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Thema

Kindheitserinnerung: Alltag in der DDR

Der Geschmack von Pfeffis ...

Zehn Jahre lebte ich in der DDR. Dann kam die Wende. Auf einmal wurde alles anders, das Leben änderte sich grundlegend. Wie es sich anfühlt, eine völlig neue Welt zu entdecken.


Foto: Röhrbein

Meine Erinnerungen an die DDR sind die eines Kindes. Sie sind naiv und unvollständig. Für mich war die DDR Vita-Cola, Nudossi, Erdnussflips, Bambina-Schokolade, Letscho, Pfeffis, Burattino, der Geruch des Delikatladens, Ottokar, das Früchtchen, die kleinen Trompeterbücher, "Mosaik"-Hefte mit den Abrafaxen und Digedags. Mir war es egal, dass die Kinderzeitschrift "Bummi" vom Zentralrat der FDJ herausgegeben wurde. Ich wusste es nicht einmal. Mich interessierten nur die vielen bunten Bilder und die Geschichten über den Bären Bummi und seine Freunde Maxl und Mischka. Es war mir egal, dass die Zeitschrift "Atze" Propagandazwecken diente. Mir gefielen einfach nur die Comics um die Mäuse Fix, Fax und Fex. Von Stasispitzeln und Todesschüssen an der Grenze ahnte ich nichts. Meine Kindheit war unbeschwert und glücklich.

Ich besuchte die Polytechnische Oberschule Vilis Lâcis in Rostock, benannt nach dem lettischen Schriftsteller und Politiker der Sowjetzeit. Alle Schulen waren nach Kommunisten benannt. Straßen auch. Und so wohnte ich mit meiner Familie an der Vilis-Lâcis-Straße. Wir waren gerade erst in das Neubaugebiet nach Dierkow gezogen. Während heute niemand mehr in der Platte groß werden will, war es damals ein großes Glück, eine neue Vierraumwohnung zu bekommen. Ich war sechs Jahre alt und gerade eingeschult worden.

In der ersten Klasse mussten alle Kinder das "Pionierversprechen" ablegen. Jemand sprach es uns vor, wir plapperten nach. Auch ich versprach, ein guter Jungpionier zu sein und nach den Geboten der Jungpioniere zu handeln. Wir standen im FDJ-Zimmer. Diesen Raum gab es in jeder Schule. Hier wurden die Gruppenwimpel aller Klassen aufbewahrt. Eine Wandzeitung erinnerte an das Leben von Vilis Lâcis. Nachdem wir unser Sprüchlein aufgesagt hatten, erklärte uns die Pionier-Leiterin feierlich zu Jungpionieren. Die älte-ren Schüler banden uns das drei-eckige blaue Halstuch mit einem speziellen Pionierknoten um. Sie selbst trugen das rote Halstuch. Sie waren schon Thälmann-Pioniere. Auf dem linken Ärmel ihrer weißen Pionierbluse war das Emblem der Pionierorganisation aufgenäht. Diese Uniform wurde immer bei feierlichen Anlässen getragen.

Wir erhielten einen Pionierausweis, in dem zehn Gebote standen. Erstes Gebot: "Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik." Außerdem sollten wir unsere Eltern lieben und den Frieden, was nicht weiter schwer war. Wir sollten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und "aller Länder" halten. Ich hatte lediglich eine sowjetische Brieffreundin. Kinder aus anderen Ländern lernte ich nie kennen. Wir gelobten, fleißig zu lernen, ordentlich und diszipliniert zu sein. Wir wollten "alle arbeitenden Menschen" achten und überall tüchtig mithelfen. Und auch die restlichen Gebote, die heute lächerlich erscheinen mögen, versuchten wir zu beherzigen: "Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander. Wir singen und tanzen, spielen und basteln gern. Wir treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund. Wir tragen mit Stolz unser blaues Halstuch. Wir bereiten uns darauf vor, gute Thälmann-Pioniere zu werden." Letzteres ließ sich kaum vermeiden, da man mit Eintritt in die vierte Klasse ohnehin Thälmann-Pionier wurde.

Jeden Morgen zelebrierten wir den Pioniergruß. Der Pionierleiter rief "Seid bereit", worauf die Klasse im Chor antwortete "Immer Bereit". Dazu schnellte die rechte Hand wie ein aufgestellter Hahnenkamm an den Mittelscheitel. Erst dann durften wir uns setzen. Der Schulalltag war von Fahnenappellen, Pioniernachmittagen oder Solidaritätsbasaren für die hungernden Kinder in der sogenannten Dritten Welt geprägt. Heute erscheint mir alles beinahe surreal. Wie eine Szene aus einem Film, fern jeder Realität. Doch damals waren wir keine Zuschauer.

