30.06.13

Verfahren

Bernard Tapie könnte Sarkozy in den Abgrund reißen

Bernard Tapie, Ex-Besitzer von Olympique Marseille, wird bandenmäßiger Betrug vorgeworfen. Sogar Sarkozy soll in einen Skandal um Adidas verwickelt sein. Die Liste der Verurteilungen Tapies ist lang.

Von Gesche Wüpper
Foto: picture-alliance / dpa/afp

Bernard Tapie (M), umgeben von Polizisten, 1997 auf dem Weg zum Gericht im nordfranzösischen Bethune
Bernard Tapie (M), umgeben von Polizisten, 1997 auf dem Weg zum Gericht im nordfranzösischen Bethune

Barfuß, nur mit einem grünen Pyjama bekleidet, wurde der Mann den Richtern vorgeführt. Er, der eigentlich als einer der schillerndsten Geschäftsmänner Frankreichs gilt, als Tausendsassa, der es aus ganz einfachen Verhältnissen nach oben geschafft hat: Bernard Tapie. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wurde der heute 70-Jährige sogar zur Persönlichkeit des Jahres und zum attraktivsten Franzosen nach Alain Delon gewählt. Doch von dem Glanz, der ihn einst umgab, war zuletzt wenig zu spüren. Nun wird es ernst für Tapie – wieder einmal.

Nach vier Tagen Verhör und vier Nächten in Polizeigewahrsam hat die französische Justiz gegen den Ex-Besitzer des Fußballvereins Olympique Marseille am Freitag ein offizielles Verfahren wegen "bandenmäßigen Betrugs" eingeleitet. Es geht um den Schiedsspruch zum Weiterverkauf des Sportartikelherstellers Adidas.

Die Staatsanwaltschaft hegt den Verdacht, die Entscheidung des Schiedsgerichts, das Tapie 2008 eine Entschädigung in Höhe von 400 Millionen Euro zusprach, sei von vorneherein abgekartet gewesen. Die Schiedsrichter hätten mit Tapies Rechtsanwälten Geschäftsbeziehungen unterhalten.

Bereits seit fast zwei Jahren untersucht die Justiz das Schiedsgerichtsverfahren. Seit einigen Wochen sorgen die Ermittlungen in Frankreich beinahe täglich für neue Schlagzeilen. Denn die Tapie-Affäre hat alles, was einen guten Wirtschafts-Krimi ausmacht. Immerhin geht es nicht nur um einen der umstrittensten Manager des Landes, sondern auch um eine der bekanntesten Marken der Welt, eine namhafte französische Bank, den Verdacht auf Korruption und nicht zuletzt um zahlreiche Politiker.

Es droht eine Kettenreaktion

Das Verfahren gegen Tapie droht eine Kettenreaktion auszulösen, bei der bekannte Köpfe rollen könnten. Denn neben Tapie sollen auch Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, die ehemalige Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, inzwischen Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), sowie ihr damaliger Büroleiter Stéphane Richard, heute France-Télécom-Chef, in die Affäre verwickelt sein.

Welche Rolle sie genau gespielt haben, ist unklar. Doch Beobachter spekulieren, dass Sarkozy hinter dem Entschluss Lagardes steckt, ein privates Schiedsgericht einzusetzen. Die Tapie zugesprochenen Millionen seien ein Dankeschön dafür gewesen, dass der Geschäftsmann ihn 2007 im Wahlkampf unterstützte.

"Diese Unterstellung ist vollkommen lächerlich", schreibt Tapie in seinem neuen Buch "Un scandal d'Etat, oui!" ("Ja, ein Staatsskandal!"). "Er schuldete mir nichts, und ich schulde ihm ebenfalls nichts." Er könne diejenigen, die glaubten, Sarkozy mit Hilfe der Affäre schaden zu können, nur warnen, dass dem ehemaligen Präsidenten im Zusammenhang damit nichts anzuhaben sei.

