Vitali Klitschko
„Wer sagt, er habe keine Angst, der lügt"
Zweimal war der 38-jährige Ukrainer Vitali Klitschko bei Bürgermeisterwahlen in Kiew unterlegen. Aber der vielmalige Boxweltmeister gibt nicht auf. Der Mensch kann sich mit dem Erreichten nicht begnügen, er braucht immer eine Steigerung. Und er glaubt an die Chancen seiner Heimat.
Welt am Sonntag : Nach Ihrem Punktesieg über Kevin Johnson im Dezember bedauerten Sie, dass ein Kampf nur zwölf Runden dauert, denn in der 13. hätte Ihrem Gegner der Knock-out geblüht. Ist ein Sieg nach Punkten unbefriedigend?
Vitali Klitschko : Es gibt keinen überzeugenderen Sieg als durch K.o. Denn er hinterlässt bei keinem Zuschauer Zweifel.
Welt am Sonntag : Auch bei einem Punktesieg müssen keine Zweifel aufkommen.
Klitschko : Ich habe eindeutig gewonnen. Aber ein Punktesieg ist weniger interessant.
Welt am Sonntag : Kann sich ein Mensch mit Erreichtem begnügen ?
Klitschko : Nein, er braucht immer eine Steigerung. Wenn er stehen bleibt, entwickelt er sich nicht und wird unglücklich. Die Menschen brauchen eine Herausforderung – einen Motor, der sie antreibt.
Welt am Sonntag : Auch in der Hochkonjunktur wollten die Leute immer mehr und stürzten sich in riskante Kredite. Fehlte vor der Wirtschaftskrise die staatliche Kontrolle?
Klitschko : Diese Frage betrifft den ganzen Globus. Wir sollten sie nicht mit dem normalen Streben verbinden. Die Finanzwelt wurde vor der Krise künstlich aufgeblasen und entsprach nicht mehr der wirtschaftlichen Realität. Wie die Geschichte zeigt, tauchen Krisen in gewissen Abständen auf. Schon Karl Marx glaubte, dass das kapitalistische Modell den Softwarefehler der Überproduktion hat.
Welt am Sonntag : Wie halten Sie selbst die Balance zwischen Realität und Übermaß?
Klitschko : Jeder glaubt zu wissen, dass er die Grenze nicht überschreitet. Aber in Wahrheit ist die goldene Mitte nicht immer leicht zu spüren. Als Menschen machen wir Fehler und müssen aus ihnen lernen. Deshalb habe ich Kritik lieber als Komplimente, von denen ich ohnehin genug erhalte. Selbst sieht man die Schwachpunkte ja nur schwer. Denn wir sind von Natur aus egoistisch. Jeder will vollkommen sein, aber keiner ist es.
Welt am Sonntag : Die Ukraine geriet durch die Krise an den Rand des wirtschaftlichen Kollaps. Durch eigene Schuld?
Klitschko : Bei uns ist die wirtschaftliche Krise mit der politischen zusammengetroffen. Daher ist es auch doppelt so schwer, sie zu überwinden, weil viel von der Politik abhängt. Diese ist jetzt noch dazu in erster Linie mit den Präsidentenwahlen beschäftigt. Aber ich bleibe Optimist. Die Ukraine hat ein riesiges Potenzial. Die Frage ist, ob wir es nutzen werden oder weiter schlafen und auf bessere Zeiten warten. Vertröstungen auf eine heile Zukunft haben wir schon im Kommunismus erlebt. Ich aber will nicht auf die Zukunft warten. Es wird an uns liegen, wie viel Kraft wir investieren.
Welt am Sonntag : Wo investiert ein Mensch wie Sie, der viele Millionen verdient, sein Geld in Zeiten wie diesen?
Klitschko : (lacht) In der Deutschen Bank.
Welt am Sonntag : Sie sagten einmal, elementare Dinge, die im Westen in Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren, seien in der Ukraine nicht vorhanden. Was meinen Sie damit?
Klitschko : Lebensstandards. Wir brauchen viel Know-how, um diese ganze Struktur zu entwickeln. Kiew ist voll mit Autos, aber es fehlen Parkhäuser. Vergangenes Jahr war Rudy Giuliani, der Ex-Bürgermeister von New York, mein Gast und hat mich darauf hingewiesen, dass Kiew keine Parkgebühren verlangt. New York nimmt Milliarden von Dollar pro Jahr an Parkgebühren ein. Das ist nur ein Beispiel. Es braucht Arbeitsplätze, Reformen in Medizin und im Sozialwesen. Ich habe im Westen gewohnt und kenne den Unterschied. Ich genieße es auch, eine Brücke in den Westen sein zu können. Wir müssen das westliche Modell verbreiten, um nicht auf der Stelle zu treten. Denn wer auf der Stelle tritt, fällt in Wahrheit zurück.
Welt am Sonntag : Ist die orange Revolution tot?
Klitschko : Es geht in der Ukraine um eine politische Evolution. Andere hatten hundert Jahre Zeit. Die Ukraine hatte nur 20 Jahre. Trotzdem gibt es viel zu kritisieren. Von der Revolution geblieben ist eine sehr große Enttäuschung. Auf jeden Fall aber ist die Ukraine demokratischer geworden. Und die Presse frei.
Welt am Sonntag :Kann der Revolutionsgegner und nun neue Präsident Wiktor Janukowitsch das Rad zurückdrehen?
