30.06.13

Umfrage

Die Elite fürchtet Überalterung in Deutschland

Das Wissenschaftszentrum Berlin hat Führungskräfte gefragt, was für sie die größte Herausforderung für Deutschland ist. Das Ergebnis überrascht, weil die Elite kaum sektorenübergreifend denkt.

Von Flora Wisdorff
Foto: dpa

Theresia Ostrowski (r), Betreuungskraft im Demenzzentrum Molbergen (Niedersachsen), unterhält sich mit einer 78 Jahre alten Bewohnerin Elfriede Foerster
Theresia Ostrowski (r), Betreuungskraft im Demenzzentrum Molbergen (Niedersachsen), unterhält sich mit einer 78 Jahre alten Bewohnerin Elfriede Foerster

Zu alt, zu deutsch, zu hilflos: Deutschlands Elite sieht den demografischen Wandel als größte Herausforderung für Deutschland. Das ergab eine neue Studie des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) mit dem Titel "Entscheidungsträger in Deutschland: Werte und Einstellungen", die der "Welt" exklusiv vorliegt.

"Die Führungskräfte wissen, dass der demografische Wandel kommt, und sie erkennen, dass wir zu wenig tun, um uns darauf einzustellen. Sie empfinden eine gewisse Hilflosigkeit", sagt Jutta Allmendinger, Präsidentin des WZB. Deswegen sei das Problemempfinden so groß bei dem Thema. "Sie sehen die Herausforderung, scheitern aber an der Umsetzung von Lösungen."

Das WZB hat zwischen Oktober 2011 und Oktober 2012 insgesamt 354 Inhaber von Spitzenpositionen aus zentralen Bereichen der Gesellschaft befragt. Es ist die erste sektorübergreifende und Erhebung unter deutschen Führungskräften seit 1995.

Keine gemeinsame Lösungen

Die WZB-Chefin kritisiert die Eliten vor allem dafür, dass sie offenbar nicht in der Lage sind, gemeinsam Lösungen für das Demografieproblem zu entwickeln. Gerade beim Thema demografischer Wandel müssten Politik, Wissenschaft und Wirtschaft aber dringend kooperieren. "Es fehlt jedoch das Verständnis für den jeweils anderen."

Den demografischen Wandel nennen 60 Prozent der Befragten an erster Stelle der Probleme, denen sich Deutschland auf lange Sicht stellen muss – noch vor Wirtschafts-, Finanz- und Staatskrisen (48 Prozent).

Dementsprechend sind die Entscheider dafür, das Land für Zuwanderer zu öffnen: 71 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass man jedem die Einreise ermöglichen sollte, solange Arbeitsplätze vorhanden sind.

90 Prozent der Befragten glauben, dass Einwanderung das Zusammenleben bereichert und gut für die deutsche Wirtschaft ist.

An dritter Stelle sehen die Entscheider soziale Probleme wie gesellschaftlichen Zusammenhalt und Ungleichheit. Ähnlich gewichten die Entscheider die nachhaltige Entwicklung (Ressourcen, Klima, Umwelt und Energie) – 28 Prozent von ihnen sehen diese beiden Themen als wichtiges Problem.

Die Zukunft Europas und die internationale Rolle Deutschlands werden nur von 19 Prozent als Problem identifiziert, genauso wie Bildung und Wissenschaft.

Positives Zukunftsbild

Aber trotz aller Probleme zeigen sich die meisten der Befragten optimistisch und zeichnen ein positives Zukunftsbild: Auf die offene Frage, wie sie Deutschland in zehn Jahren sähen, antwortete fast die Hälfte der Befragten mit positiven Ausblicken, während lediglich 14 Prozent eher negative Zukunftsbilder entwerfen.

Aber offensichtlich gibt es auch in Deutschland in den nächsten Jahren noch genug zu tun. Die meisten (63 Prozent) sind der Meinung, dass mehr staatliche Unternehmen privatisiert werden sollten. Und 89 Prozent glauben, dass Wettbewerb eine gute Sache ist.

Zudem sind fast alle Befragten der Meinung, dass es für Deutschland wichtig ist, offen für den Welthandel zu bleiben. Die Eliten sind also wirtschaftlich offenbar eher liberal eingestellt.

Geschockt waren aber wohl viele über die Wucht der Finanzkrise 2008. Viele sind paradoxerweise völlig konträr zu ihrer eher liberalen Grundeinstellung offenbar der Meinung, dass sich hier die Politik zu weit zurückgezogen hat. Als Gründe für die Krise im Banken- und Finanzsektor sehen 60 Prozent der Befragten Deregulierung und mangelnde politische Kontrolle. Kritisiert wird aber auch die übermäßige öffentliche und private Verschuldung.