Bei Lagardes Entscheidung vor fünf Jahren sei es ihm nur darum gegangen, einen neuen jahrelangen Rechtsstreit zu vermeiden, beteuert der Sohn eines Schlossers und einer Pflegehelferin. Immerhin hatten Tapie und die ehemals staatliche Bank Crédit Lyonnais zum Zeitpunkt der Entscheidung bereits seit 15 Jahren vor diversen Gerichten gestritten.

Kauf von Adidas 1990

Der Geschäftsmann, der als Tür-zu-Tür-Verkäufer von Fernsehern begann, sich dann aber auf die Akquisition von insolventen Firmen spezialisierte und 1986 den Club Olympique Marseille übernahm, hatte den Sportartikelhersteller 1990 gekauft. "Das Geschäft meines Lebens", schreibt er in seinem Buch. Er sei damals seinem Instinkt gefolgt. Angesichts der Mediatisierung von Sportereignissen, des Rummels um Spitzensportler und des bei Jugendlichen angesagten Sportswear-Trends sei er sich des Potenzials der Marke mit den drei Streifen bewusst gewesen.

Dem Unternehmen ging es damals allerdings gar nicht gut. 1989, also vor der Übernahme durch Tapie, verbuchte Adidas einen Verlust von 130 Millionen Mark. Er habe einen "unglaublich niedrigen Preis" für den Sportartikelhersteller gezahlt, erklärte Tapie damals, ohne Details nennen zu wollen. In seinem Buch gibt er den Kaufpreis mit rund 244 Millionen Euro an. Ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass Experten den Wert von Adidas seinerzeit mit 400 bis 500 Millionen Euro deutlich höher schätzten.

Als Tapie dann 1992 von dem damaligen sozialistischen Regierungschef Pierre Bérégovoy zum Städteminister ernannt wurde, beauftragte er seine Hausbank Crédit Lyonnais mit dem Weiterverkauf. Das staatliche Finanzinstitut, das heute der Bank Crédit Agricole gehört, durfte allerdings weder selber kaufen, noch von dem Verkauf profitieren. Doch laut Tapie hat sie genau das getan und dafür Scheinfirmen in Steuerparadiesen benutzt.

1995 brachte Dreyfus Adidas an die Börse

Die Marke mit den drei Streifen wechselte für 317,9 Millionen Euro den Besitzer. Gleichzeitig, so Tapie, habe Crédit Lyonnais mit dem Geschäftsmann Robert Louis-Dreyfus einen Geheimbund geschlossen. Dieser hätte sofort 15 Prozent von Adidas übernommen, mit der Option, zwei Jahre später das gesamte Unternehmen zu dem festgelegten Kaufpreis von 670,8 Millionen Euro zu übernehmen, was dann auch geschehen sei. Die Differenz hätte die Bank für sich kassiert, sagt Tapie. 1995 dann brachte Louis-Dreyfus Adidas für umgerechnet 1,68 Milliarden Euro an die Börse.

Tapie stritt bereits damals mit Crédit Lyonnais vor Gericht um den Weiterverkauf, bei dem er sich von der Bank geprellt fühlte. Immerhin, schreibt er in seinem Buch, sei die Restrukturierung des deutschen Sportartikelherstellers vor allem ihm zu verdanken. Die Zahlen sprächen für sich, erklärt er.

Eine Behauptung, die Branchenkennern wie Vincent Beaufils nur ein müdes Lächeln entlocken. "Tapie schreibt die Geschichte neu", urteilt der Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins "Challenges". Denn Tapies "Restrukturierungen" hätten dazu geführt, dass Adidas 1992 einen hohen Verlust gemacht hätte. Experten schätzten ihn damals auf mehr als 60 Millionen Euro. Offenbar waren die Zahlen schlechter als erwartet, so dass die britische Pentland-Gruppe, der die Sportmarke Speedo gehört, in letzter Minute einen Kaufvertrag platzen ließen.