Fahnenappelle fanden ständig statt. Anlässe gab es genug: die Vergabe der Endjahreszeugnisse, der Internationale Kindertag oder der Todestag von Teddy alias Ernst Thälmann. Alle Klassen hatten sich auf dem Schulhof aufzustellen. Die FDJler trugen das blaue FDJ-Hemd, die Pioniere weiße Pionierbluse mit blauem oder rotem Halstuch. Die stellvertretenden Vorsitzenden der Gruppenräte standen mit dem Klassenwimpel, einer blauen Fahne mit dem Symbol der Jugendorganisation, in der ersten Reihe.

Keine einfache Aufgabe für einen Knirps - die Fahnenstange war fast zwei Meter hoch und Appelle lang. Kommandos, Trommelwirbel und Musik rahmten Ansprachen. Manchmal wurden besonders gute Schüler nach vorne gebeten und vom Schuldirektor mit einer Urkunde oder einer Anstecknadel ausgezeichnet. Ein kleines Geschenk gab es auch. Aus den hinteren Reihen konnte man nie erkennen, was den Kindern überreicht wurde. Dabei interessierte uns das am meisten. Einmal stand ich auch da vorn und wurde für "gutes Lernen" gelobt. Der Direktor drückte mir ein Bastelset in die Hand. Vorgeschnittene Muster für eine kleine Eule aus Filz, die ich selbst zusammennähen und mit Wolle ausstopfen musste. Was für eine Enttäuschung.

Jedes Schuljahr wählte die Klasse einen Gruppenrat. Die Mitglieder des Gruppenrats organisierten Pioniernachmittage, die jeden Mittwoch stattfanden. Bei den Schülern war der Tag sehr beliebt, weil die Lehrer nie Hausaufgaben erteilten. Wer im Gruppenrat war, war Ansprechpartner und Vorbild für seine Mitschüler. Ich schaffte es immerhin zum Stellvertretenden Wandzeitungsredakteur. Ich gestaltete Collagen auf einer großen, mit Stoff bezogenen Tafel. Wandzeitungen sollten die sozialistische Gesinnung festigen. Ein anderes Mal wurde ich zum Kassierer ernannt und musste die Beiträge für die Mitgliedsmarken einsammeln. Welchen Sinn, diese Marken eigentlich hatten, weiß ich bis heute nicht. Wichtig war nur, dass man sie in ein kleines Heft einklebte.

Jedes Jahr am 12. Juni wurde der Tag des Lehrers begangen. Die Pädagogen wurden für ihre Arbeit geehrt. Schüler sangen ihnen Lieder, sagten Gedichte auf oder brachten selbst gepflückte Blumen mit - Bartnelken. Aber nur unseren Lieblingslehrern.

Nelken spielten auch am 1. Mai eine große Rolle. An diesem Tag wurde nicht gearbeitet, sondern marschiert. Jeder Bürger war verpflichtet, an Maidemonstrationen teilzunehmen. Die Erwachsenen gingen zusammen mit ihren Arbeitskollegen. Wir Kinder begleiteten unsere Eltern. Dabei hielten wir selbst gebastelte Maistöcke in der Hand, an denen bunte Luftballons, rote Kunststoffnelken und flatterndes Krepppapier hingen. Schließlich hatten wir als Jungpioniere gelobt, gerne zu basteln. Und zu kaufen gab es sowieso nichts. Mit kleinen Papierfähnchen winkten wir den Politbonzen auf ihren Tribünen zu. Am nächsten Tag kontrollierten Arbeitgeber und Lehrer, ob man dabei gewesen war. Und wehe, wenn nicht. Dann musste man mit Sanktionen rechnen. So weigerte sich meine Mutter einmal, ein Transparent mit sozialistischer Parole zu tragen. Den bereits versprochenen Urlaubsplatz bekam danach eine andere Familie. Aber das erfuhr ich erst Jahre später.

