Kritik an Daimler-Chef Dieter Zetsche
Harburger Mercedes-Belegschaft sauer über Formel-1-Neueinstieg
Die Beschäftigten im Harburger Mercedes-Werk sind verärgert über den Neueinstieg des Unternehmens in die Formel 1.
Betriebsratschef Norbert Dehmel vor dem Mercedes-Werk in Harburg. Er kritisiert die Formel-1-Entscheidung scharf.
Foto: Ingo Röhrbein
Hamburg. Die Kritik an dem Neueinstieg von Mercedes in die Formel 1 reißt nicht ab. Nachdem bereits der Betriebsratsvorsitzende Erich Klemm die Entscheidung von Daimler-Chef Dieter Zetsche nicht nachvollziehen konnte, hält sie auch der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer für falsch. "Das Unternehmen handelt sich viele Risiken ein, kann aber nichts gewinnen", sagt der Direktor des Car-Instituts an der Universität Duisburg-Essen dem Abendblatt. Ärgerlich regierte gestern auch der Betriebsratsvorsitzende des Hamburger Mercedes-Werks, Norbert Dehmel: "Die Entscheidung ist im Werk nicht erklärbar."
Den Neustart der Mercedes-Silberpfeile will sich Daimler-Chef Dieter Zetsche (wie berichtet) zusammen mit dem Großaktionär Aabar aus Abu Dhabi 123,65 Millionen Euro kosten lassen. Dafür wollen beide 75,1 Prozent des Weltmeisterteams von Brawn übernehmen. Allerdings wird durch den Verkauf der 40-prozentigen Beteiligung von Mercedes an McLaren in den kommenden zwei Jahren eine dreistellige Millionensumme an Daimler zurückfließen. Die Beteiligung an dem Rennstall wird auf bis zu 200 Millionen Euro geschätzt.
Mit dem eigenen Werksteam wollen die Schwaben aber offenbar auch beweisen, dass der Rückzug von Honda, BMW und Toyota übereilt war. Seine Entscheidung, glaubt Zetsche, "wird von dem ein oder anderen neidisch betrachtet werden".
Da ist Dudenhöffer anderer Meinung. "Mercedes steht für Sicherheit, Komfort und hat eine weitgehend ältere Kundschaft etwa um Mitte 50. Wie soll man denen die Formel 1 schmackhaft machen?" Ohnehin gebe es für die Rennen in der Premiumklasse Probleme mit der Akzeptanz in der Gesellschaft.
Neue Techniken für die Automobilproduktion ließen sich aus der Formel 1 ohnehin kaum ableiten. "Man kann alles kostengünstiger und schneller entwickeln, wenn man sich direkt um Innovationen bemüht", sagt Dudenhöffer. Schließlich sei da auch noch das Risiko eines Megaunfalls, der auf das Image des deutschen Herstellers zurückfallen könne. "Mercedes kann nur verlieren", so sein Fazit. "Es wird kein Auto mehr verkauft. Dafür stehen aber pro Saison Kosten von 300 Millionen Euro zu Buche."
"Frust und Ärger" hat die Entscheidung für die Formel 1 auch im Harburger Werk verursacht. "Es gibt keine Stimme dafür. Was den Vorstand da geritten hat, ist nicht nachzuvollziehen", sagt Betriebsratschef Dehmel. Hintergrund: Nachdem in diesem Jahr zunächst Kurzarbeit im Werk galt, arbeiten die 2600 Beschäftigten jetzt statt 35 nur noch knapp 32 Stunden pro Woche und müssen niedrigere Entgelte in Kauf nehmen. Dennoch werden derzeit auch an Sonnabenden Schichten gefahren, wenn bestimmte Achsen, Lenkungen oder andere Komponenten für neue Fahrzeuge gebraucht werden. "Die Kollegen fragen, warum die Arbeitszeitverkürzung nicht wieder zurückgenommen wird", sagt Dehmel. Denn sie haben nun über das gesamte Jahr hinweg Lohneinbußen in Kauf nehmen müssen. Nun fließen aber Millionen in den Rennsport statt für die Beschäftigten. "Jetzt machen viele ihrem Unmut auch beim Betriebsrat Luft", sagt Dehmel.
Nächste Gelegenheit, die Entscheidung zu diskutieren, ist morgen. Dann treffen sich in Stuttgart Betriebsräte und der Personalvorstand zu einer Sitzung.





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