01.03.13

Italien-Schelte

Briten springen Steinbrück in Clown-Debatte bei

Wenigstens ein Volk versteht den Humor von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück – die Engländer. Der "Economist" fordert: "Schickt die Clowns rein." Und auch ein Profi-Witzbold schaltet sich ein.

Es ist nicht leicht, in diesen Tagen Peer Steinbrück zu sein. Klartext wollte er reden, hatte der SPD-Kanzlerkandidat am Dienstagabend versprochen und die beiden italienischen Politiker Silvio Berlusconi und Beppe Grillo als Clowns bezeichnet. Auf den Klartext folgte Ärger: Italiens Staatschef Giorgio Napolitano sagte beleidigt ein Abendessen mit Steinbrück im "Adlon" ab, die italienische Presse verspottete ihn als "Rüpel".

Die FDP nannte Steinbrück ein "außenpolitisches Sicherheitsrisiko", Linke-Chef Bernd Riexinger fand, die Äußerungen seien "kein Ausweis außenpolitischer Schlauheit", und auch aus der Union, dem Grünen-Lager und selbst aus den eigenen Reihen kam teils harsche Kritik.

Roncalli-Chef Bernhard Paul sah sogar die "Clown-Gilde verunglimpft". Er fühle sich durch Steinbrücks Äußerungen "vor den Kopf gestoßen", schrieb der Zirkuschef dem SPD-Politiker in einem Brief, der der Nachrichtenagentur AFP vorlag. "Ich bin mindestens so beleidigt wie der italienische Präsident", fügte er hinzu.

In dem Schreiben erinnerte Paul daran, dass die Figur des Clowns Literaten, Filmemacher und Maler inspiriert habe. Steinbrück benutze das Wort "nun als Schimpfwort für fragwürdige Politiker". "Es grüßt Sie ein trauriger Clown", hieß es am Ende des Schreibens.

"Send in the clowns"

Zumindest ein Volk versteht jedoch Steinbrücks Humor, wie sich am Freitagmorgen am Kiosk zeigte: die Engländer. Das alterwürdige Magazin "Economist", bekannt durch seinen scharfen Witz und preisgekrönt für seine Titelbilder, sprang Steinbrück zur Seite.

Auf den Titel der aktuellen Ausgabe druckte der "Economist" ein Bild von Grillo und Berlusconi. Über dem Foto der beiden prangt die Überschrift "Send in the Clowns. How Italy's disastrous election threatens the future of the euro" – "Schickt die Clowns rein. Wie Italiens katastrophale Wahl die Zukunft des Euro bedroht".

Neben den Fotos der beiden Wahlgewinner hat das Magazin einige Fakten gegenübergestellt. Zu Grillo heißt es auf der linken Seite: hat 25 Prozent gewonnen; ist 64 Jahre alt; Beruf: Stand-up-Comedian; wirtschaftlicher Neuling; Parteilinie: "Alle Politiker sind Ganoven"; will die Rückzahlung der Staatsschulden aussetzen.

Rechts über Berlusconi heißt es: hat 30 Prozent gewonnen; ist (abgesehen von den Haaren) 76 Jahre alt; Beruf: horizontaler Premierminister; wirtschaftliche Tragikfigur; Parteilinie: "Komm mit mir in meine Casa ... und bring eine Freundin mit"; will nicht ins Gefängnis.

Unterstützung war keine Absicht

Steinbrück hätte seine wahre Freude an dem Cover – auch wenn er wohl nicht der Auslöser für das Titelbild war. "Wir hatten die 'Send in the Clowns'-Idee am Dienstag selber und bereiteten das Cover dementsprechend vor", sagte "Economist"-Chefredakteur John Micklethwait abendblatt.de.

Eine seiner Mitarbeiterinnen habe ihn dann am Mittwoch auf das Clown-Zitat von Steinbrück aufmerksam gemacht. "Wir haben daraufhin überlegt, das Cover zu ändern, uns aber dagegen entschieden."

Es sei also keine Absicht gewesen, Steinbrück zu unterstützen. "Wir freuen uns aber, dass in diesem Fall ein Politiker und eine Zeitung zur selben Schlussfolgerung gekommen sind", sagt Micklethwait.

Kritik an deutschem Sparkurs

Im Artikel selbst schließt sich der "Economist" übrigens auch einer von Steinbrück vertretenen Meinung an. Dass nämlich Deutschland mit seiner strikten Sparpolitik Mitschuld trägt an den Protestwahlen in Italien.

"Italiens politische Fieberkrämpfe unterstreichen die Notwendigkeit für Frau Merkel, ihr Rezept zu ändern", schreibt der "Economist". Bislang habe sich Europa auf viel Sparpolitik und wenig Reformen konzentriert – genau andersherum wäre es richtig.

Die Wahlergebnisse in Italien und auch in Frankreich zeigten ebenso wie die Proteste in Griechenland oder Spanien, dass die südlichen EU-Länder die Sparpolitik nicht länger unterstützen. Ohne Kompromiss könnte dieser Konflikt zum Auseinanderbrechen des Euro-Raums führen.

