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Wirtschaft

Kapitalismuskritik: Interview mit Michael Otto

"Nicht nur die Manager, alle waren zu gierig"

Gespräch über die Gründe für die Wirtschaftskrise, fragwürdige Staatshilfen und den Jobabbau im eigenen Konzern.

Michael Otto (66) ist Eigentümer und Aufsichtsratschef des weltgrößten Versandhändlers Otto mit einem Umsatz von gut zehn Milliarden Euro.
Foto: Ingo Röhrbein

Hamburg. Abendblatt: Die Welt steckt in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ist der Kapitalismus am Ende, Herr Otto?

Michael Otto: Der Kapitalismus sicher nicht, wohl aber der ungezügelte, nur auf kurzfristige Profitmaximierung ausgerichtete Kapitalismus. Was wir jetzt brauchen, ist eine Rückbesinnung auf die Werte der sozialen Marktwirtschaft mit klaren Spielregeln für alle Beteiligten. Die Unternehmer dürfen nicht nur an ihre Freiheit denken, sondern müssen sich auch ihrer Verantwortung für die Gesellschaft und für die Umwelt bewusst sein.

Abendblatt: Waren die Manager zu gierig?

Otto: Nicht nur die Manager, alle waren zu gierig. Die Anleger, die eine hohe Verzinsung für ihr Geld haben wollten, die Banken, die die entsprechenden Produkte dazu angeboten haben, aber auch die Kunden auf Schnäppchenjagd.

Abendblatt: Wer hat denn in besonderer Weise gegen die Regeln der sozialen Marktwirtschaft verstoßen?

Otto: Vor allem Banken. Nach der Deregulierung haben etliche Geldinstitute exzessiv ihre Freiheiten genutzt und immer mehr Finanzprodukte auf den Markt gebracht, die mit der realen Wirtschaft nichts mehr zu tun hatten. Es ging dabei nur noch um Spekulation. Ich habe schon im ersten Jahr meiner Banklehre gelernt: je höher die Verzinsung, desto höher das Risiko. Diesen Grundsatz scheinen einige Banker vergessen zu haben.

Abendblatt: Sind die Banken außer Kontrolle?

Otto: Das Finanzsystem ist aus den Fugen geraten und hat die gesamte Wirtschaft mit in die Tiefe gezogen. Wir müssen jetzt die Zeit der Krise nutzen, um internationale Regeln festzulegen, damit so etwas nicht wieder passiert.

Abendblatt: Erste Ansätze dazu gab es auf dem internationalen Finanzgipfel.

Otto: Es ist wichtig, dass die dort geschlossenen Vereinbarungen auch umgesetzt werden. Ich hielte darüber hinaus eine Art TÜV für Finanzprodukte für sinnvoll. Eine unabhängige Instanz sollte kontrollieren, ob es sich bei Fonds oder Zertifikaten um reine Kasinoprodukte handelt und diese dann gegebenenfalls nicht zulassen. Ich gebe aber zu, dass die Umsetzung dieser Idee nicht sehr wahrscheinlich ist.

Abendblatt: Die Banken rufen aber vor allem dann nach dem Staat, wenn es um Milliardenhilfen geht. Ist das gerechtfertigt?

Otto: Die Bundesregierung muss - wie andere Regierungen auch - den Finanzsektor stützen, weil er für das Funktionieren einer Volkswirtschaft unabdingbar ist. Deshalb war es auch richtig, dass in Berlin frühzeitig ein Hilfspaket für die Kreditinstitute geschnürt wurde. Die Staaten müssen notgedrungen die Versorgung der Wirtschaft mit Liquidität übernehmen, weil die Banken dazu selbst nicht mehr in der Lage sind.

Abendblatt: Blutet Ihnen als Hamburger aber nicht das Herz, wenn Sie sehen, dass die Stadt jetzt der HSH Nordbank mit Milliarden Euro zur Seite springen muss?

Otto: Es ist natürlich bitter, wenn man sieht, welche Verluste dort aufgelaufen sind. Doch Hamburg und Schleswig-Holstein als Gesellschafter hatten am Ende gar keine andere Wahl, als der HSH Nordbank unter die Arme zu greifen. Man darf nicht vergessen, dass die Bank der weltgrößte Schiffsfinanzierer ist. Ein Zusammenbruch würde auch Reeder und Werften in Mitleidenschaft ziehen.

Abendblatt: Nun rufen aber auch immer mehr Firmen außerhalb des Finanzsektors nach staatlicher Hilfe. Nicht zuletzt ihr Konkurrent Arcandor mit seinen Töchtern Karstadt und Quelle.

