LANGZEITURLAUB: REISEN UND KRAFT TANKEN
Ausstieg auf Zeit - Sabbat im Job
Mehr als zwei Drittel der Deutschen würden es gerne tun. Eine Zeit lang aussteigen - den Job einfach mal Job sein lassen, die Wohnung untervermieten und raus. Deutschland verlassen, dem Alltag entfliehen. Doch sie haben Angst vor der Rückkehr. Nicht ohne Grund: Viele Arbeitgeber stehen längeren Auszeiten ihrer Mitarbeiter skeptisch gegenüber. Ein Plädoyer für das Sabbatjahr.
Raus aus der Stadt. Einfach mal weg - von den Kollegen im Kindergarten, von Freunden, von der Familie. Kerstin David, seit knapp zehn Jahren Erzieherin im Rellinger Matthäus-Kindergarten, stand kurz vor ihrem 30. Geburtstag und wollte einfach mal was anderes machen.
Schon 2001 hatte sie sich bei einem Sprachinstitut für Spanisch-Stunden eingeschrieben. Nach Dienstschluss paukte Kerstin Vokabeln, war so begeistert, dass sie einen Kursus nach dem nächsten belegte. Und träumte sich aus ihrer kleinen Wohnung in Hamburg-Winterhude an die sonnige Küste Spaniens. Herbst 2005, der Hamburger Himmel war mal wieder grau. Kerstin Single erinnert sich: "Mir wurde klar, es musste etwas passieren. Ich sehnte mich nach einem Tapetenwechsel." Beim Betrachten der letzten Urlaubsfotos dachte sie an die Animateure in dem Ferienklub auf Gran Canaria und wie unbeschwert die jungen Leute gewirkt hatten.
Arbeiten, wo andere Urlaub machen - diese Idee verfestigte sich immer stärker. In der Personalabteilung erkundigte sich Kerstin, ob ein längerer unbezahlter Urlaub grundsätz- lich möglich sei. Dann bewarb sie sich bei Reiseveranstaltern als Kinderanimateurin, wurde im Oktober 2005 zu einem Casting eingeladen. Mit der Zusage in der Tasche, vereinbarte sie mit ihrer Chefin den endgültigen Zeitraum. Im April 2006 war es endlich so weit: Mit Gepäck für sieben Monate und einem Zettel mit der Adresse eines Klubs auf Fuerteventura stieg sie ins Flugzeug in Richtung Kanarische Inseln.
Aussteigen auf Zeit, ohne den festen Job dafür aufs Spiel zu setzen - für viele Berufstätige ein Traum. 72 Prozent der Deutschen würden eine solche Job-Auszeit, ein sogenanntes Sabbatical, gern nehmen. Das zeigen Zahlen aus einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Gewis. Die Idee: Während des sogenannten Sabbatjahrs (Sabbat von hebräisch "schabbat": ruhen) soll der Ackerbau nach sechs Jahren pausieren und der Boden brachliegen, um sich zu regenerieren. Regenerieren, Zeit zum Durchatmen - das ist der Sinn eines Sabbaticals für Berufstätige. Und nach der Ruhephase, so die Hoffnung, kehren Mitarbeiter ausgeruht, inspiriert von neuen Eindrücken und motivierter an ihren Arbeitsplatz zurück.
Regina Voß (51), Leiterin des Matthäus-Kindergartens und Chefin von Kerstin David, stand dem Wunsch ihrer Angestellten von Anfang an aufgeschlossen gegenüber. "Auch ich war in jungen Jahren für längere Zeit im Ausland, konnte Kerstin gut verstehen und wollte sie bei ihrer Idee unterstützen." Andererseits wusste sie: "Das bedeutet auf jeden Fall Mehrarbeit für das gesamte Team." Sie habe den Träger des Kindergartens, die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Rellingen, überzeugt und mit allen Erzieherinnen gesprochen. Für die Zeit, in der Kerstin fehlte, stellte Voß eine Vertretungskraft ein. Sie sagt: "Wir fanden das alle sehr mutig von Kerstin." Und: "Auch wir haben letztendlich davon profitiert. Kerstin kam mit vielen neuen Ideen zurück, hat alle mit ihrer guten Laune angesteckt."