Klitschko : Ich denke, er wird diesen Fehler nicht machen. Die Gesellschaft hat sich seit 2004 geändert, sich an demokratische Strukturen und an ein Freiheitsgefühl gewöhnt. Macht er diese Standards zunichte, könnte ein Aufstand folgen, der seine politische Zukunft gefährdet. Zudem hat er selber den Wunsch geäußert, neue politische Wege in Richtung Europa zu gehen.
Welt am Sonntag : Das Image der Ukraine ist angekratzt. Ihre Klitschko Management Group berät Investoren. Warum sollen die in die Ukraine kommen?
Klitschko : Mit ihrer geopolitischen Lage hat die Ukraine ein riesiges Entwicklungspotenzial. Sie grenzt an viele Länder und besitzt wichtige Bodenschätze. Und die Ukrainer sind Europäer, sodass sich Investoren hier – im Unterschied etwa zu China – nicht umzustellen brauchen. Ich glaube, dass die Präsidentenwahlen einen neuen Schub geben für neue Wege und Gesetze und neue Möglichkeiten für Investoren. Es gibt viel zu tun.
Welt am Sonntag : Ein dunkler Fleck der Ukraine ist die Korruption.
Klitschko : Wenn es ein Mittel gäbe, würde man es nutzen. Wir müssen sukzessive die Räume für die Korruption einengen. Und das Justizsystem reformieren. Es ist das Fundament für die Gesellschaft.
Welt am Sonntag : Sie betreiben auch Ihre Vermarktung selbst. Außerdem besitzen Sie die Promotion-Agentur K2. Ist das Boxgeschäft krisenresistent?
Klitschko : Nein, denn wir sind von unseren Partnern abhängig. Etwa von Fernsehen und Werbung. Aber wir stehen fest auf dem Boden, haben viele Ideen, Energie und sehr professionelle Mitarbeiter.
Welt am Sonntag : Gehen Sie langfristig in die Politik, und Bruder Wladimir übernimmt das Geschäft?
Klitschko : Ja. Wenn man erfolgreich sein will, muss man sich auf seine Sache konzentrieren.
Welt am Sonntag : Wie erklären Sie sich dann, dass Sie zweimal bei den Bürgermeisterwahlen in Kiew unterlegen sind?
Klitschko : Am leichtesten wäre jetzt eine Ausrede. Aber klarerweise trage ich die Verantwortung selbst. Ich habe es nicht geschafft, die Leute von meinen Ideen zu überzeugen. Ich brauche noch mehr Professionalität und Erfahrung in der Politik. Daran arbeite ich jeden Tag fleißig.
Welt am Sonntag : In fünf Jahren könnten Sie bei den Präsidentenwahlen kandidieren. Viele wünschen sich ohnehin einen Generationswechsel.
Klitschko : Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Ich möchte nicht darüber spekulieren. Aber die jetzigen politischen Figuren sind schon seit zehn Jahren die gleichen, hatten die Möglichkeiten für Veränderungen, setzten aber nichts um. Viele Leute sind es leid, dieselben Gesichter zu sehen. Die jetzigen Wahlen waren daher für viele Politiker ein Schwanengesang, der Anfang vom Ende.
Welt am Sonntag : Es gibt eine Anekdote über Sie: Wenn Sie Präsident wären, könnten Sie nach Russland fahren und vom Judokämpfer Putin genug Gas rausschlagen.
Klitschko : Ich kannte diese Anekdote nicht.
Welt am Sonntag : Wie sollte die Ukraine mit Russland als Nachbarland umgehen?
Klitschko : Ob wir wollen oder nicht, wir müssen mit Russland leben. Viele Politiker in der Ukraine sagen stolz, man brauche Russland nicht. Andere sagen, wir müssten uns Russland zuwenden. Ich denke, die Ukraine muss eine Art Schweiz in Osteuropa sein. Man muss nicht unbedingt in die EU eintreten, wofür in den nächsten Jahren ohnehin wenig Chance besteht. Zuerst müssten wir europäische Standards einführen. Wir brauchen eine Außenpolitik, die pragmatisch und freundschaftlich ist, aber egoistisch unsere Interessen verteidigt. Wir haben mit Russland sehr enge Verbindungen. Die nationalistischen Stimmen arbeiten in Wahrheit gegen die Interessen der Ukraine.
Welt am Sonntag : Also keine Angst vor Russland?
Klitschko : Nein. Wir müssen gegenseitig voneinander profitieren.
Welt am Sonntag : Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?
Klitschko : Wenn jemand sagt, er habe keine Angst, dann lügt er. Angst liegt in der Natur. Angst, krank zu werden oder die Familie zu verlieren.
Welt am Sonntag : Was bedeutet Tod für Sie? Sie betreiben einen gefährlichen Sport.
Klitschko : Ich möchte den Tod nicht mit meinem Sport in Verbindung bringen. Aber ich möchte eines sagen: Geburt und Tod sind gleiche Phänomene. Die Geburt ist ein Geheimnis, der Tod auch. Nach der Geburt stehen wir jede Sekunde vor dem Risiko zu sterben.
Welt am Sonntag : Haben Sie Angst vor dem Tod?
Klitschko : Nein, warum sollte ich davor Angst haben? Ich hoffe nur, dass nach meinem Tod eine gute Erinnerung an mich zurückbleibt.
Welt am Sonntag : Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Klitschko : Ich hoffe, es gibt eines. Aber ich weiß nicht, ob es so ist.
Interview: Eduard Steiner





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