Grzimeks Tierleben
Bernhard Grzimek war Zoodirektor, Fernsehmoderator, Tierfilmer - und einer der ersten weltweit bekannten Naturschützer. Eine faszinierende Lebensgeschichte zwischen Deutschland und Afrika.
Der weltbekannte Nautr- und Umweltschützer Bernahrd Grzimek.
Foto: dpa
Schon dieser Name war außergewöhnlich. In einem Brief aus England hieß er "Grizimek", in Schreiben aus Australien "Grcymec", aus Moskau "Grgimeck" und aus Kenia "Griemsbeck". Die Person hinter diesem Namen war nicht weniger facettenreich: Bernhard Grzimek. Der Veterinär, Zoodirektor, Fernsehmoderator, Naturschützer, Filmer, Autor und Umweltpolitiker war in vielem, was er tat, ein Vorreiter. Am 24. April 2009 wäre er 100 Jahre alt geworden.
Sein Geburtsjahr teilte Bernhard Grzimek mit prominenten Zeitgenossen wie dem Komiker Heinz Erhardt, dem Kölner Volksschauspieler Willy Millowitsch, Königin Juliana der Niederlande, dem schwedischen Grafen Lennart Bernadotte oder dem britischen Ornithologen Sir Peter Markham Scott. Letztere standen mit ihm im Kampf für die Natur in Kontakt. Sie gehörten zu einer Generation, die zwei Weltkriege miterlebte, die Geburtsstunde des Fernsehens und das Aufkommen der Umweltbewegung.
Bernhard Grzimek hat sowohl die deutsche Fernsehunterhaltung als auch den Natur- und Umweltschutz von den 50ern bis in die 80er-Jahre geprägt wie kaum ein anderer. Dabei wollte er doch eigentlich Kutscher werden. Oder Franziskanerpater. Oder Landwirt.
Mit Hühnern hat alles angefangen. Noch als Schüler verliert Bernhard Grzimek sein Herz an Antwerpener Bartzwerghühner, die er bis ins Rentenalter züchten sollte. Als jüngstes von sechs Geschwistern im oberschlesischen Neisse geboren, wächst Bernhard Grzimek eigentlich in der Stadt auf. Sein Vater Paulfranz Grzimek, ein Rechtsanwalt und Notar, ist als erster seiner Familie dem Landleben entflohen. Als er 52-jährig stirbt, drei Wochen vor Bernhards drittem Geburtstag, zieht seine Frau mit den Kindern in einen Außenbezirk von Neisse.
Und dort schleppen die Jungs der Mutter so ziemlich alles an, vom Ferkel bis zur Schlange. Bernhard, das ursprünglich behäbige Kleinkind mit dem großen Kopf, konzentriert sich auf seine Bartzwerge. Er tritt in den Kleintierzüchterverein ein, baut Stallungen und Transportkäfige und stiehlt sich an Markttagen kurz vor den großen Pausen aus der Schule, um neue Hühner zu kaufen.
Kein Wunder, dass er nach dem Studium der Tiermedizin in Leipzig und Berlin seine Doktorarbeit über das Arteriensystem des Haushuhns verfasst. Bereits als Schüler hat er erste Artikel über Geflügelzucht geschrieben, und als er 1933 als Sachverständiger beim Preußischen Landwirtschaftsministerium in Berlin beginnt, zählen Geflügelfragen und die Überwachung der deutschen Eierwirtschaft zu seinen Aufgaben. In dieser Zeit hält Grzimek eine Käfighaltung von Legehennen noch für fortschrittlich: Durch das Geflecht fällt der Kot der Tiere hindurch, und sie können ihn so nicht wieder aufpicken - eine Neuaufnahme von Parasiten ist damit ausgeschlossen. 1975 muss sich Bernhard Grzimek vor Gericht jedoch dafür verantworten, Legehennenbatterien mit "KZ-Haltung" verglichen zu haben. Aus dem Geflügelzüchter ist längst ein Natur- und Tierschützer geworden, und als solcher bekommt er vor Gericht recht.