Lagarde richtet Schiedsgericht ein

Dennoch urteilte das von Ex-Wirtschaftsministerin Christine Lagarde eingesetzte Schiedsgericht 2008, dass der auch als Schauspieler tätige Tapie beim Weiterverkauf von Adidas durch Crédit Lyonnais geprellt worden sei. Es sprach ihm deshalb einen Schadensersatz von 400 Millionen Euro inklusive Zinsen zu. Dem charismatischen Unternehmer, der damals pleite war, kam die Finanzspritze gerade recht, auch wenn laut Schätzungen von Experten nur die Hälfte des Geldes tatsächlich ausgezahlt wurde.

Doch das genügte Tapie, um sich Villen in Saint-Tropez und im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine, eine Motoryacht, einen Bombardier-Business-Jet sowie die Hälfte der Mediengruppe Hersant zu kaufen. Der Gruppe gehören mit "La Provence", "Nice Matin" und "Var Matin" die wichtigsten Regionalzeitungen Südfrankreichs.

Sollte Tapie nun tatsächlich wegen bandenmäßig organisierten Betrugs der Prozess gemacht werden, drohen ihm bis zu zehn Jahre Gefängnis sowie eine Geldstrafe von mehreren Millionen Euro. Damit nicht genug, denn das Consortium de Réalisation (CDR), das als eine Art Bad Bank nach der Fast-Pleite von Crédit Lyonnais 1993 gegründet wurde, hat inzwischen Berufung gegen den umstrittenen Schiedsspruch eingelegt. Nicht auszuschließen also, dass der ehemalige Sänger und Formel 3-Pilot die Entschädigung wieder zurückzahlen muss.

Es ist nicht das erste Mal, dass der 70-Jährige Ärger mit der Justiz hat. Die Liste seiner Verurteilungen ist lang. Sie beginnt 1981, als ein Gericht in Paris anordnet, dass der damals 37-Jährige Jean-Bedel Bokassa vier Schlösser zurückgeben muss. Tapie hatte sie dem ehemaligen Kaiser der zentralafrikanischen Republik nach dessen Sturz für einen Spottpreis abgekauft, indem er ihn glauben machte, dass sie beschlagnahmt werden sollten.

Gefängnisstrafe wegen eines getürkten Fußballspiels

1995 dann wurde Tapie im Zusammenhang mit einem getürkten Fußballspiel von Olympique Marseille gegen Valenciennes zu zwei Jahren Gefängnis wegen Beihilfe zu Korruption und Bestechung von Zeugen verurteilt. Nach 165 Tagen wurde er unter Auflagen entlassen. In der Zwischenzeit hatte ihn 1996 ein Gericht in Nordfrankreich wegen Unterschlagung zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung sowie einer Geldstrafe von 46.000 Euro verdonnert.

Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Tapie seine Stellung als Chef des Messinstrumente-Herstellers Testud ausnutzte, um mit Hilfe des Unternehmens einen Kredit zu bekommen, den er für die Übernahme einer anderen Firma sowie den Kauf von Fußballspielern für Olympique Marseille nutzte.

Zwei Jahre später wurde der schillernde Geschäftsmann wegen Steuerbetrugs zu 18 Monaten Gefängnis, davon zwölf auf Bewährung, verurteilt. Und schon ein weiteres Jahr darauf sprach ihn ein Gericht in zweiter Instanz wegen Unterschlagung bei Olympique Marseille schuldig. Tapie bekam drei Jahre Haft auf Bewährung, verlor fünf Jahre seine Bürgerrechte und musste 45.000 Euro zahlen.

Dennoch ist Bernard Tapie jedes Mal wieder auf die Beine gekommen und gibt sich auch diesmal kämpferisch. An diesem Montag will sich das Stehaufmännchen in den Abendnachrichten des französischen Fernsehens zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit dem Adidas-Schiedsspruch äußern – im feinen Zwirn.

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