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Wirtschaft

Warenhäuser

Insolvenzverwalter will Karstadt bis Ende April verkaufen

Es geht ums Überleben: Klaus-Hubert Görg reicht seinen Sanierungsplan ein. Mitarbeiter und Vermieter verzichten auf Millionen Euro.

In vielen Filialen hält sich Karstadt nur noch mit Rabattaktionen über Wasser.
Foto: AP

Essen. Es sind Bilder wie die im Haus von Karstadt Sport in Recklinghausen, die Mitarbeiter, Vermieter und Stadtväter in Panik versetzen: Hier steht noch ein Stapel mit Restpaaren von Sportschuhen, dort hängen ein paar Ski- und Laufsachen. In der Mitte des Erdgeschosses findet sich ein Rondell mit alten Deutschland-Trikots von 2008, am Rande liegen hölzerne Kleiderbügel, Reste von Schaufensterfiguren - und dazwischen erstreckt sich sehr viel leere Fläche: Ausverkauf, alles muss raus! Das Haus in der City der Ruhrgebietsstadt macht dicht und wirkt an seinen letzten Tagen genau so trostlos wie zwölf andere Karstadt-Häuser, die jetzt dasselbe Schicksal ereilt.

Damit wenigstens die übrigen 120 Karstadt-Standorte überleben und rund 26.000 Mitarbeiter ihre Jobs behalten können, hat Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg am Montag beim Essener Amtsgericht den sogenannten Insolvenzplan eingereicht, nach monatelanger Arbeit und Abstimmung mit allen Interessengruppen. Er soll die Voraussetzung für den Verkauf der Kette bis Ende April schaffen. Der Plan ist der letzte Versuch, um das zu verhindern, was Görg schon bei der einstigen Schwestermarke Quelle/Primondo zulassen musste: die Zerschlagung. Also der Verkauf der besten Stücke einerseits und die Schließung und Abwicklung des Restes andererseits.

Seit Ende Februar studieren sechs Finanzinvestoren die Bücher von Karstadt, darunter sollen knallharte Sanierer wie Permira, Blackstone, Texas Pacific, Cerberus und Sun Capital sein. Das Ganze läuft streng vertraulich: Die Namen der Interessenten tauchen aus Gründen der Geheimhaltung im Verfahren nicht direkt auf, sie sind durch Codenamen von Weltmetropolen ersetzt. Einige dieser Gesellschaften hatten sich vor Monaten schon die Zahlen der ebenfalls insolventen Quelle-Mutter Primondo angeschaut - doch am Ende hatte keiner ein Angebot abgegeben. Ob jetzt bei Karstadt einer von ihnen zuschlägt und alle 120 Häuser übernimmt, weiß bisher kein Mensch.

Insolvenzverwalter Görg jedenfalls lässt seit Wochen Optimismus verbreiten: "Das Unternehmen ist nach der Insolvenz schuldenfrei. Wir hatten ein sehr gutes Weihnachtsgeschäft und haben ein Liquiditätspolster in dreistelliger Millionenhöhe angelegt". Der Insolvenzplan stehe auf einer breiten Basis, sowohl die Geschäftsleitung, als auch der Ausschuss der Leitenden Angestellten und der Gesamtbetriebsrat stünden dahinter. Der Betriebsrat spricht zudem von schwarzen Zahlen im Geschäft der ersten Hälfte des im Oktober begonnenen Geschäftsjahres. Ist Karstadt also ein Schnäppchen für Investoren?

Eher nicht. Beobachter halten es für möglich, dass der Verwalter sein mühsam geschnürtes Paket mit Namen Insolvenzplan am Ende doch wieder aufschnüren muss und so die Rettung der gesamten Kette riskiert. In dem Papier für das Gericht, das eigentlich "Raus-aus-der-Insolvenz-Plan" heißen müsste, sind nämlich alle Eckwerte für den Neustart des Unternehmens mit neuem Eigentümer festgelegt: unter anderem der abermalige Verzicht der Mitarbeiter auf 160 Millionen Euro sowie Mietreduzierungen im dreistelligen Millionenbereich - aber auch die Verpflichtung, alle verbliebenen 120 Waren- und Sporthäuser zu übernehmen.

