Es geht um die Wurst

Wie das Schlachter-Handwerk Nachwuchs für morgen angelt

Hamburg. Wer erinnert sich nicht an den Einkauf beim Schlachter als kleines Kind. Gleich zur Begrüßung, beim Abwiegen, spätestens aber nach dem Kassieren war eine kleine Wurstprobe obligatorisch. "Sag der Verkäuferin artig Danke", kam von der Mutter. Doch da war das Würstchen meist schon längst im Mund verschwunden. Mit den Wurstzipfeln zum Probieren ist jetzt bei vielen Schlachtern Schluss. Sie verteilen lieber Bücher. Genauer gesagt, ein kleines Pixi-Buch mit dem Titel "Ich hab einen Freund, der ist Fleischermeister", das es in noch keinem Buchladen gibt. Einen Tag lang darf der kleine Paul darin in der Schlachterei von Jürgen und Helma mithelfen (Seite 19). Dies ist kein Angriff auf den deutschen Buchhandel oder gar die Buchpreisbindung, sondern der verzweifelte Versuch eines traditionsreichen Handwerks, jungen Nachwuchs für den Fleischerberuf zu begeistern. Denn auch daran erinnert sich wohl jeder: Als vierjähriger Knirps nach den Berufswünschen befragt, sprudelte vom Feuerwehrmann bis zum Piloten und Astronauten alles aus einem heraus. Nur Fleischermeister nannte nie jemand, geschweige denn Fleischereifachverkäuferin. Das hatte ernste Folgen für den Beruf: Wurden in den 80er-Jahren bundesweit noch bis zu 24 000 Fleischer-Lehrlinge eingestellt und ausgebildet, ist es heute nur noch rund ein Drittel davon. "Auch in Hamburg könnten wir jetzt noch mindestens zehn Lehrlinge einstellen", beschreibt Kurt Torner (65), Obermeister der Fleischerinnung Hamburg, die Nachwuchssorgen. "Man muss zu diesem Beruf aber Lust haben. Sonst schmeckt die Wurst nicht." Auch Kurt Torner verteilt das Pixi-Buch kostenlos an seine jüngsten Kunden. Und einen Wurstzipfel zum Probieren gibt es außerdem.