Vorteile für das Unternehmen
Auch in der Wirtschaft haben Unternehmen den Nutzen von Sabbaticals erkannt und unterstützen ihre Mitarbeiter aktiv bei der Planung ihrer Job-Auszeit. Bei der Strategieberatung Roland Berger etwa nehmen sich bis zu 30 Berater in Deutschland pro Jahr eine Auszeit, Tendenz steigend. "Die Möglichkeit gibt es schon sehr lange, vor etwa fünf Jahren haben wir Leitlinien für Sabbaticals eingeführt", sagt Personaldirektor Sven Breipohl. Bis zu sechs Monate am Stück könne ein Mitarbeiter unbezahlten Urlaub nehmen, genutzt werde das überwiegend für Reisen oder soziales Engagement. "Sabbaticals sind Teil unserer Unternehmenskultur geworden", sagt Breipohl. "Die Mitarbeiter kommen mit einer sehr positiven Einstellung zurück, mit neuer Energie. Das trägt zur Zufriedenheit und damit zur Motivation unserer Berater bei." Sabbaticals, so seine Erfahrung, bringen sowohl den Familien der Angestellten als auch dem Unternehmen "viele Vorteile".
In der BMW Group werden längere Job-Auszeiten seit 1994 unterstützt. Seither haben mehr als 7000 Mitarbeiter diese Möglichkeit genutzt, allein 2006 waren es 1400. Das Sabbatical kann zwischen einem und sechs Monaten dauern. In dieser Zeit gibt es weiterhin Geld von BMW, das bis zu drei Jahre lang mit dem monatlichen Entgelt verrechnet wird. Die meisten, so Unternehmenssprecherin Heike Stegert, nutzten die Zeit zur Weiterbildung, etwa für die Meisterprüfung oder für längere Sprachurlaube. Bei BMW ist man sicher: "Zufriedenere Mitarbeiter bringen bessere Leistungen."
Doch nicht jeder Arbeitgeber sieht Sabbaticals so positiv. Nach einer Umfrage des Recruiting-Dienstleisters Career Company ist nur jeder fünfte Personalchef der Ansicht, ein Sabbatjahr sei gut für die Motivation. Vorgesetzte tun sich schwer, bedeutet es für sie doch organisatorischen Mehraufwand, die Suche nach einer geeigneten Vertretungskraft, Unruhe im Team. Viele Ausstiegswillige haben daher Angst um ihren Job, fürchten zumindest einen Karriereknick.
Diejenigen, die es gemacht haben, die ein Sabbatjahr gewagt haben, berichten durchweg positiv von ihren Erfahrungen. So ging auch Björn von Kleist (39) nach seiner Job-Auszeit motivierter zurück an seinen Arbeitsplatz. Als Lehrer für Physik und Sport am Albrecht-Thaer-Gymnasium in Stellingen hatte er es bei der Planung seines Sabbaticals einfacher als andere Berufstätige. Lehrer können sich für mindestens ein Schuljahr freistellen lassen. Zur Finanzierung gibt es mehrere Möglichkeiten, Björn von Kleist arbeitete vor seiner Auszeit zwei Jahre lang in Vollzeit für zwei Drittel des Gehalts und sparte sich so das dritte, freie Jahr an. Dann ging es auf Weltreise. "Während Schul- und Studienzeit hatte ich nie die Möglichkeit, weit zu reisen. Entweder es fehlte das Geld oder die Zeit. Das wollte ich unbedingt nachholen."
Träume endlich verwirklichen
Also trug er seine Idee schon mehrere Monate nach seiner Anstellung der Schulleiterin vor. "Sie war sehr aufgeschlossen, auch viele Kollegen haben sich für mich gefreut", sagt Björn von Kleist heute. Den Zeitpunkt wählte er so, dass auch seine Schüler möglichst keinen Nachteil von einem Klassenlehrerwechsel hatten. Zu Hause wartete der feste Job auf ihn, während er seinen Traum verwirklichte.
Zusammen mit Freundin Marion (34) plante er die Route. Im September 2002 war es so weit. Sieben Monate bereiste das Paar mehrere Kontinente, lernte Land und Leute in den USA, in Mexiko, Kanada, Hawaii, Australien, Fidschi und auf den Cook-Inseln kennen. In Kalifornien besuchten sie einen Freund, in Mexiko eine ehemalige Kollegin. Ihre beiden Wohnungen hatten die Hamburger untervermietet. Björn von Kleist: "Hätten wir das nicht gemacht, wäre uns vieles entgangen. Ich hätte das womöglich bereut." Einfach mal raus - dieser Traum sei gar nicht so weit weg.



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