Bevor er der James Bond des Naturschutzes wird, der illegal in Hühnerfarmen eindringt, sich im Kampf gegen Wilderer filmreif mit einem Amphibienfahrzeug in afrikanische Gewässer stürzt, Regierungen öffentlich an den Pranger stellt (zum Beispiel bei einer Kampagne gegen das Abschlachten von Babyrobben) oder sich im Dienst des Naturschutzes mit Diktatoren wie Idi Amin trifft, wird er aus einer Gelegenheit heraus der Direktor des Frankfurter Zoos. Während des Zweiten Weltkrieges hatte Bernhard Grzimek als Veterinäroffizier Pferdebestände kontrolliert. Nun baut er den stark zerstörten Zoologischen Garten Frankfurts wieder auf. Die Basis, von der aus er seine vielen Aktivitäten koordinieren kann.
Zum Beispiel seine Fernseh-Sendereihe "Ein Platz für Tiere", die ihn mit 175 Folgen zu einem der bekanntesten Deutschen seiner Zeit macht. Der Einstieg in seine Fernsehkarriere ist ein Bericht über die Gorillakinder in Obhut der Familie Grzimek. Seine erste Frau Hildegard, die Söhne Rochus und Michael und später auch Adoptivsohn Thomas müssen den Mann und Vater stets mit Tieren teilen. Von Wölfen bis Buschbabys lebt alles mit ihnen unter einem Dach. Die Anekdoten bringt Bernhard Grzimek in Zeitschriften und Büchern zu Papier, Sohn Michael bannt sie auf Film. Bei einer ersten gemeinsamen Reise an die Elfenbeinküste 1951 infizieren sich Vater und Sohn mit dem Afrika-Virus - bis zu ihrem großen Serengeti-Projekt, bei dem sie die Wanderungen der Tierherden erforschen und darüber den Oscar-prämierten Kinofilm "Serengeti darf nicht sterben" drehen, ist es jetzt nicht mehr weit. Leider endet der gemeinsame Weg für die beiden hier: Michael Grzimek stirbt in Afrika beim Absturz mit der Dornier, die die beiden Männer von Frankfurt aus in die Serengeti geflogen haben.
Sein Vater vergräbt sich daraufhin noch mehr in die Arbeit: Neben vielen Ämtern nimmt der Mann, der Vereinsmeierei hasst, schließlich sogar die Berufung als erster Beauftragter der Bundesregierung für den Naturschutz unter Kanzler Willy Brandt an. Ein Posten, von dem er sich mehr Einfluss erhofft hat. Und den er frustriert nach drei Jahren zurückgibt, als er erkennen muss, dass er ein Stück weit als Alibi-Name eingekauft worden ist.
Dennoch kämpft er weiter für den Naturschutz, bis zum Ende. Bernhard Grzimek stirbt 77-jährig am Freitag, den 13. März 1987, während einer Tigerdressur im Zirkus. Seine Urne wird an der Steinpyramide oberhalb des Ngorongoro-Kraters beigesetzt, an der schon Michael seine letzte Ruhestätte fand. Noch heute wirkt sein Leben nach: Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt engagiert sich weltweit für den Naturschutz wie kaum eine andere Stiftung ihrer Art. Loriots Grzimek-Parodie, die berühmte "Steinlaus", ist wegen seiner Popularität unvergessen. Übrigens: Der Name Grzimek spricht sich, so hat es Bernhard einst selbst erklärt, wie folgt aus: Das "rz" weich, wie das "J" im französischen Wort "Jardin" (Garten). Davor dann das "G". Also etwa so, als würde der Name "Gschimek" geschrieben - eine Variante, die in den mehr als 20 verschiedenen Anreden aus 42 Jahren internationaler Geschäftspost überraschenderweise fehlt.
Claudia Sewig: "Bernhard Grzimek. Der Mann, der die Tiere liebte", 447 Seiten, 64 Abbildungen, 24,95 Euro, Lübbe. Concorde Entertainment veröffentlicht vier DVDs mit den Höhepunkten aus "Ein Platz für Tiere".




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