Diese Eckwerte sind wie in Stein gemeißelt. Wird auch nur einer verändert, fliegt der gesamte Plan auseinander. So kann ein Investor etwa nicht für 119 oder 118 Häuser bieten - er muss alle 120 nehmen, es gibt keinen Verhandlungsspielraum. Das hat die Gläubigersammlung dem Insolvenzverwalter ins Aufgabenbuch geschrieben, um eine Rosinenpickerei um die besten Standorte auf Kosten der schlechteren zu verhindern.

Der Käufer muss zudem alle Häuser bis mindestens Herbst 2011 betreiben. An diese Bedingung nämlich ist der Sanierungstarifvertrag mit den Arbeitnehmern und ihrer Gewerkschaft Ver.di gebunden. Verstößt der neue Eigentümer dagegen und schließt eines der Häuser vorher, wird möglicherweise der Verzicht der Mitarbeiter auf die 160 Millionen Euro Urlaubs- und Weihnachtsgeld hinfällig. Und genau dieses Alles-oder-nichts-Prinzip ist das große Risiko für den Karstadt-Verkauf. Beobachter halten es für höchst unwahrscheinlich, dass tatsächlich alle 120 Häuser auf Dauer wirtschaftlich zu betreiben sind. Wer also sollte sich eine juristische Verpflichtung zum dauerhaften Komplettbetrieb ans Bein binden?

Viele der Finanzinvestoren, die jetzt als Interessenten gehandelt werden, wissen zudem aus Erfahrung, wie hart der deutsche Textilmarkt ist. Permira etwa hat sich bei Takko und Hugo Boss eingekauft und soll insbesondere mit der Nobelmarke nicht sehr glücklich sein. Cerberus musste mit Woolworth deren Insolvenz durchleiden. Und Sun Capital hat an seiner Mehrheit am Versender Neckermann - der früheren Quelle-Schwester - nur bedingt Freude, obwohl er sie geschenkt bekommen hat.

So ist es nicht überraschend, dass bereits Gerüchte über neue Forderungen der Interessenten etwa nach weiteren Mietreduzierungen die Runde machen, um das wirtschaftliche Risiko für den Fall eines Einstiegs zu reduzieren.

Dass die Vermieter zu weiteren Einschnitten bereit sind, gilt nach Informationen der WELT ONLINE jedoch als höchst unwahrscheinlich. "Dann kann man gleich den Deckel drauf machen und das Investment unter 'hoffnungslose Forderungen' abhaken", heißt es im Umfeld der Hausbesitzer. Die hohen Mieten, die die Eigentümer Highstreet und Oppenheim-Esch verlangten, galten als einer der Gründe für die Insolvenz der Warenhauskette und ihres Mutterkonzerns Arcandor im Juni 2009.

Doch mit der Pleite werden die oft als Abzocker titulierten Hauseigentümer selber zu Opfern. Inzwischen mussten beide Vermietergruppen dem Insolvenzverwalter mit dem Verzicht auf Millionenbeträge entgegen kommen, um den Mieter zu behalten. Die Investoren des Hauptvermieter Highstreet, einer Tochter der US-Bank Goldman Sachs, stornierten bereits vereinbarte Mieterhöhungen von 150 Millionen Euro für die nächsten fünf Jahre. Die Zeichner der umstrittenen Fonds von Oppenheim-Esch, denen die Karstadt-Häuser in Leipzig, Potsdam, Karlsruhe und München (Oberpollinger) gehören, wollen gar auf ein Drittel ihrer Ansprüche verzichten. Das erfuhr die WELT ONLINE von einer Person, die mit den Vorgängen vertraut ist. Die Jahresmiete für die vier Häuser hatte danach zuletzt rund 33,5 Millionen Euro betragen.