Otto: Zu einem direkten Wettbewerber möchte ich mich nicht äußern. Grundsätzlich - und da gibt es ja verschiedene Beispiele in Deutschland - kann es aber nicht sein, dass Unternehmen, die durch falsche Managemententscheidungen in Schwierigkeiten geraten sind, durch staatliche Hilfen noch am Leben erhalten werden. Das würde zu Wettbewerbsverzerrungen führen. Zur Marktwirtschaft gehört auch die Marktbereinigung, so hart das für die betroffenen Firmen und Mitarbeiter im Einzelnen auch ist.

Abendblatt: Woolworth und Hertie sind schon pleite. Rechnen Sie insbesondere im Einzelhandel mit weiteren Insolvenzen in diesem Jahr?

Otto: Ja, es ist davon auszugehen, dass weitere Firmen aus dem Einzelhandel angesichts der Krise aufgeben müssen. Im Augenblick ist die Konsumzurückhaltung der Verbraucher noch nicht so deutlich spürbar. Wenn aber die Arbeitslosenzahlen weiter steigen - was zu erwarten ist - dann wird sich das auch auf die Kauflust der Deutschen und damit auch auf die Umsätze des Handels auswirken.

Abendblatt: Was halten Sie von der Abwrackprämie, um die Konsumbereitschaft anzukurbeln?

Otto: Das ist eine äußerst zweifelhafte Maßnahme. Es werden Autokäufe vorgezogen, die in Zukunft fehlen und in Wirklichkeit fördert die Bundesregierung damit auch im beachtlichen Umfang die Autoproduktion in anderen Ländern und schadet Branchen wie dem Möbeleinzelhandel und den Möbelproduzenten. Wer sich jetzt ein neues Auto kauft, kauft beispielsweise nicht gleichzeitig auch eine neue Küche. So etwas auch noch mit Steuergeldern zu bezuschussen, ist höchst fragwürdig.

Abendblatt: Wie stark trifft die Wirtschaftkrise derzeit die Otto-Gruppe als weltgrößten Versandhändler?

Otto: Auch wir werden von der sinkenden Konsumlust nicht verschont bleiben. Angesichts des schwierigen Umfelds stehen wir im Augenblick aber noch vergleichsweise gut da. Das Geschäftsjahr 2008/2009 hat die Otto Group Ende Februar mit einem Umsatzplus von währungsbereinigt 1,8 Prozent abschließen können. In den ersten beiden Monaten des laufenden Geschäftsjahres liegen wir bei den Erlösen ebenfalls leicht über dem Vorjahr. Auf das gesamte Jahr gesehen gehe ich davon aus, dass wir uns besser als der Markt entwickeln werden.

Abendblatt: Aber auch Sie bauen Arbeitsplätze ab.

Otto: Das hat aber nichts mit der Wirtschaftskrise zu tun. Wir haben schon vor längerer Zeit mit der Umstrukturierung unserer Lagerlogistik begonnen, um schneller und flexibler zu werden. Unser gesamtes Sortiment soll im Regelservice künftig binnen 24 Stunden lieferbar sein. Im Saldo werden dadurch in der gesamten Lagerlogistik 360 von 7800 Arbeitsplätzen verloren gehen.

Abendblatt: In Hamburg sind es sogar 590 Stellen, die durch Verlagerung und Abbau wegfallen.

Otto: Das ist richtig, aber einen Teil davon bauen wir an anderer Stelle wieder auf. Zudem werden wir in der Verwaltung der Otto Group in diesem Jahr auch bis zu 600 Mitarbeiter neu einstellen, unter anderem in den Bereichen Multimedia und IT, zum größeren Teil für offene, teilweise aber auch für neue Stellen.

Abendblatt: Ist es Ihnen als Aufsichtsratsvorsitzender der Otto-Gruppe schwergefallen, den Abbau von Arbeitplätzen abzusegnen? Das entspricht nicht gerade der Firmenkultur.

Otto: Solche Entscheidungen sind immer die schwersten. Wir versuchen, das Ganze so sozialverträglich wie möglich zu gestalten, deshalb sind in diesem Jahr betriebsbedingte Kündigungen auch ausgeschlossen. Es geht aber letztlich darum, für die Zukunft gut aufgestellt zu sein. Wir wollen gar nicht erst in eine finanzielle Schieflage geraten, in der sich manch ein Wettbewerber jetzt befindet.

Abendblatt: Wann wird die Wirtschaftskrise in Deutschland überwunden sein?

Otto: Ich denke, dass wir im Herbst die Talsohle erreicht haben. 2010 geht es dann schrittweise wieder aufwärts. Amerika könnte sogar noch etwas schneller wieder auf die Beine kommen.

 

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