Traditions-Versandhaus muss aufgeben
Die Quelle ist versiegt - das Ende einer langen Tradition
Der Pionier unter den Versandhändlern war lange Zeit auch der größte. Nun ist das Fürther Unternehmen am Ende - während der Hamburger Konkurrent Otto im Zenit des Erfolgs steht. Was haben die einen falsch und die anderen richtig gemacht? Eine Analyse von Olaf Preuß
Foto: dpa/DPA
Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, so heißt es in dem alten Gassenhauer von Udo Jürgens. Gestern wurde Madeleine Schickedanz 66. In der Nacht zuvor hatte der Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg mitgeteilt, dass der Versandhändler Quelle Deutschland, der zum Arcandor-Konzern gehört, abgewickelt wird. Quelle, das ist das Erbe der Madeleine Schickedanz, das Lebenswerk ihrer Eltern, Fundament für das Milliardenvermögen und in den vergangenen Jahren zunehmend Bürde für die Tochter. Ein Markenname, dessen Strahlkraft sie nie gerecht werden konnte, werden wollte oder auch beides. Nun ist es vorbei.
Er war der Größte, er war der "Versandhauskönig" der 50er- und 60er-Jahre. Gustav Schickedanz hatte Quelle zum führenden deutschen Versandhändler der Nachkriegszeit gemacht, er war ein "Wirtschaftswunder"-Unternehmer wie Josef Neckermann oder Werner Otto. Doch Schickedanz war erfolgreicher als seine Konkurrenten, denn er wusste noch besser, wie man große Krisen meistert und große Chancen nutzt. Schon 1927 hatte Schickedanz sein Versandunternehmen gegründet. Er führte Quelle durch die Weltwirtschaftskrise, durch die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg in die Bundesrepublik.
Zu seiner Beerdigung im Frühjahr 1977 in Fürth erwiesen ihm seine früheren Rivalen Otto und Neckermann die Reverenz, neben rund 25 000 anderen Trauergästen. Mit dem Tod des Gründers endete die Glanzzeit des Hauses. Grete Schickedanz, große Liebe und zweite Frau des Patriarchen, selbst eine virtuose Unternehmerin, zögerte den Abstieg noch ein paar Jahre hinaus. Zur deutschen Einheit erlebte Quelle seine letzte Blüte. Dann begann der Niedergang des großen Namens.
Unternehmen steigen auf und fallen, sie wachsen und sie scheitern. Das Drama der Marktwirtschaft und ihrer Akteure lässt sich am Beispiel der großen deutschen Versandhändler fast idealtypisch verfolgen. Für Quelle läutet die Totenglocke - der alte Konkurrent Otto Versand aber ist heute Teil des familieneigenen Weltkonzerns Otto Group, Kern eines kerngesunden Unternehmen mit 123 Tochterfirmen und mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz.
Kontinuität ist der entscheidende Unterschied in den Geschichten beider Häuser. "Der Gründer Werner Otto wie auch später sein Sohn Michael haben intensiv und erfolgreich am Unternehmen gearbeitet, und sie haben langfristige Strategien verfolgt", sagt Karl-Werner Hansmann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. "Sie haben eine Unternehmenskultur geschaffen, die lebendig ist. Das begründet wesentlich den heutigen Erfolg." Bei einem Familienunternehmen, sagt Hansmann, sei das zwar leichter umzusetzen als etwa in einer börsennotierten Aktiengesellschaft: "Entscheidend ist aber letztlich, ob sich ein Unternehmen entwickeln kann."
Dem Haus Quelle war das seit den 90er-Jahren nicht mehr vergönnt. Vor zehn Jahren fusionierte der Versandhändler mit dem Warenhauskonzern Karstadt. Es wirkte wie eine Ironie der Geschichte, dass zu Karstadt damals bereits seit langer Zeit auch Neckermann gehörte, einst der härteste Rivale von Quelle im deutschen Versandgeschäft. Unter dem neuen Konzerndach KarstadtQuelle AG trieben beide Richtung Abgrund.
Karstadt und Quelle, so berichteten Handelsexperten seit Jahren, hätten nie zusammengefunden, weder in ihren Firmenkulturen noch in ihren Technologien. Und schon gar nicht im Hinblick auf "Synergien", wie Betriebswirte die Spareffekte aus dem Zusammenschluss von Unternehmen bezeichnen. Vor allem Karstadt entpuppte sich im zurückliegenden Jahrzehnt unter einem mehrfach wechselnden Topmanagement als schwerer Sanierungsfall. "Quelle ging es noch vergleichsweise gut", sagt Karl-Werner Hansmann, "aber das Unternehmen wurde von Karstadt mitgerissen."
Der vorletzte Karstadt-Chef, Thomas Middelhoff, trat 2005 als tatkräftiger Sanierer beim einst führenden deutschen Warenhauskonzern an. Zu Beginn dieses Jahres verließ er den Konzern, den er in Arcandor umgetauft hatte, mit der Bemerkung, er übergebe das Unternehmen seinem Nachfolger "nicht vollständig besenrein", aber "wohlgeordnet und aufgeräumt". Monate später war Arcandor insolvent.
Quelle hatte keine Chance, sich aus dem Sog des Mutterkonzerns zu befreien und mit einer frischen Ausrichtung neu zu starten: "Arcandor hat bei Quelle straffe Renditevorgaben gesetzt und die Substanz des Versandhauses ausgesaugt", sagt ein Kenner des Unternehmens, der nicht genannt werden will. "Quelle wurden die Investitionen gestrichen und die Gewinne geraubt."
Otto hingegen verzeichnete in den vergangenen Jahren ein stetes Wachstum, vor allem im Ausland. Im Inland stieg das Unternehmen zum führenden Versandhändler auf. War Quelle einst der größte Paketkunde der Deutschen Post, ist die Otto-Tochter Hermes heutzutage der wichtigste Konkurrent der Post im inländischen Geschäft mit der Paketzustellung. "Otto hat in den vergangenen Jahren vieles viel besser gemacht als der Konkurrent Quelle", sagt Ulf Kalkmann, der Sprecher des Hamburger Einzelhandelsverbands. "Otto hat die Vermarktung über das Internet konsequenter genutzt und mit seinen Katalogen stärker auf einzelne Zielgruppen gesetzt."
Die Schlacht der großen alten Namen am deutschen Versandhandelsmarkt ist geschlagen. Es war eine harte Schlacht. Etliche kleinere Unternehmen wie Bader, Bauer, Heine oder Schöpflin verloren schon vor Jahren und Jahrzehnten ihre Eigenständigkeit und landeten bei den Marktführern. Der letzte Kampf der alten Zeit endete in der Nacht zum Dienstag mit dem Aus für Quelle. Der Wettbewerb der Zukunft findet zwischen denen statt, die übrig blieben, und neuen Anbietern vor allem im Internet. "Dank steigender Umsätze im E-Commerce ist der Versandhandel ein zukunftssicherer Wachstumsmarkt", sagt Christoph Wenk-Fischer vom Bundesverband des Deutschen Versandhandels.
Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat ihr Erbe nicht gemehrt, sondern es verspielt. Vielleicht ist es ein Glück für sie.







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