Erstmals wurde nach WELT ONLINE-Informationen bei den Oppenheim-Esch-Objekten unter dem Druck der Insolvenz auch eine Umsatzkomponente in die Mietverträge eingebaut: Laufen die Geschäfte in den Häusern schlechter, muss Karstadt weniger Miete zahlen. Eine solche Flexibilisierung hatte es zuvor in den Oppenheim-Esch-Verträgen nicht gegeben. Das führte dazu, dass Karstadt in den Oppenheim-Esch-Häusern - gemessen am Umsatz - jahrelang deutlich mehr Miete zahlen musste als seine Konkurrenten. Der Konzern hatte sogar eine Rückstellung in dreistelliger Millionenhöhe anlegen müssen, um die Mieten bezahlen zu können. Frühere Versuche der Konzernführung, die Miete zu reduzieren, waren gescheitert. Ein Sprecher von Oppenheim-Esch wollte die Informationen der WELT ONLINE nicht kommentieren.

Die Fonds des Bankhauses Sal. Oppenheim und des Projektentwicklers und Steuerspar-Experten Josef Esch waren nicht nur wegen der Miethöhe in die Kritik geraten, sondern auch, weil zu den Investoren Thomas Middelhoff und seine Frau gehören. Das Ehepaar investierte Millionen in die Warenhaus-Fonds - allerdings bevor Thomas Middelhoff zunächst Aufsichtsrats- und dann Vorstandschef bei der Karstadt-Mutter KarstadtQuelle/Arcandor wurde. Esch ist auch Middelhoffs Finanzberater. Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt gegen Middelhoff, weil der Verdacht besteht, Middelhoff habe als Aufsichtsratschef von KarstadtQuelle auf eine Klage gegen seinen privaten Geschäftspartner Esch verzichtet, die dem Unternehmen möglicherweise Millionenzahlungen hätte einbringen können. Middelhoff bestreitet die Aussicht auf einen juristischen Erfolg.

Die jüngsten Zugeständnisse der beiden Vermietergruppen dürften die Renditeträume ihrer Investoren gründlich über den Haufen geworfen haben. Denn sie hatten ihre Investments in Karstadt-Immobilien steuersparend größtenteils fremdfinanziert, manche sogar zu 100 Prozent. Das Problem nach dem Millionenverzicht: Die Kreditzinsen laufen unverändert weiter, während die Mieteinnahmen sinken. Die Rendite schrumpft, wenn es denn unter den neuen Voraussetzungen überhaupt noch eine gibt. "Mehr ist da jetzt wirklich nicht drin", heißt es im Vermieterumfeld mit Blick auf die knauserigen Kaufinteressenten.

Sollten all die Verpflichtungen und Verstrickungen rund um den Insolvenzplan dazu führen, dass am Ende keiner der Investoren die komplette Karstadt-Kette kaufen will, bleibt wohl nur die Zerschlagung. Interessenten für die Filetstücke gibt es bereits: Sport Scheck, eine Tochter des Hamburger Otto-Konzerns, interessiert sich für die 26 verbleibenden Sport-Häuser. Metro, die Mutter der Warenhauskette Kaufhof, möchte Karstadt-Häuser übernehmen, allerdings wohl höchstens 50 bis 60.

Das Problem sind dann die übrigen, also die schlechteren Standorte. Ihnen droht im Falle der Konzern-Filetierung die Schließung - und damit den Mitarbeitern der Verlust ihrer Arbeitsplätze und den Hauseigentümern Komplett-Mietausfälle. Die Tristesse des Ausverkaufs aus dem Recklinghauser Sporthaus von Karstadt dürfte sich dann auch in vielen Städten ausbreiten.

Quelle: Welt Online (Hagen Seidel/dpa/abendblatt.de)

 

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