Dabei war es sehr schwierig gewesen, den Urlaubsplatz überhaupt zu bekommen. Denn der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) regelte die Vergabe. Selbst als Mitglied musste man oft jahrelang warten. Und ohne zugeteilten Urlaubsplatz war es kaum möglich, ein Hotelzimmer zu buchen. Die Alternative: Man versuchte bei Privatleuten unterzukommen. Die Ferienplätze waren übrigens nicht wählbar. Man nahm, was man zugewiesen bekam. Wer keinen FDGB-Ferienplatz bekam, konnte wenigstens seine Kinder ins Ferienlager schicken. Dagegen konnte ich mich immer erfolgreich wehren. Ich verbrachte meine Ferien lieber auf dem Bauerhof meiner Großeltern oder mit den Eltern an der Ostsee. Schließlich lag die gleich vor der Tür. Bepackt mit einer großen Kühlbox voller Proviant und unserem selbst genähtem Windschutz verbrachten wir den ganzen Tag am FKK.

Im Mai 1989 begann Ungarn, die Grenzen nach Österreich abzubauen. Ich war zehn Jahre alt. Tausende DDR-Bürger flüchteten in die Botschaften der BRD in Budapest, Prag und Warschau. Am 11. September öffnete Ungarn die Grenze zu Österreich. Die Menschen flohen. Sie ließen alles zurück, ohne zu wissen, ob sie jemals wiederkehren würden und was die Zukunft bringen würde. Auch meine Eltern dachten an Flucht. Doch wie sollte man das mit zwei kleinen Kindern bewerkstelligen? Wir blieben.

Die Fluchtwelle wurde von Bürgerbewegungen und Massendemonstrationen begleitet. Auch meine Eltern gingen abends zu den Kundgebungen in der Innenstadt und nahmen an den Friedensgebeten in der Petrikirche teil. Tausende Menschen trugen Kerzen. Als Zeichen des friedlichen Protestes. Die DDR-Regierung reagierte auf den Druck mit der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989. Später fiel die Mauer. Eine Nachricht, die kaum jemand glauben konnte. Meine Eltern erfuhren es aus den Fernsehnachrichten. Sie umarmten sich und köpften eine Flasche Rotkäppchensekt. Meine kleine Schwester und ich verstanden nicht, was das für unser weiteres Leben bedeuten sollte. Wir spürten nur, dass es eine gute Nachricht war.

Dieses Gefühl verstärkte sich, als wir zum ersten Mal mit unserem himmelblauen Trabi nach Lübeck knatterten. Meine Schwester und ich drückten uns die Nasen an den Autoscheiben platt. Aufgeregt winkten wir anderen Fahrern zu, die uns freundlich hupend und ebenfalls winkend überholten. Was für eine Freude. Bei unserer Ankunft in Lübeck drückte mir ein älterer Mann zwanzig Mark in die Hand. Für Süßigkeiten. Einmal hatte ich schon eine Tafel Schokolade aus dem Westen gegessen. Meine Tante hatte sie uns aufgehoben. Nie vergesse ich den Geschmack der weißen Nestletafel. Wir versuchten, sie uns einzuteilen. Ganz langsam lutschten wir die Stückchen. Die Erwachsenen hatten verzichtet. Das taten sie immer, wenn sie etwas Seltenes wie Bananen ergattert hatten. Manchmal, nicht oft, fand man im Glas mit Mischobst zwischen Pflaumen, Äpfeln und Birnen auch einen Pfirsich. Der war dann meiner Schwester und mir vorbehalten.

Zielstrebig steuerten wir in Lübeck einen Discounter an. Staunend standen wir vor einer Pyramide aus Dosenananas. Nur ein paar Pfennige sollte eine Dose kosten? Warum verlangte man im Delikatladen unverschämte 16 DDR-Mark? Nur zu Geburtstagen leistete man sich diesen Luxus. Dann lag in der Mitte der Obsttorte ein Ananasring, damit jeder Gast ein Stückchen abbekam. Ich hob mir die Tortenspitze immer bis zum Schluss auf. Und hier wurden einem diese exotischen Früchte quasi hinterhergeworfen.

Und es kam noch besser: In der Obstabteilung lagen Sorten, deren Namen wir noch nicht einmal gehört hatten. Was bitte sollte eine Kiwi sein? Die Vielfalt war berauschend. Alles war bunt und aufregend. Plötzlich gab es so viel Neues zu entdecken. Nur eines war klar: Vom Begrüßungsgeld kaufte ich mir eine Barbie. Damals spielten Zehnjährige noch mit Puppen. Auf der Rückbank des Trabi hielt ich sie stolz im Arm. Soweit ich mich erinnere, war ich niemals glücklicher.

 

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