Schweden, Finnland, Großbritannien und Frankreich zeigt, dass eine lösungsorientierte Laufzeitverlängerung unserer sicheren Kernkraftwerke einen noch größeren Beitrag leisten kann. Warum will ausgerechnet Deutschland auf diesen wirtschaftlich sinnvollen Klimaschutz verzichten?
Bevor wir deshalb den Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland weiter massiv erhöhen, muss vor allem geklärt werden, wie die Stromspeicherung ausgebaut werden kann und wie der Strom überhaupt zu den Verbrauchern gelangen soll. Allein für die offiziell vorgesehene Steigerung des Anteils der Windenergie am deutschen Stromverbrauch müssten weit über tausend Kilometer neue Leitungen gebaut werden. Wer ist bereit, in den Ausbau der Netze zu investieren, wenn es keine Genehmigungen, geschweige denn Anreize dafür gibt?
Statt alles blind auf die Karte der erneuerbaren Energien zu setzen, sollte die deutsche Politik mit offenen Augen alle Optionen prüfen und die besten weiterentwickeln. Eine breit angelegte Energieforschung, die von der Erzeugung über die Speicherung und den Transport bis hin zum Verbrauch alle Wertschöpfungsschritte einbezieht, ist unbedingt erforderlich.
Mit anderen Worten: Wir brauchen dringend ein realistisches Drehbuch für eine integrierte Energie- und Klimapolitik, die unserem Land weiterhin eine Hauptrolle auf der internationalen Bühne der Wirtschaftsmächte sichert. Deshalb dürfen wir nicht zulassen, dass am Industriestandort Deutschland wegen einer traumtänzerischen Energiepolitik das Licht ausgeht und der Vorhang fällt.
Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der BASF





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