"Die nördlichen Mitglieder der Euro-Zone, speziell Deutschland, sollten sich bereitwilliger zeigen, die Nachfrage durch Steuerkürzungen und Ausgabenerhöhungen zu stimulieren."

Ironischerweise hätten Grillo und Berlusconi zumindest jeweils mit einer Sache recht behalten: "Herr Grillo hatte recht, was Italiens überbezahlte und korrupte Politiker angeht. Herr Berlusconi hatte recht, dass Austerität allein die Krise in Europa nicht lösen wird."


Der „Economist“ betitelt die Wahl in Italien mit Steinbrücks Clown-Vergleich
Foto: The Economist Der "Economist" betitelt die Wahl in Italien mit Steinbrücks Clown-Vergleich
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Gescheiterte Regierungen
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    Bei der Parlamentswahl im Februar 2011 wurde die wirtschaftsliberale Regierungspartei Fianna Fail unter Premierminister Brian Cowen abgestraft. Premier wurde Enda Kenny. In der neuen Regierung koaliert die konservative Fine Gael mit der linken Labour-Partei.

  • PORTUGAL

    Die sozialistische Regierung von José Sócrates wurde angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Juni 2011 abgewählt. Aber auch die neue liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho steht mächtig unter Druck. Das Land bleibt ein Sorgenkind der Euro-Zone.

  • ITALIEN

    Im November 2011 trat Silvio Berlusconi zurück. Lange hatte sich der Regierungschef auch mit knappen Mehrheiten im Parlament halten und alle Skandale überstehen können. Doch der Druck der Finanzmärkte und Absetzbewegungen im eigenen Lager ließen ihm schließlich keine Wahl mehr. Der frühere EU-Kommissar Mario Monti führte die Übergangsregierung an, bis er im Dezember 2012 zurücktrat und den Weg für Wahlen freimachte.

  • GRIECHENLAND

    In der Finanzkrise gab Ministerpräsident Giorgios Papandreou von der linken Pasok-Partei Ende 2011 auf. Seine Nachfolge trat der parteilose frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Lucas Papademos, an. Kurze Zeit später gaben die Euro-Finanzminister eine Nothilfe frei, ohne die das Land bald pleite gewesen wäre. Bei der Wahl im Mai 2012 verloren in Athen die Unterstützer des Sparprogramms die Mehrheit. Alle Versuche zur Regierungsbildung scheiterten. Aus der Neuwahl im Juni ging die konservative Partei Nea Dimokratia unter Antonis Samaras als Sieger hervor. Die neue Regierung wird von den Sozialisten der Pasok und der Demokratischen Linken unterstützt.

  • SPANIEN

    Die Krise bestimmte maßgeblich den Ausgang der vorgezogenen Parlamentswahl im November 2011. Die konservative Volkspartei (PP) gewann. Die Sozialisten, die das Land mehr als sieben Jahren regiert hatten, erlebten ein Debakel. Der PP-Chef Mariano Rajoy folgte auf den sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero.

  • SLOWAKEI

    Die christlich-liberale Premierministerin Iveta Radicova verknüpfte die erste Parlamentsabstimmung im Oktober 2011 über eine Ausweitung des Euro-Rettungsschirms EFSF mit der Vertrauensfrage und verlor. Im März 2012 gewann die Partei Smer-Sozialdemokratie mit Robert Fico klar die vorgezogene Parlamentswahl. Seit April ist Fico Ministerpräsident.

  • SLOWENIEN

    Seit Februar 2012 ist eine Mitte-Rechts-Regierung unter Janez Jansa im Amt. Die vorige Regierung stürzte, weil sie die rasant steigende Verschuldung nicht eindämmen konnte. Slowenien muss die explodierenden Kosten im Staatshaushalt und in den Sozialsystemen unter Kontrolle bringen.

  • NIEDERLANDE

    Im April 2012 brachte der Rechtspopulist Geert Wilders die Minderheitsregierung im Streit um deren Sparkurs zu Fall. Der rechtsliberale Ministerpräsident Mark Rutte sah sich gezwungen, bei Königin Beatrix den Rücktritt seines Kabinetts einzureichen. Im September gewann der Befürworter der Euro-Rettungspolitik erneut die Wahlen und schmiedete ein neues Regierungsbündnis mit den Sozialdemokraten.

  • FRANKREICH

    Die Wahlen zur Nationalversammlung im Juni 2012 bescherten den Sozialisten eine historische Machtfülle. Der sechs Wochen zuvor gewählte Präsident François Hollande muss bei seinen linken Reformplänen nicht mit parlamentarischem Gegenwind rechnen. Die Union für eine Volksbewegung (UMP) des im Mai abgewählten Präsidenten Nicolas Sarkozy stürzte erdrutschartig ab.

  • ZYPERN

    In der pleitebedrohten Inselrepublik löste nach einer Stichwahl der Konservative Nikos Anastasiades den linken Präsidenten Dimitris Christofias ab. Dieser war bei der Lösung der Finanzprobleme Zyperns erfolglos geblieben und nach fünf Jahren nicht zu einer zweiten Amtszeit angetreten. Der Präsident der Republik ernennt die Regierung und führt sie auch. dpa

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