01.03.13

Italien-Schelte Briten springen Steinbrück in Clown-Debatte bei

Von Tina Kaiser
Do, 28.02.2013, 15.42 Uhr

Bundespräsident Joachim Gauck trifft in Berlin Italiens Präsident Giorgio Napolitano. Von einem angespannten Verhältnis ist nichts zu merken, bis Napolitano auf Peer Steinbrück angesprochen wird.

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Wenigstens ein Volk versteht den Humor von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück – die Engländer. Der "Economist" fordert: "Schickt die Clowns rein." Und auch ein Profi-Witzbold schaltet sich ein.

Es ist nicht leicht, in diesen Tagen Peer Steinbrück zu sein. Klartext wollte er reden, hatte der SPD-Kanzlerkandidat am Dienstagabend versprochen und die beiden italienischen Politiker Silvio Berlusconi und Beppe Grillo als Clowns bezeichnet. Auf den Klartext folgte Ärger: Italiens Staatschef Giorgio Napolitano sagte beleidigt ein Abendessen mit Steinbrück im "Adlon" ab, die italienische Presse verspottete ihn als "Rüpel".

Die FDP nannte Steinbrück ein "außenpolitisches Sicherheitsrisiko", Linke-Chef Bernd Riexinger fand, die Äußerungen seien "kein Ausweis außenpolitischer Schlauheit", und auch aus der Union, dem Grünen-Lager und selbst aus den eigenen Reihen kam teils harsche Kritik.

Roncalli-Chef Bernhard Paul sah sogar die "Clown-Gilde verunglimpft". Er fühle sich durch Steinbrücks Äußerungen "vor den Kopf gestoßen", schrieb der Zirkuschef dem SPD-Politiker in einem Brief, der der Nachrichtenagentur AFP vorlag. "Ich bin mindestens so beleidigt wie der italienische Präsident", fügte er hinzu.

In dem Schreiben erinnerte Paul daran, dass die Figur des Clowns Literaten, Filmemacher und Maler inspiriert habe. Steinbrück benutze das Wort "nun als Schimpfwort für fragwürdige Politiker". "Es grüßt Sie ein trauriger Clown", hieß es am Ende des Schreibens.

"Send in the clowns"

Zumindest ein Volk versteht jedoch Steinbrücks Humor, wie sich am Freitagmorgen am Kiosk zeigte: die Engländer. Das alterwürdige Magazin "Economist", bekannt durch seinen scharfen Witz und preisgekrönt für seine Titelbilder, sprang Steinbrück zur Seite.

Auf den Titel der aktuellen Ausgabe druckte der "Economist" ein Bild von Grillo und Berlusconi. Über dem Foto der beiden prangt die Überschrift "Send in the Clowns. How Italy's disastrous election threatens the future of the euro" – "Schickt die Clowns rein. Wie Italiens katastrophale Wahl die Zukunft des Euro bedroht".

Neben den Fotos der beiden Wahlgewinner hat das Magazin einige Fakten gegenübergestellt. Zu Grillo heißt es auf der linken Seite: hat 25 Prozent gewonnen; ist 64 Jahre alt; Beruf: Stand-up-Comedian; wirtschaftlicher Neuling; Parteilinie: "Alle Politiker sind Ganoven"; will die Rückzahlung der Staatsschulden aussetzen.

Rechts über Berlusconi heißt es: hat 30 Prozent gewonnen; ist (abgesehen von den Haaren) 76 Jahre alt; Beruf: horizontaler Premierminister; wirtschaftliche Tragikfigur; Parteilinie: "Komm mit mir in meine Casa ... und bring eine Freundin mit"; will nicht ins Gefängnis.

Unterstützung war keine Absicht

Steinbrück hätte seine wahre Freude an dem Cover – auch wenn er wohl nicht der Auslöser für das Titelbild war. "Wir hatten die 'Send in the Clowns'-Idee am Dienstag selber und bereiteten das Cover dementsprechend vor", sagte "Economist"-Chefredakteur John Micklethwait der "Welt".

Eine seiner Mitarbeiterinnen habe ihn dann am Mittwoch auf das Clown-Zitat von Steinbrück aufmerksam gemacht. "Wir haben daraufhin überlegt, das Cover zu ändern, uns aber dagegen entschieden."

Es sei also keine Absicht gewesen, Steinbrück zu unterstützen. "Wir freuen uns aber, dass in diesem Fall ein Politiker und eine Zeitung zur selben Schlussfolgerung gekommen sind", sagt Micklethwait.

Kritik an deutschem Sparkurs

Im Artikel selbst schließt sich der "Economist" übrigens auch einer von Steinbrück vertretenen Meinung an. Dass nämlich Deutschland mit seiner strikten Sparpolitik Mitschuld trägt an den Protestwahlen in Italien.

"Italiens politische Fieberkrämpfe unterstreichen die Notwendigkeit für Frau Merkel, ihr Rezept zu ändern", schreibt der "Economist". Bislang habe sich Europa auf viel Sparpolitik und wenig Reformen konzentriert – genau andersherum wäre es richtig.

Die Wahlergebnisse in Italien und auch in Frankreich zeigten ebenso wie die Proteste in Griechenland oder Spanien, dass die südlichen EU-Länder die Sparpolitik nicht länger unterstützen. Ohne Kompromiss könnte dieser Konflikt zum Auseinanderbrechen des Euro-Raums führen.

"Die nördlichen Mitglieder der Euro-Zone, speziell Deutschland, sollten sich bereitwilliger zeigen, die Nachfrage durch Steuerkürzungen und Ausgabenerhöhungen zu stimulieren."

Ironischerweise hätten Grillo und Berlusconi zumindest jeweils mit einer Sache recht behalten: "Herr Grillo hatte recht, was Italiens überbezahlte und korrupte Politiker angeht. Herr Berlusconi hatte recht, dass Austerität allein die Krise in Europa nicht lösen wird."

Mi, 27.02.2013, 08.11 Uhr

Italiens Linke will trotz des Patts im Parlament die neue Regierung übernehmen. Spitzenkandidat Pier Luigi Bersani forderte Silvio Berlusconi und Beppe Grillo zur Übernahme von Verantwortung auf.

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