Nur 35 Prozent der Entscheider sehen der Studie zufolge Spekulationsblasen und den damit verbunden Zusammenbruch von Banken als Ursache für die Krise, die 2008 ausbrach. Nur ein Viertel der Entscheidungsträger nennen Gier als Krisenauslöser. "Bereits bei der Ursachenanalyse zeigt sich eine klare Verantwortungszuweisung an die Politik, während die individuellen oder wirtschaftsinternen Verfehlungen weniger eine Rolle spielten", heißt es in der Eliten-Studie.

Eliten fordern mehr Kontrolle

Mehr staatlicher Einfluss im Finanzbereich ist deshalb eine wichtige Forderung der Eliten, um künftige Exzesse am Finanzmarkt besser kontrollieren oder sogar verhindern zu können: Als wichtigste Konsequenzen, die aus der Finanzkrise gezogen werden sollen, sehen sie mehr Regulierung und die Reform des Bankensystems. Danach folgt Haushaltskonsolidierung und eine "bessere europäische Politik bezüglich Wirtschafts- und Finanzfragen".

Grundsätzlich ist das Vertrauen in die Europäischen Institutionen wie Kommission und Parlament sowie die Bundesregierung aber intakt. Beide sind handlungsfähig, glauben die Führungskräfte: Der EU wird von fast genau vielen Führungskräften ein starker Einfluss zugesprochen (92 Prozent) wie der Bundesregierung (94 Prozent).

Unter den internationalen Organisationen hat der IWF eine herausragende Rolle: Die Hälfte der Befragten glaubt, der Fonds habe Einfluss auf das Geschehen in Deutschland.

Auch multinationalen Unternehmen wie Siemens wird ein starker oder sehr starker Einfluss zugeschrieben. Insgesamt 50 Prozent sind dieser Meinung.

Mit Blick auf die Finanzwirtschaft steigt dieser Anteil noch einmal deutlich: 73 Prozent glauben, dass die großen Unternehmen wie die Deutsche Bank in diesem Bereich großen Einfluss haben. Das sei ein "deutliches Indiz für die immense Bedeutung, die privatwirtschaftlichen Entscheidungen in Zeiten der globalen Finanzkrise zugeschrieben werde", heißt es in der Studie.

Merkel genießt hohes Ansehen

Die Bundesregierung um Kanzlerin Angela Merkel (CDU) genießt ein positives Ansehen: Sie sei am ehesten lösungskompetent, glauben 84 Prozent der Befragten. Bei der EU finden das immerhin 57 Prozent. Und die Elite sieht sich in der Pflicht, die Lösung von gesellschaftlichen Problemen anzugehen. Die gesellschaftliche Verantwortung sei bei der Elite sehr ausgeprägt, sagt WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger.

Zwei Drittel der Interviewten sehen gesellschaftliche Verantwortung als wichtiges Motiv, eine Spitzenposition angestrebt zu haben. Nur der Gestaltungswille wurde noch öfters als Motivation genannt.

Allerdings gibt es Unterschiede in den unterschiedlichen Bereichen. In der Politik wird das Motiv gesellschaftliche Verantwortung erwartungsgemäß am häufigsten angegeben. In der Wirtschaft und der Verwaltung werde hingegen vergleichsweise oft Ehrgeiz als Motiv genannt.

Diese Bereiche seien der Öffentlichkeit eher entzogen und hätten andere Aufstiegsanforderungen als die Politik, schreiben die WZB-Forscher. Interessant sind auch die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Für die Hälfte der Frauen in Führungspositionen sind finanzielle Anreize am unwichtigsten als Motiv, aufsteigen zu wollen. Nur ein Viertel der Männer sieht dies genauso.

Persönlicher Ehrgeiz ist das Hauptmotiv von 31 Prozent der Männer, aber nur von 23 Prozent der Frauen. Insgesamt ist die Führungsschicht nach Ansicht der Autoren "keineswegs entkoppelt von gesamtgesellschaftlichen Problemen".


Deutschlands größte Probleme
Foto: Infografik Die Welt Deutschlands größte Probleme
Quelle: DW
12.06.13 4:35 min.
Die Gesellschaft altert, und das hat Auswirkungen auf Unternehmen. BMW versucht, diese Herausforderung zu meistern. Entstanden sind Arbeitsplätze, die Alten und Jungen gleichermaßen gut bekommen.
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